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Corona-Fallzahlen steigen im Saarland schneller als in ganz Deutschland

Kostenpflichtiger Inhalt: Statistik der Behörden : Corona-Fallzahlen steigen im Saarland schneller als im Bundestrend

Im Saarland steigen die Corona-Fallzahlen derzeit schneller als im Bundestrend. Wie lässt sich das erklären?

Während sich der tägliche Anstieg der Fallzahlen in Deutschland in dieser Woche unter zehn Prozent einpendelte, bewegt sich das Plus im Saarland konstant im zweistelligen Bereich. Von Sonntag auf Montag wuchs die Zahl der bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus in der Region um 15,2 Prozent. Gestern meldete das Gesundheitsministerium in Saarbrücken insgesamt 1073 Corona-Fälle. Damit haben sich die absoluten Zahlen im Saarland gegenüber der Vorwoche nahezu verdoppelt. Wie lässt sich dieser Trend erklären?

In Rheinland-Pfalz, wo die erste Infektion mit dem neuartigen Erreger früher als im Saarland nachgewiesen worden war, verzeichneten die Behörden zu Wochenbeginn mit 5,5 Prozent den niedrigsten Anstieg seit Anfang März. Bundesweit war dieser erfreuliche Tiefpunkt am Dienstag bei 8,1 Prozent erreicht. Dass es im Saarland im Moment anders aussieht, obwohl die Landesregierung früher als andere Bundesländer mit einer Ausgangsbeschränkung auf die Pandemie reagierte, könnte auch statistische Gründe haben. Das kleinste Flächenland der Bundesrepublik neigt aufgrund seiner Bevölkerungszahl im Ländervergleich zu Ausreißern.

Seit dem 21. März gelten im Saarland die Corona-Regeln der Regierung. Mehrfach verschärfte die große Koalition die Vorschriften. Das eigene Haus darf nur verlassen, wer „triftige Gründe“ nachweisen kann. Mittlerweile existiert ein Bußgeldkatalog mit Strafen bis zu 4000 Euro. Wie diese Maßnahmen greifen, lässt sich noch nicht abschätzen. Die Inkubationszeit des Coronavirus kann bis zu zwei Wochen betragen – so lange sind die Regeln noch nicht in Kraft. Am Montag verlängerte der Ministerrat in Saarbrücken die Einschränkungen bis zum 20. April. Bundesweit gilt dieses Datum als geeigneter Termin für eine erste Zwischenbilanz in der Corona-Krise.

Man könne erste Erfolge ablesen, aber die Lage bleibe aufgrund der nach wie vor steigenden Infektionszahlen sehr ernst, hatte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) am vergangenen Montag zur Verlängerung der Corona-Regeln gesagt. „Wenn wir die Maßnahmen zu früh lockern, riskieren wir einen Rückfall und würden damit sträflich aufs Spiel setzen, was wir an Zeit gewonnen haben.“ Hans hatte bis zum 30. März mit bis zu 10 000 Infizierten im Land gerechnet. Auch wenn Experten wegen milder Krankheitsverläufe von einer beträchtlichen Dunkelziffer ausgehen, scheint die Region von diesem Horrorszenario vorerst verschont geblieben zu sein. Doch was ist mit dem gegenwärtigen Trend beim Anstieg der Fallzahlen?

Die behördlichen Zahlen stehen derzeit auf dem Prüfstand. Der SPD-Gesundheitspolitiker Magnus Jung (SPD) kritisierte am Mittwoch die amtliche Statistik. „Valide Daten sind die Voraussetzung für vernünftige Entscheidungen der Politik in der Krise“, sagte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Landtag unserer Zeitung. „Leider müssen wir feststellen, dass wir auch im Saarland weit davon entfernt sind, solche Daten zu haben.“ Die starken Schwankungen bei den täglich im Saarland gemeldeten Daten belegten diesen Mangel, erklärte Jung. Der SPD-Politiker Jung sieht einen „dringenden Verbesserungsbedarf bei der statistischen Datenbasis“. Zur unbekannten Dunkelziffer kämen im Saarland „zum Teil vermeidbare Verzögerungen bei der Auswertung der Tests und der Weiterleitung der Daten“ hinzu. Jung sagt: „Da müssen wir schnell besser werden, auch im Zusammenspiel der beteiligten Stellen.“

