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ADFC-Umfrage: Radfahrer geben Kommunen im Saarland schlechte Noten

ADFC-Radklima-Test 2020 : Radfahrer im Saarland sind sauer auf Kommunen

Beim „Fahrradklima-Test 2020“ des ADFC kamen elf Städte und Gemeinden aus dem Saarland in die Wertung. Nur eine einzige Gemeinde schnitt dabei besser als Schulnote „ausreichend“ ab.

1400 saarländische Alltagsradfahrer haben elf Saar-Kommunen in Sachen Fahrradfreundlichkeit ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Bei einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), die von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mitfinanziert wurde, nahmen sich die 1400 Teilnehmer im Saarland (230 000 bundesweit) die Zeit, 27 Fragen zu beantworten. Dabei vergaben sie Schulnoten, die bei zehn der Kommunen zwischen vier minus und Mangelhaft liegen. Einzig Kirkel kann mit einem befriedigend Minus einigermaßen gut abschneiden.

„Den Leuten stinkt es, dass sich nichts tut“, sagt Saar-ADFC-Chef Thomas Fläschner der SZ. Die Alltagsradfahrer seien engagiert und bereit, sich für eine Verbesserung der Fahrrad-Infrastruktur in ihren Kommunen einzubringen. Aber meist seien die  kommunalen Verwaltungen einfach zu inaktiv. Nach Angaben Fläschners ist das Hauptärgernis das lückenhafte Radwege-Netz in den und zwischen den Kommunen. „Da enden manche Radwege einfach im Nirwana“, sagt der 60-jährige Diplomgeograf, der seit 1991 als Saar-ADFC-Chef gegen die Bräsigkeit mancher Kommunalverwaltungen ankämpft.  „Mitte der 90er Jahre hatte die SPD-Landesregierung für 32 Kommunen Radverkehrsprogramme schreiben lassen. Die sind fast alle in den Schubladen verschwunden“, blickt Fläschner auf Jahrzehnte der Tatenlosigkeit in den Kommunen zurück.

So sind die Platzierungen der Saar-Kommunen im Bundesvergleich beim Fahrradklima-Test 2020 zwangläufig: Saarbrücken belegt Platz 33 von 41 Kommunen mit 100 000 bis 200 000 Einwohnern. Gewinner ist in dieser Kategorie Göttingen. Bei den Städten zwischen 20 000 und 50 000 Einwohnern sind sieben Saar-Kommunen ebenfalls auf den hinteren Rängen: Neunkirchen (Platz 328 von 415 Kommunen), St. Wendel (337), Völklingen (389), St. Ingbert (399), Saarlouis (406), Homburg (408) und Merzig (412).

Nur bei den Orten unter 20 000 Einwohnern kann Kirkel im oberen Drittel bundesweit punkten mit Platz 54 von 418 Kommunen. Bexbach dagegen landet auf Platz 413. Ganz schlimm bewerten die Fahrradfahrer die Verhältnisse in Schiffweiler, das mit Rang 418 bundesweit den letzten Platz belegt. Es sind nur elf der 52 Saar-Kommunen in der ADFC-Wertung, da für diese Orte eine Mindestanzahl von Radfahrern die Fragen beantwortete. Wieso kommt Kirkel mit einer Drei minus vergleichsweise gut davon? „Da gibt es mit dem Sozialarbeiter Armin Jung einen sehr engagierten Fahrradbeauftragten der Verwaltung, der die Bürger gut in die Planungen einbindet. Auch der Bürgermeister zieht mit“, erklärt Fläschner. So sei ein Waldweg zum Industriegebiet Am Zunderbaum zwischen Kirkel und Homburg für den Radverkehr befestigt worden, zudem kämpfe Jung um eine Radverbindung zwischen den Gemeindeteilen Neuhäusel und Limbach. Es gebe neue Ladestationen für Elektroräder und neue Abstellstationen in Kirkel.  Kirkel sei größtenteils flach, was das Radeln einfacher mache. Jung habe zudem einen kurzen Draht zum Bauamt, so dass etwaige Beschwerden über Radweg-Probleme schnell beseitigt werden könnten. „Die reißen zwar keine Bäume aus in Kirkel, aber da ist Bewegung drin“, lautet das positive Urteil Fläschners über die Gemeinde im Osten des Bundeslandes.

Fläschner zeigt sich erfreut darüber, dass 2020 mit 1400 Teilnehmern eine Rekordbeteiligung im Saarland zu verzeichnen war (2019: 1037 Teilnehmer). Dennoch könne das Engagement, das sich in dieser Teilnahme am ADFC-Fahrradklima-Test zeige, nicht darüber hinwegtäuschen, dass „die Leute frustriert sind“. Fläschner fordert daher die Kommunen auf, das Bundesprogramm für die Verbesserung der Fahrrad-Infrastruktur in Anspruch zu nehmen. Gerade vor dem Hintergrund des Fahrrad-Booms in Coronazeiten müssten hier die Weichen gestellt werden. „Statt dessen wird in Kommunen wie St. Wendel oder St. Ingbert immer noch darüber diskutiert, ob das Freigeben von Einbahnstraßen für Fahradfahrer in der entgegengesetzten Richtung auch niemand behindert. Das ist unglaublich“, kritisiert Fläschner mit Verweis auf Saarbrücken, wo die Radfahrer seit Jahrzehnten verkehrt herum durch entsprechend gekennzeichnete Einbahnstraßen fahren dürfen.

Fläschner hofft, dass das zwei Millionen Euro schwere Rad-Infrastruktur-Förderprogramm von Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD) in den Kommunen Früchte trägt. „Die Lastenradförderung  ist zwar ein Modethema. Doch wenn dafür Familien auf das Zweitauto verzichten und sich stattdessen ein Lastenrad zulegen, ist es auch gut“, sagt Fläschner. Der bohrt seit 30 Jahren dicke Bretter im Saarland für bessere Bedingungen für die Radfahrer. Ob es weitere 30 Jahre dauert, bis Saarbrücken von Platz 33 es unter die ersten zehn schafft?

Damit es schneller besser wird, fordert der  saarländische Grünen-Bundestagsabgeordnete Markus Tressel einen Neuanfang mit einem Saar-Radgesetz. Das solle die infrastrukturelle Grundlage für ein lückenloses und qualitativ hochwertiges Radverkehrsnetz schaffen, so der Saar-Grünen-Chef. Die Kommunen bräuchten mehr Unterstützung beim Fahrradwegebau und gleichzeitig mehr politischen Willen zum Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur. „Während andere Bundesländer richtig Dampf machen in der Fahrradpolitik steht im Saarland für Verkehrsministerin Rehlinger und viele Bürgermeister immer noch vor allem das Auto im Mittelpunkt der Verkehrspolitik“, kritisiert Tressel.