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Der Chef der Kassenärzte im Saarland zieht eine erste Corona-Zwischenbilanz

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Dr. Gunter Hauptmann : „Die Patienten sollen wieder kommen“

Der Chef der Saar-Kassenärzte zieht eine erste Corona-Zwischenbilanz und erklärt, wie es in den Praxen weitergeht.

Wie zufrieden waren Sie mit dem Krisenmanagement der Politik?

HAUPTMANN Soweit ich das beurteilen kann, hat die Politik einen guten Job gemacht. Für uns war das oberste Ziel, dass die Praxen nicht unnötig gefährdet werden und die Versorgung sicherstellen können. Das hat aus unserer Sicht funktioniert. In der Spitze waren es mal zehn Haus- und zehn Facharztpraxen, die wegen Corona-Quarantäne geschlossen wurden, jetzt schon seit längerer Zeit keine einzige mehr.

Kehren die Arztpraxen langsam in den Normalbetrieb zurück?

HAUPTMANN Noch lange nicht. Im Moment höre ich aus vielen Praxen, dass die Patienten noch sehr unsicher sind und chronisch Kranke nicht zu ihren Kontrollterminen kommen. Das Gleiche gilt auch für Vorsorgeuntersuchungen.

Die Patienten sollen kommen?

HAUPTMANN Natürlich. Chronisch Kranke können mal vier oder sechs Wochen pausieren, aber dann muss man sie wieder kontrollieren. Auch Vorsorgeuntersuchungen haben ja schon einen Sinn. Mir haben Radiologen erzählt, dass sie jetzt das eine oder andere Karzinom bei Patienten rausgefischt haben, die schon vor sechs Wochen hätten kommen können. Wir haben jede Menge kranke Menschen in unserer Gesellschaft, die müssen versorgt werden. Die Nichtversorgung dieser Menschen ist viel gefährlicher als das zurzeit extrem geringe Risiko, sich in der Praxis anzustecken.

Im Wartezimmer kann es eng sein. Was ist mit Mindestabständen?

HAUPTMANN  Die Praxen gewährleisten die Hygiene-Standards und den Schutz der Patienten, die Abstände werden eingehalten. Das führt aber dazu, dass die Praxen die Termine zum Beispiel nicht mehr alle zehn Minuten takten können. Es können nicht mehr 20 Patienten im Wartezimmer sitzen, sondern nur noch vier oder fünf.

Wenn jetzt alle Patienten ihre Termine nachholen wollen, könnte das dann aber doch erst recht schwierig werden.

HAUPTMANN Es wird eine Welle entstehen, die wird auch nicht so schnell abgearbeitet werden können, weil die Zahl der Patienten, die sich gleichzeitig in der Praxis aufhalten dürfen, niedriger ist als vorher. Manche Praxen werden die Öffnungszeiten deutlich verlängern, damit sie das schaffen. Das Personal hat in den vergangenen Wochen teilweise ja auch Minusstunden angesammelt. Natürlich müssen die Arbeitszeitregelungen beachtet werden. Wichtig ist: Die Patienten sollen jetzt wieder kommen – wenn sie noch länger warten, werden die Praxen den Ansturm nicht bewältigen können.

Die Zahl der Corona-Tests war zuletzt nur noch gering, insgesamt um die 100 am Tag. Jetzt wollen Sie zwei der drei Stationen schließen (siehe Info). Was passiert, wenn es einen neuen Ausbruch gibt?

HAUPTMANN Dann fahren wir das alles wieder hoch. Die Logistik steht ja, das hat sich eingespielt mit allen Beteiligten. Das funktioniert.

Was halten Sie von dem angekündigten Antikörper-Test?

HAUPTMANN Der ist als Studie ganz interessant. Man hat das Problem, dass die Tests eigentlich noch zu ungenau sind, weil je nach Test fünf bis zehn Prozent der positiven  Treffer falsch sind. Wenn man die Durchseuchung statistisch feststellen will, ist das kein Problem, dann zieht man diese Quote einfach ab. Bezogen auf die  einzelne Person, die positiv getestet wird, muss man aber sagen: Auf den Test darfst du dich nicht verlassen, weil von 100 positiven Tests fünf, sechs oder zehn Befunde nicht stimmen.

Gibt es unter den Ärzten Diskussionen über die Maskenpflicht?

HAUPTMANN Die meisten niedergelassenen Ärzte sagen: Wir diskutieren das gar nicht, weil es im Saarland eine Vorschrift ist. Aber sie sagen auch, die Maskenpflicht hilft den Ärzten, weil sich die Patienten eher in die Praxen trauen. Einem chronisch Kranken, der in eine Praxis käme, wo die anderen Patienten keine Maske tragen, dem würde es sicher mulmig.

Leere Wartezimmer sind derzeit bei Ärzten nicht selten. Sie beklagen Umsatzrückgänge in Krise. Foto: dpa/Daniel Karmann

Wegen des starken Rückgangs der Zahl der Corona-Tests schließt die KV die Test-Stationen in Dillingen und Schiffweiler. Von Montag an ist nur noch das Zentrum auf dem Saarbrücker Messegelände in Betrieb (Montag bis Freitag, jeweils von 10 bis 14 Uhr). Für dringende Testungen (mit Überweisung) stehen sieben Corona-Praxen nach Absprache zur Verfügung (Tel. unter www.kvsaarland.de).