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Corona-Lockdown beginnt mit Problemen mit Online Schule Saarland

Probleme mit Online Schule Saarland : Schwieriger Lockdown-Start für Saar-Schulen

Zu Beginn des erneuten Fernunterrichts streikten im Saarland und in anderen Bundesländern die Lernplattformen. Der Ärger war groß.

Die 13-jährige Mia-Martha wurde am ersten Morgen des Corona-Lockdowns für ihre Pünktlichkeit nicht belohnt. Als sich die Achtklässlerin des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums zur ersten virtuellen Schulstunde auf der Plattform Online Schule Saar (OSS) einloggen wollte, meldete ihr PC erstmal: Seite nicht erreichbar. Als nach einer halben Stunde der Zugang wenigstens über das kleine Smartphone klappte und es auch einige Mitschüler in den virtuellen Konferenzraum geschafft hatten, brauchte der Lehrer noch etliche Minuten, bis er ins System kam. Schließlich brach er die Stunde ganz ab, weil bei einem Teil der Klasse der Ton ausfiel. Die Französischlehrerin behalf sich später damit, Aufgaben per Mail an eine Schülerin zu schicken, die sie über die Klassen-Whatsapp-Gruppe weitergab. Und in Mathe, erzählt Mia-Martha, konnten einige Schüler dem Unterricht nur folgen, weil einer, der glücklich eingeloggt war, den Lehrervortrag vom eigenen PC abfilmte und per Video-Anruf weiterleitete.

Die Erlebnisse von Mia-Martha waren bei Weitem kein Einzelfall an einem Mittwochmorgen, den die saarländische Landesvorsitzende des Verbandes Reale Bildung (VRB), Karen Claassen, aus Lehrer- und Schülersicht als „katastrophal“ bezeichnete. Am ersten Tag des vorerst bis zum 10. Januar befristeten bundesweiten Lockdowns, als erstmals nicht nur der Großteil der Geschäfte schließen, sondern auch die meisten Schüler zurück in den Fernunterricht mussten, ging vieles schief – nicht nur im Saarland. In mehreren weiteren Bundesländern streikten die Lernplattformen. So meldeten Bayern, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls Probleme.

Woran es bei landeseigenen Online Schule Saar vor allem am Morgen hakte, erklärte das Bildungsministerium am Nachmittag: Das Problem sei die „sehr hohe Zahl der zeitgleichen Anmeldeversuche bei der OSS“ gewesen, „die das System technisch nicht adäquat verarbeiten konnte“. Die Folge: Die Plattform sei zeitweise nicht für alle registrierten Nutzer verfügbar gewesen. „Der Engpass beim Anmeldeprozess war bisher nicht bekannt, da es bisher keine derart konzentrierten Anmelde-Anfragen gab.“ Er sei behoben worden, „indem der technische Vorgang des Anmeldeprozesses verschlankt und beschleunigt wurde“.

Über OSS soll während des Lockdowns der Fernunterricht laufen. Das Bildungsministerium richtete auch aus Datenschutz-Gründen eine landeseigene Plattform ein. Rund 70 000 Schüler und rund 8700 Lehrkräfte sind dort registriert. Die Bildungscloud werde von Schulen, Schülern und Lehrkräften auch gut angenommen, so das Bildungsministerium. „Jedes System kommt aber an seine Grenzen, wenn es in Spitzen zu sehr hohen Datenströmen kommt. Das ist am ersten Tag des Lockdown der Fall und das beobachten wir momentan auch bei anderen Plattformen und in anderen Bundesländern, auch bei Internet-Riesen wie Google bereits in den vergangenen Tagen.“ Wichtig sei, dass aufkommende Probleme schnell gelöst werden, was man am Mittwoch zusammen mit dem IT-Dienstleister getan habe. „Die OSS ist wieder nutzbar und wir arbeiten weiter an der Verbesserung der Performance.“

