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Corona-Tests: Warum Alten- und Pflegeheime Freiwillige nicht engagieren

Corona-Tests : Freiwillige Helfer frustriert über Altenheime

Wird in den Alten- und Pflegeheimen doch nicht jede Hand gebraucht? Erst zehn freiwillige Helfer wurden für die Corona-Tests angefordert.  

Da sitzen sie nun, die  hoch motivierten, geschulten Helfer – und warten. Auf Anrufe aus 150 saarländischen Heimen, die angeblich in allergrößten Personalnöten stecken, weil sie die  rasant getaktete Teststrategie des Gesundheitsministeriums umsetzen müssen: 30 Tests pro Monat pro Mitarbeiter heißt es dort zu organisieren, acht pro Bewohner, hinzu kommen alle Besucher, ob Podologen oder Angehörige.  Bedarf bei der Bundeswehr wurde angemeldet. Das sieht nach einem  Feuerwehreinsatz aus. Doch viele der 50 Freiwilligen, die sich im Dezember gemeldet hatten, um einzuspringen und sich für Tests schulen zu lassen,  sind frustriert. „Man denkt wunders, was da für ein Bedarf besteht, will sich  nützlich machen, aber niemand meldet sich“, sagt der Freiwillige Norbert Wolf aus Elversberg. Der frühere Intensiv-Pfleger hatte sich im Dezember auf einen Aufruf der Arbeitskammer gemeldet, ließ sich drei Stunden lang schulen, von der Saarländischen Pflegegesellschaft, die das organisiert. 50 Menschen stehen momentan auf deren Freiwilligen-Liste, aber erst zehn davon sind in Heimen tätig, so der bei der Pflegegesellschaft für die freiwilligen Helfer zuständige Friedbert Gauer. Dies, obwohl zeitgleich 69 Bundeswehrsoldaten von den Einrichtungen angefordert wurden.

Nicht gefragt fühlt sich auch die Saarbrücker Personalvermittlungs- und Dienstleistungsfirma Corvitas, die sich auf Schnelltests spezialisiert hat: „Man musste im Dezember annehmen, die dürsten nach Personal, doch es gibt offensichtlich gar keinen Bedarf“, so der enttäuschte Corvitas-Gründer Professor Harald Altjohann.

Die Pflegegesellschaft erklärt die Nachfrage-Flaute damit, dass die Heime selbst „kreative Lösungen“ für das Test-Problem gefunden hätten. „Es wurden zusätzliche Personalressourcen erschlossen, frühverrentete Mitarbeiter aktiviert oder Stundenkontingente der Teilzeitkräfte aufgestockt“, sagt Gauer. Im Dezember bei Bekanntgabe der Testverordnung sei dies nicht absehbar gewesen: „Der erste Schreck in den Heimen war groß: Wie schaffen wir das? Deshalb wurden auch sofort die Aufrufe in die Bevölkerung gestartet.“ Wie Gauer mitteilt, wurden bei der Pflegegesellschaft 37 Menschen geschult, quer durch alle Berufsgruppen: Arbeitslose, Menschen mit Vollzeitbeschäftigung oder  Rentner. Auf der Liste stehen zusätzlich 13 Helfer, die wegen medizinischer Vorkenntnisse nicht hätten geschult werden müssen.

Nachdem am Dienstag nun die erste Teststrategie durch das Ministerium nochmals verschärft wurde,  rechnet der Geschäftsführer der Pflegegesellschaft, Jürgen Stenger, allerdings mit einem Anstieg der Nachfrage für Freiwillige. Gauer sagt, es hätten sich dieser Tage bereits 24 Heime gemeldet.

Doch ob die Helfer dort andocken werden, ist offen. Denn die Freiwilligen müssen selbst mit den Heimen über Einsatz und Honorar verhandeln. Das schreckt viele. Der Freiwillige Norbert Wolf erlebt das Procedere als befremdlich: „Dass man quasi als Solo-Selbständiger auftreten muss, wurde uns erst sehr spät in der Schulung gesagt.“ Er sei davon ausgegangen, dass Entlohnungsfragen  zentral und einheitlich geregelt würden – wenn überhaupt. Denn für Wolfs spontane Meldung spielte Geld zunächst mal keine Rolle: „Ich hätte mir auch einen ehrenamtlichen Einsatz vorstellen können.“  

Doch an den Modalitäten, wie Freiwillige überhaupt zu ihren Jobs in den Heimen kommen, lässt sich nach Einschätzung der Pflegegesellschaft kaum etwas ändern. Heime und Helfer könnten nur eigeninitiativ und individuell zusammenfinden, sagen Gauer und Stenger. Die Pflegegesellschaft übernehme lediglich die Weiterleitung der Namen der Geschulten an die Heime, die ihrerseits dann initiativ werden könnten – oder nicht, und dann die Konditionen für eine geringfügige Beschäftigung verhandelten. Laut Pflegegesellschaft machen das die unterschiedlichen tarifvertraglichen Bindungen der Träger notwendig. Jeder zahle nun mal anders.

Der Geschäftsführer der Pflegegesellschaft Jürgen Stenger hebt hervor, dass man gegenüber den Heimen zumindest auf einen Mindest-Honorarsatz gedrängt habe, der sich am Mindestlohn in der Pflege orientiert: 20 Euro die Stunde. Lässt sich die Dienstleistung bei anderen Hilfskräften womöglich noch günstiger einkaufen?  Beruhen darauf die „kreativen Lösungen“, die Freiwillige überflüssig machen?

„Wir sollten die Heimträger nicht unter Generalverdacht stellen“, sagt Sozial-Staatssekretär Stephan Kolling (CDU) der SZ. Für das Ministerium ist vorrangig, dass die neue Teststrategie wuppt, rund 10 000 Mitarbeiter müssen täglich getestet werden, plus einem Teil der Bewohner, plus allen Besuchern (Ärzte, Podologen Angehörigen). Verdienen die Heime womöglich an den Tests, die sie zu selbst verhandelten Preisen durchführen lassen, von  wem auch immer? 18 Euro werden von den Kassen pro Test erstattet, neun Euro davon sind für den Impfstoff/Sachmittel. Kalkuliert wurde mit etwa vier Tests, die ein Heim-Mitarbeiter, ob festangestellt oder freiwillig, pro Stunde bewältigt. Denn zusätzlich zum Test  fallen Dokumentationsaufgaben an.

Stephan Kolling (CDU), Staatssekretär für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie. Foto: Staatskanzlei/ Iris Maurer/Iris Maurer

Derweil hat sich die Arbeitskammer, die  sich an der Akquise beteiligt hatte, zu der erstaunlich geringen Nachfrage und dem Frust der Helfer geäußert. Hauptgeschäftsführer Thomas Otto sagte der SZ am Mittwoch, die  Arbeitskammer habe die Initiative in der Erwartung unterstützt, dass „eine Beschäftigung unter den grundsätzlichen Prämissen Guter Arbeit“ geschaffen werde. „Umso verwunderlicher und ärgerlicher ist es für uns, dass jetzt Menschen mit freiwilligem Engagement über das Vehikel einer (Schein-)Selbständigkeit verunsichert werden.“ Selbst wenn es rechtlich möglich sei, sollten die Heime den Freiwilligen „einen abgesicherten Beschäftigungsstatus gewähren“.