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Gedenken an die deportierten saarländischen Juden und Jüdinnen vom 22. Oktober 1940

Gedenken an jüdische Mitbürger : Die Stühle der Ermordeten bleiben leer

bei einer Gedenkstunde ist vor dem Saarbrücker Schloss an die deportierten Jüdinnen und Juden vom 22. Oktober 1940 erinnert worden.

Eine Autohupe reißt einen Grünträumer an der Ampel aus seinem Gedankenspiel, der Wind weht gelbe Blätter über den Saarbrücker Schlossplatz, im Café genießen einige den Feierabend. Es ist ein ganz normaler Herbstnachmittag am Saarbrücker Schloss, und ist es doch keineswegs. Vor dem Historischen Museum Saar stehen 134 leere Holzstühle, auf die sich an diesem warmen Herbsttag keiner zu setzen wagt. Vertreter von Stadt, Land, Zivilbevölkerung, beiden christlichen Kirchen und Synagogengemeinde Saar finden sich ein, tauschen ein paar Worte aus und verstummen. Ein Schleifen, ein Schlurfen klingt, zwei Klangkünstler ziehen stumm Reisigbündel über den weißen Kies, das dunkle Pflaster und die Holzstühle, als wollten sie Geister wecken. Vergeblich, ihre einzigartigen Persönlichkeiten sind nirgends mehr. Eine menschenverachtende Ideologie und deren brutale Handlanger haben sie zu Tode gequält. Von dem belebten Zentrum der Landeshauptstadt wurden vor 80 Jahren 134 saarländische Juden ins südfranzösische Lager Gurs deportiert, mit ihnen rund 6300 Juden aus Baden und der Pfalz. Die jüngste Deportierte aus dem Saarland war die zweijährige Mathel Salmon aus Homburg, der Älteste der 88-jährige Josef Kahn aus Brotdorf. Aus Gurs kamen die wenigsten lebend heraus.

Regionalverbandsdirektor Peter Gillo (SPD) erinnerte an die wichtige Botschaft des Platzes als Gedenk­ort. „Nach 1935 wurde die Gestapo im Schloss und im Erbprinzenpalais die Polizei einquartiert, im Schlosskeller wurden politisch Verfolgte eingesperrt und verhört, Juden wurden in der Pogromnacht hierhergetrieben und später von hier deportiert.“ Es gelte, dafür zu sorgen, dass dies „nie wieder geschieht“, sagte Gillo. „Und doch muss ich feststellen, dass es wieder geschieht, nicht als Staatsterror, aber von Einzelnen und Gruppen.“

„Der 22.10.1940 ist ein schwarzer Tag in der Geschichte unseres Landes“, sagte Bildungsstaatssekretär Jan Benedyczuk (SPD). Die Verschleppten seien Teil der Gesellschaft gewesen, das Gedenken an sie müsse in der Erinnerungskultur des Landes zentral sein und es für kommende Generationen bleiben. Kontinuierliche Bildungsarbeit und künstlerische Impulse seien wichtig, um die weitere Auseinandersetzung zu sichern, damit menschenverachtende Politik abgelehnt werde. „Demokratie ist kein Geschenk, das vom Himmel fällt, wir müssen aufstehen gegen Rassismus und Unmenschlichkeit“, ermutigte er.

Bevor Benjamin Chait, Kantor der Synagogengemeinde Saarbrücken, ein Schlussgebet sprach, erinnerte Ricarda Kunger, designierte Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, an die schlimmen Zustände im Lager Gurs, aber auch daran, dass jüdische Denker und Forscherinnen einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung Deutschlands hatten. „Heute gibt es wieder blühendes jüdisches Leben in Deutschland, aber bleiben wir wachsam, der Antisemitismus hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. Schauen wir nicht weg, wenn Menschen wegen ihrer Religion oder Herkunft verbal oder tätlich angegriffen werden.“

Die Gedenkstunde ist nicht die letzte Aktion gewesen, in den kommenden Wochen gibt es ein vielfältiges Programm, darunter auch einen Gottesdienst am 1. November, um 9.30 Uhr, in der Ludwigskirche.