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Immer mehr Saar-Gastronomen machen auch mittags zu. Warum?

Kostenpflichtiger Inhalt: Coronakrise : Das Virus trifft die Saar-Gastronomie hart

Eigentlich dürfen Restaurants und Gaststätten tagsüber von 6 bis 18 Uhr offen bleiben. Doch ab Donnerstag sperren viele Lokale zu.

Die Stimmung in „Hämmerle’s Restaurant“ (Blieskastel) muss sich am Dienstagabend wohl ein wenig wie auf der „Titanic“ angefühlt haben. „Unsere Stammgäste haben noch einmal richtig Gas gegeben – und wir auch“, sagt Sternekoch Cliff Hämmerle. Endzeitstimmung, denn um 24 Uhr trat die Allgemeinverfügung in Kraft, die Gaststätten und Restaurants Bewirtungen nur noch bis 18 Uhr erlaubt. Aber zumindest mittags noch hätte von Staats wegen die Chance auf kleine Fluchten vor der Corona-Tristesse bestanden. Doch selbst damit könnte es bald vorbei sein, setzt sich ein Trend durch, der sich gestern bei SZ-Recherchen zeigte: Immer mehr Restaurantbetreiber vollziehen ihren individuellen Shutdown und schließen ganz. Auch Hämmerle wird mittags nicht mehr öffnen: „Wir wollen den Supergau vermeiden, dass sich hier irgendjemand ansteckt“, sagt er. Mit der Fürsorge für Gäste und Mitarbeiter begründen viele seiner Kollegen ihren radikalen Schritt. Mancher hat Humor. Beim Gasthaus „Wurm“ am Saarbrücker St. Johanner Markt liest man an der Tür: „Betreutes Trinken heißt auch Verantwortung zu übernehmen.“

Cliff  Hämmerle betreibt in Blieskastel das Sternerestaurant „Barrique“ und „Landgenuss“. Foto: Thomas Reinhardt

Womöglich hat Drei-Sterne-Koch Christian Bau das Nachdenken angeschoben, denn die Szene ist bestens vernetzt. Bau gab am Montag bekannt, dass er sein Lokal „Victor’s Fine Dining“ (Perl) ganz schließt, was außer abends allerdings nur sonntagsmittags geöffnet war. Eine SZ-Blitz-Recherche gestern ergab, dass insbesondere die Spitzengastronomie und höherpreisige Lokale ähnlich reagieren. Viele wollen ihre Mittagsangebote trotz staatlicher Erlaubnis nicht mehr aufrechterhalten. Unter anderem melden das Saarbrücker Sternerestaurant Esplanade, das Saarlouiser „La Maison“, die Zweibrücker Fasanerie, das Saarbrücker Restaurant Quack oder auch die „Niedmühle“ in Rehlingen-Siersburg Total-Schließungen. „Niedmühle“-Chef Stefan Burbach plant sogar eine zweimonatige Auszeit. Dies, obwohl ihn jede Schließ-Woche nach eigener Aussage 20 000 Euro kostet. Der Mittagstisch sei für ihn und viele Kollegen meist nur ein Zusatzgeschäft, so Burbach. Auch brauche es für hochwertige Speisekarten einen bestimmten Umschlag an Waren, was ohne Abendgeschäft nicht zu leisten sei. Kreative Lösungen wie sie Spitzen-Gastronomen in Bayern praktizieren, die ihren Gästen Abhol-Service auch für Top-Menüs anbieten, hält er nur für Metropolen für sinnvoll. Lägen Lokale wie die „Niedmühle“ weit vom Schuss, sei das keine Option.

Drei-Sterne-Koch Christian Bau von „Victor‘s Fine Dining“ in Perl . Foto: dpa/Oliver Dietze

Den Hauptausschlag für den Total-Stopp gab für ihn aber wohl das Verhalten der Kunden: „Es kommt einfach keiner mehr“, sagt Burbach. Auch Hämmerle berichtet von einer seit Tagen herrschenden „immensen Storno-Welle“ auch mittags und von gedrückter Stimmung beim Mittagstisch: „Das Essengehen macht den Leuten einfach keinen Spaß mehr.“

Der Blick auf nahezu leere Stuhlreihen in fast allen Saarbrücker Innenstadt-Gastro-Betrieben bestätigt diese These. Sinnbild dafür: Die „Food-Zone“ in der Europa-Galerie, sonst Hotspot für Mittagsgäste. Doch jetzt stapeln sich Stühle auf den Tischen, um die Absperrbänder gespannt sind. Denn die Vorschrift, eineinhalb Meter Abstand zu halten, wäre in der Foodzone nicht zu wahren. Ab Donnerstag verbietet das Gesundheitsministerium auch die Außenbestuhlung der Restaurants. Weitere Impressionen? Die „Nordsee“ lässt gar keine Gäste mehr rein, der „Pizzahut“ hatte bis 12.30 Uhr null Gäste. „Wenn ich was zu sagen hätte, wäre die Gastronomie ganz zu wie in Österreich“, sagt Nicole Deutsch, deren Mann Franchise-Nehmer von „Dean and David“ (Saarbrücken) ist. Das Offenhalten lohne nicht, selbst das Abhol-Geschäft biete keine Kompensation, denn alle hielten ihr Geld zusammen. Und wer Home office mache, koche wohl auch selbst. Das „Rumgeeiere“ ärgert sie, denn die Menschen seien ängstlich, die Mitarbeiter müssten sich misstrauische Kommentare zur Hygiene anhören. Obwohl auf jedem zweiten Tisch ein Kärtchen steht: „Reserviert, damit Corona verliert“. Bei fast allen Lokalen wird die Abstandsregel durch die Markierung von Tischen als „Reserviert“ eingehalten, draußen sind die Tische voneinander weg gerückt. Alles vorbildlich, aber trotzdem herrscht offensichtlich kulinarische Konsum-Unlust. Hätte man nicht vermutet, dass die Menschen sich freuen, dass zumindest dieses Mini-Stück Lebensfreude und Ablenkung nicht auch noch verloren geht?

Im Saarbrücker Traditions-Gasthaus „Zahm“ sitzen zwei statt üblicherweise 40 Gäste. „Corona mag kein Killervirus sein“, sagt Chef Jürgen Petry., „Für uns ist Corona das schon.“ Der Einzelhandel könne womöglich auf Nachhol-Effekte hoffen: „Aber für uns gilt: Der Umsatz, der weg ist, ist weg.“ Petry rechnet fest mit einem immensen Gasthaus-Sterben. Die Dehoga-Saar hat es gegenüber der SZ mit 70, 80 Prozent beziffert.

Jema, die „Pizzahut“-Mitarbeiterin, steht ratlos hinter der Straßen-Verkaufs-Theke, beobachtet das durchaus akzeptable Fußgänger-Aufkommen. Doch kein Kunde kommt zu ihr. „Das mit den Öffnungszeiten wird so nicht halten“, meint sie – womöglich prophetisch. Denn der rheinland-pfälzische Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hat bereits eine amtliche Schließung aller Hotels und Restaurants gefordert. Mit der teilweisen Schließung greife der Staat in das „unternehmerische Handeln“ ein, so dass die Betriebe faktisch nicht mehr wirtschaften könnten, hieß es. Die Dehoga Saar wollte sich zu diesem Vorschlag bis Redaktionsschluss nicht äußern.