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Die Probleme von arm- und beinamputierten Menschen in Corona

Die Probleme von arm- und beinamputierten Menschen in Corona : Ständiger Kampf gegen die Vereinsamung in der Corona-Krise

Der Corona geschuldete Lockdown zwingt vielerorts alles zum Stillstand. „Aber nicht bei mir“, korrigiert Ilona-Maria Kerber, die sich – selber beinamputiert – von ihrem Zuhause in Saarbrücken aus um die körperbehinderten Mitglieder der ampuLAG-Saar kümmert.

Und in der Tat: Während des SZ-Interviews muss sie immer wieder besorgte Anrufer der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Arm- oder Beinamputation auf später vertrösten. „Gerade jetzt in der Corona-Zeit musste ich meine Wohnung zwangsläufig immer mehr in die Geschäftsstelle unseres Landesverbandes umfunktionieren“, versichert die Vorsitzende.

Während sich zum Beispiel ältere Menschen ohne körperliche Defizite aktuell ständig über mangelhafte Informationen zu ihren individuellen Impfterminen beklagten, müssten sich bein- oder armamputierte Menschen zusätzlich darüber Gedanken machen, wie sie Impfzentren, Krankenkassen-Dienststellen oder für sie zuständige Behörden überhaupt erreichen. Wenn sie bei Kerber im ersten Stock ihres Zuhauses um Rat oder Unterstützung fragen wollen, können sie dort wenigstens den vorhandenen Treppenlift nutzen.

Der Pandemie fielen seit vergangenem Jahr alle üblichen Treffen der Selbsthilfegruppe zum Opfer. Kerber: „Der von uns sonst regelmäßig gepflegte persönliche Gedankenaustausch und die auf individuelle Hilfsanfragen reduzierte Kommunikation konzentriert sich heutzutage angesichts der obligatorischen Hygiene-Regeln auf meinen telefonischen Kontakt mit unseren Mitgliedern.“

Tagsüber erledigt Kerber für ihre Mitglieder wichtige Behördengänge – so weit wie möglich digital. Die meisten erforderlichen Formulare liegen bei ihr bereit. Zusätzlich verfügt die engagierte Vorsitzende über ein breitgefächertes Netzwerk mit vielen Behörden bis hin zu den Sozialgerichten, wo sie bei Bedarf auch für die Anliegen ihrer Mitglieder eintritt. „Sie glauben ja gar nicht, mit welcher Gedankenlosigkeit der Zweibeiner unsere Arm- und Beinamputierten gerade jetzt in dieser schwierigen Corona-Zeit immer wieder zu kämpfen haben.“ Schmunzelnd versichert sie, dass der Begriff „Zweibeiner“ wirklich nicht böse gemeint sei. Aber zwischendurch gebe es auch immer wieder mal Erfolgserlebnisse, die sie bei ihrem Engagement aufmuntern. „So konnte ich vor kurzem einer Beinamputierten unserer Selbsthilfegruppe zu einem Rollstuhl verhelfen, der ihr von ihrer Krankenkasse ein Jahr lang verweigert worden war.“

Ende Oktober traf Kerber persönlich ein schwerer Schicksalsschlag: „Plötzlich riss eine schwere Krankheit meinen Mann, Wolfgang Kerber, von meiner Seite.“ Bei der Beerdigung im kleinsten Kreis bekam sie es wieder mit dieser Gedankenlosigkeit zu tun: „Beim Gang von der Friedhofskapelle ließ ich mich von guten Freunden stützen. Aber niemand hatte mir vorher gesagt, dass der Weg zum Grab mehr als drei Kilometer lang war. Mit dem entsprechenden Hinweis vorab wäre ich natürlich mit meinem Rollstuhl zum offenen Grab gefahren.“

Aber auch den Verlust ihres geliebten Mannes habe sie inzwischen einigermaßen überwunden. „Die täglich anfallende Arbeit in unserer Geschäftsstelle sorgt ja auch für mehr Ablenkung, als ich mir das vor Corona hätte denken können.“ Umso mehr habe sie sich über ein Schreiben von Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gefreut, in dem es heißt: „Wir möchten mit unseren Maßnahmen ein klares Zeichen setzten. Es geht zurzeit darum, dass möglichst nicht jeder zwingend notwendige Kontakt vermieden wird, alleinstehende Menschen aber gleichzeitig vor Vereinsamung bewahrt werden. Beispiele wie Ihres, zeigen uns, dass wir nichts Unmögliches von den Saarländerinnen und Saarländern fordern, sondern, dass wir alle gemeinsam mit kreativen Ideen auch schwere Zeiten meistern können.“