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Grenzkontrollen zwischen Saarland und Frankreich wegen Coronavirus

Menschengemachte Trennlinien : Wenn Grenzen plötzlich wieder auftauchen

Nicht jeder Mensch kennt sie: Grenzen. Nüchtern betrachtet, ist eine Grenze nicht mehr als eine Linie, die zwei Dinge voneinander trennt. Mehr noch – und vielleicht sogar wichtiger: Sie verleiht Kontur, sie macht nicht nur unterscheidbar, sie behauptet Unterschiede.

Und: Es gibt keine Grenze, die nicht menschengemacht ist. Natürlich auch nicht die zwischen dem Saarland und Frankreich oder Luxemburg. Auch die sind menschengemacht. Und seit Montagmorgen, 8 Uhr, wieder da.

Zumindest die Grenzkontrollen. Die gab es seit dem Schengener Abkommen 1985 nicht mehr wirklich. Die zu Rheinland-Pfalz seit 1957 nicht mehr. Grenzkontrollenlos leben – das konnten die Saarländer bis Montag. Bis das Corona-Virus die einst überwundenen Grenzen wieder erfahrbar gemacht hat. Der Grund, sie wieder deutlicher zu ziehen, ist klar: Die französische Region Grand Est gilt als Corona-Risikogebiet. „Diese Maßnahme ist keine Absage an grenzüberschreitende Zusammenarbeit, sie ist kein Rückzug ins Nationale“, sagte Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) am Sonntag. Und: „Wir müssen jetzt ein bisschen Abstand halten, aber das wird uns in der Großregion nicht auseinanderdividieren.“ Ziel sei es, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Um die Gesundheitssysteme nicht zu überlasten. Deutsche Staatsbürger dürften einreisen, ebenso Pendler und Lastwagen mit Waren. Alle anderen nicht. Für viele Menschen in der Grenzregion eine neue Erfahrung.

„Bisher habe ich an der Grenze gelebt“, erzählt Hélène Maillasson, die nun seit elf Jahren im Saarland wohnt. Seit Montag „lebe ich hinter der Grenze“. Sie fühlt sich ausgesperrt von ihrer Heimat. Sie ist gebürtige Französin, lebt in Saarbrücken, ihre Eltern stammen aus Angoulême, leben dort. „Wir können uns nicht besuchen im Moment“, erklärt die Redakteurin. Würde sie rüber fahren, käme sie vielleicht nicht mehr zurück zu Mann und Sohn nach Deutschland. Und ihre Eltern kommen erst gar nicht über die Grenze. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, berichtet Maillasson. Sogar noch etwas mehr als das: „Bisher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich ewig im Ausland leben will. Jetzt kam gestern irgendwie der Gedanke, mal wieder zurückzugehen.“ Hinter die Grenze.

„Das war schon ein komisches Gefühl, als wir davon in den Nachrichten gehört haben, dass die Grenzen wieder kontrolliert werden“, erklärt Julien R., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er lebt direkt hinter der Grenze in Grosbliederstroff. Nur die Saar trennt den Ort von Kleinblittersdorf in Deutschland. Eine Fußgängerbrücke geht darüber. Sie heißt Freundschaftsbrücke. Julien arbeitet in Deutschland, sein Arbeitgeber ermöglicht ihm in der Corona-Krise Homeoffice. „Ich bin am Montagmorgen mit dem Rad die Saar entlang bis nach Saarbrücken und habe meinen Dienstlaptop abgeholt“, erklärt Julien. Grenzkontrollen an der Saar gab es keine, berichtet er. „Zwei Schwarzbrote habe ich aus Deutschland noch mitgebracht. Nur Baguette essen geht auch nicht“, sagt er und lacht.

Grenzen sind mal weicher, mal härter, und sie sind nicht nur auf Landkarten eingezeichnet. Auch in den Köpfen. So berichtet Maillasson, dass sie bereits im Supermarkt gemieden wurde, als sie in der Kassenschlange auf französisch ein Telefonat beantwortete: „Eine Dame hat danach ihren Einkaufswagen zwischen mich und sich geschoben. Demonstrativ.“ Garniert mit einem abfälligen Blick. Auch ein Merkmal von Grenzen: Sie sind gerne mal irrational. Darauf macht auch Arsène Schmitt, Vorsitzender der Vereinigung der Grenzgänger aus dem Département Moselle, aufmerksam. Man solle vorsichtig sein mit Grenzen. Auch im Sparchgebrauch. So kritisiert Schmitt Saarlands Innenminister Klaus Bouillon (CDU), der zuletzt von „den Franzosen“ geredet habe, die nicht mehr über die Grenze sollten. Darunter seien auch viele Deutsche, die in Frankreich wohnen und in Deutschland arbeiten. „Sie sind übrigens berechtigt, das deutsche Gesundheitssystem zu nutzen“, weiß Schmitt und: „Ihre Behandlungen sind in Deutschland ausgesetzt, sie müssen sich in Frankreich testen lassen. Dabei wollen viele in ein Krankenhaus nach Saarbrücken.“ Das gefällt auch nicht jedem. Mitten im Dreiländereck – mit seinen neuen, alten Grenzen.