Die „Performance“ ließ aber offensichtlich auch nach den größten „Engpässen“ zwischen acht und zehn Uhr weiter zu wünschen übrig. Bis in den frühen Nachmittag hinein berichteten Lehrer der SZ von technischen Problemen mit OSS. Die Plattform funktioniere entweder gar nicht oder nur sehr langsam. Unter Eltern, Schülern und Lehrern herrsche „extremer Frust“, teilte Stefan Breyer, Lehrer am Saarbrücker Ludwigsgymnasium, mit. „Auch acht Monate nach den ersten Schulschließungen wurden die Server nicht entsprechend aufgerüstet.“

VRB-Landeschefin Claassen forderte ebenfalls, die Server-Kapazitäten so schnell wie möglich zu erhöhen. Die Schüler seien „völlig verzweifelt“ aufgrund der großen technischen Probleme, sagte die Lehrerin der Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese.

Doch glaubt man dem Saar-Bildungsministerium, liegt es gar nicht an den Server-Kapazitäten: Diese seien bereits im November deutlich ausgebaut worden und entsprächen dem tatsächlichen Bedarf. Die verfügbaren Kapazitäten seien am Mittwochmorgen „wegen des Engpasses bei der Anmeldung aber gar nicht erst abgerufen“ worden. Das Ministerium zeigte sich optimistisch, was die Funktionsfähigkeit der Plattform anbelangt: „Die OSS ist jetzt unser digitales Schulgebäude während des Lockdowns. Zu wissen, dass lediglich die Tür hakte, ist eine gute Nachricht. Wichtig ist, es gibt insgesamt genügend Platz in der OSS und unsere Lehrkräfte werden den digitalen Unterricht jetzt mit Leben füllen.“

In der Tat lehnen viele Lehrer die Plattform nicht grundsätzlich ab. Auch Eva Schmitt, Lehrerin am Leibniz-Gymnasium St. Ingbert, betonte, dass OSS „theoretisch“ gute Möglichkeiten biete. Allerdings müsse sie eben auch funktionieren. Sie brachte ihre Verzweiflung darüber zum Ausdruck, dass „die Online-Lernplattform, mit der sich das Ministerium seit Wochen brüstet, schon letzte Woche überlastet war“ und seit Dienstag, als die Schulschließung unmittelbar bevorstand, kaum noch erreichbar sei. „Entweder man richtet eine Plattform ein, die auch nutzbar ist, oder man hört auf damit, Lehrern und Schülern die funktionierenden Kommunikationskanäle aus datenschutzrechtlichen Gründen zu verbieten“, sagte Schmitt.

In eine ähnliche Richtung äußerte sich auch Michael Lux, bei der Landeselternvertretung zuständig für Digitalisierung. Eine völlig neue Plattform wie OSS könne nicht ohne Kinderkrankheiten funktionieren. Mit Blick auf bereits entwickelte Projekte stelle sich auch aus Kostengründen die Frage, ob ein neues landeseigenes Portal überhaupt notwendig gewesen sei. Lux warb für einen Erfahrungsaustausch von Nutzern verschiedener Lernplattformen. Eine „friedliche Koexistenz“ mehrerer Angebote sei möglich.

Saarländische Schüler wiederum verwiesen gerade auf den Vorteil einer einheitlichen Lernplattform. Auch wenn es Verbesserungen an der Oberfläche und Bedienung brauche: Mit OSS – wenn es denn funktioniere – sei man anderen Bundesländern „einen Schritt voraus“, sagte Landesschülersprecher Lennart-Elias Seimetz. Allerdings bedaure es die Landesschülervertretung, „dass sich nicht gut genug auf eine abrupte Umstellung von Präsenzunterricht auf Online-Unterricht vorbereitet wurde“. Diesen Vorwurf an die Politik erhob auch der Saarländische Philologenverband (SPhV): „Eine solche Planung hätte auch die absehbaren Last-Probleme der Lernplattformen am ersten Tag selbstverständlich in den Blick nehmen können“, sagte der SPhV-Landeschef Marcus Hahn.

Ein wenig Luft für eine Verbesserung der OSS-Performance bekommt das Bildungsministerium ab Samstag: Dann beginnen im Saarland die Weihnachtsferien.