Eine Auswertung unserer Zeitung zeigt Wellenbewegungen bei den Fallzahlen, die sich teilweise mit dem Meldeverhalten der lokalen Behörden erklären lassen. So betrug der prozentuale Anstieg der Infektionen am vergangenen Samstag neun, am Folgetag nur 8,5 Prozent. Ein Grund: Das Gesundheitsministerium meldete aus dem Saarpfalz-Kreis von Freitag bis einschließlich Sonntag dieselbe Fallzahl. Am Montag entfielen auf diesen Teil des Saarlandes dann 41 Infektionen – was auch 41 Prozent der an diesem Tag aus den Landkreisen gemeldeten Neuinfektionen entsprach.

Einen weiteren Erklärungsansatz für den deutlichen Anstieg lieferte der Regionalverband Saarbrücken. Ein Sprecher verwies am Montag auf einen „jetzt aufgelösten Rückstau im Testlabor“, den zuvor auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Saarland angezeigt hatte. Ursächlich war ein kurzzeitiger Mangel an Reagenzien, also Chemikalien, die für die Tests notwendig sind. Dadurch enthielten die zu Wochenbeginn aus Saarbrücken und Umland übermittelten Daten auch Nachmeldungen aus der vergangenen Woche. Allerdings dürften Engpässe in der Labormedizin nicht auf das Saarland beschränkt sein, ein statistischer Effekt wie im Regionalverband müsste sich somit auch in anderen Regionen zeigen. Nicht zu unterschätzen sein dürften lokale Häufungen von Infektionen. Am Dienstag meldete eine Seniorenresidenz in Püttlingen dem Gesundheitsamt im Regionalverband auf einen Schlag elf Corona-Fälle – gut ein Fünftel der an diesem Tag aus diesem Landesteil übermittelten Ansteckungen. Der Landkreis Neunkirchen führte den Anstieg in seinem Bereich auf erhöhte Testkapazitäten zurück.

Die Wartezeiten auf Testergebnisse sollen sich indes reduziert haben. KV-Chef Gunter Hauptmann bestätigte Wartezeiten zwischen fünf und sieben Tagen aufgrund des Mangels an Reagenzien. Nach Angaben von Hauptmann liegen die Wartezeiten nun bei ein bis zwei, „maximal drei Tagen“, wie er sagte. Diese Beschleunigung schlägt sich beim prozentualen Anstieg bisher jedoch nicht nieder. In der Vorwoche gab es Zuwächse von bis zu 20,4 Prozent. Gemessen an diesem Wert bewegen sich die Anstiege in dieser Woche auf einem niedrigeren, aber im Vergleich mit dem Bundestrend dennoch hohen Niveau von deutlich über zehn Prozent.

Spekuliert werden kann angesichts des Trends im Saarland über regionale Besonderheiten. So herrscht an den sechs Teststationen der Kassenärztlichen Vereinigung in den Landkreisen unter der Woche reichlich Betrieb. In der vergangenen Woche sprach KV-Chef Gunter Hauptmann von 400 bis 500 Tests täglich – mit Ausnahme des Wochenendes, an dem Flaute herrscht. Ein Beispiel: Am vorletzten Wochenende wollten sich am damaligen Standort in Dillingen an zwei Tagen nur drei Menschen auf das Coronavirus testen lassen. Zuletzt waren es an Samstag und Sonntag landesweit jeweils 38 Personen. Daher wird die KV am nächsten Wochenende bis auf Saarbrücken alle Stationen dichtmachen.

Wie steht das Saarland im Zahlenvergleich ansonsten da? Die Fallzahl je 100 000 Einwohner beträgt aktuell rund 109, in Rheinland-Pfalz liegt dieser Wert bei 74 – bei 3036 Corona-Fällen insgesamt. Im Nachbarland leben etwas mehr als vier Millionen Menschen. Nach Angaben des Robert-Koch-Institut (RKI) hat sich die sogenannte Inzidenzrate bundesweit auf 88 Fälle je 100 000 Einwohner erhöht. Unter den Bundesländern hat nun Bayern mit 141 Infektionen je 100 000 Einwohnern die höchste Quote. Allerdings sind die Zahlen des RKI aufgrund eines Meldeverzugs in der Regel weniger aktuell als die Daten, die unserer Zeitung aus dem Saarland vorliegen. Dadurch kann es im Vergleich zu leichten Verzerrungen kommen.