1. Saarland
  2. Landespolitik

9-Euro-Ticket für Bus und Bahn - Pro und Contra zur Angebotsverlängerung

Debatte um Angebotsverlängerung : Pro und Contra: Sollte das 9-Euro-Ticket für Bus und Bahn verlängert werden?

Seit Verkaufsstart Anfang Juni wurden im Saarland 140 000 Neun-Euro-Tickets verkauft. Zwei weitere Monate gilt das Angebot. Wie sollte es danach weiter gehen? Unsere Redakteure haben unterschiedliche Vorstellungen.

Pro: Das Bahnfahren muss unschlagbar günstig bleiben

Der Staat muss viele Milliarden in Busse und Bahnen stecken, um das System attraktiv zu machen. Doch vor allem müssen die Menschen aus ihrer Komfort-Zone geholt werden und den ÖPNV zu ihrem Verkehrsmittel machen. Dafür braucht es ein Flatrat-Ticket, meint SZ-Redakteur Ulrich Brenner.

Es war ein teures Bonbon für die Grünen im Poker um ein Energie-Entlastungspaket: Drei Monate ÖPNV für fast nix – und dann Schluss. Das wäre tatsächlich ein Milliarden-Strohfeuer in der Ferienzeit. Daher jetzt erst recht: Damit das Neun-Euro-Ticket kein teurer Sommer-Spaß bleibt, muss die neu gewonnene Kundschaft des ÖPNV bei der Stange gehalten werden – durch ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Gerade auch deshalb, weil viele die Defizite von Bussen und Bahnen jetzt hautnah erfahren haben und sich sagen: Die normalen ÖPNV-Tickets sind dafür zu teuer.

Denn es ist von überragendem gesellschaftlichem Interesse, dass die Menschen dauerhaft weniger Auto fahren. Ja, dafür müssen Bahnen und Busse durch bessere Taktung und Zuverlässigkeit attraktiver werden. Doch die dafür nötigen Investitionen sind eine Daueraufgabe, die Ertüchtigung wird Jahrzehnte dauern. Und an die Flexibilität, die das Auto bietet, werden Züge nie heranreichen. Es muss aber klar sein: Ohne Einschränkungen gewohnter Bequemlichkeiten wird das nichts mit dem Kampf gegen den Klimawandel.

Es müssen daher schon jetzt mehr Bürger daran gewöhnt werden, auf ein Stück Flexibilität und Komfort zu verzichten. Dann steigt auch der Druck auf die Politik, den Netzausbau zu forcieren.

Beim Nutzen öffentlicher Verkehrsnetze geht es auch um Routine: Mit Fahrplänen umgehen, die richtigen Apps nutzen, den Tagesablauf auf Wartezeiten einstellen, Arbeitszeiten flexibilisieren. Die Grundidee des Neun-Euro-Tickets ist da genial, weil sie den ÖPNV trotz aller Schwächen in der alltäglichen Mobilitäts-Entscheidung unschlagbar günstig macht – und zudem den Tarifdschungel praktisch austrocknet.

Die Zauberformel: Wer ein Pauschal-Ticket für Bus und Bahn hat, für den ist jede Autofahrt rausgeschmissenes Geld. Solange dagegen der Einzelfahrschein für eine relativ kurze Busfahrt schon 2,60 Euro kostet, bleibt das Auto für viele attraktiv.

Welche Preisschwelle für ein Flatrate-Preismodell optimal wirkt, gilt es zu testen. Das Neun-Euro-Ticket mag auf Dauer kaum zu finanzieren sein. Aber 365 Euro pro Jahr sind einen Versuch Wert. Am besten gleich ab September.

Contra: Erst investieren, dann die Tickets günstig machen

Für einen Euro pro Tag Bahn und Bus fahren, das wäre schön. Doch der Vorschlag für die Nachfolge des Neun-Euro-Tickets taugt erst dann was, wenn genügend Busse, Züge und Personal vorhanden sind, damit das Angebot auch ohne Stress genutzt werden kann, meint SZ-Redakteur Oliver Schwambach.

Das Neun-Euro-Ticket ist ein Millionen-Erfolg: Wen wundert’s? Die Verlockung, für kleines Geld durch die Gegend zu gondeln, ist ja auch enorm. Viele griffen just über die Feiertage im Juni begeistert zu – und erlebten was. Verstopfte Waggons und Bahnhöfe, Züge, die wegen Überfüllung Passagiere gleich ganz stehen ließen, zudem verständlicherweise maximal genervte Bahnmitarbeiter. Und Reisende, die häufiger die Schiene nutzen, waren notgedrungen an einer neuen Eskalationsstufe in der Verspätungslotterie der Deutschen Bahn dabei.

Gut gedacht ist eben noch lange nicht gut gemacht. Und wenn jetzt Deutsche Umwelthilfe und Linke fordern, die Neun-Euro-Ticket-Phase zu verlängern, gar zur Dauereinrichtung zu machen, erscheint das prima vista als eine großartige Idee. Andererseits ist das purer Unsinn.

Denn die derzeitige Billig-Offerte zeigt zwar, dass sich mit dem aus Verbrauchersicht nun fast kostenlosen ÖPNV-Angebot wirklich etwas anstoßen lässt in puncto Klima- und Umweltschutz. Eine aktuelle Analyse des Verkehrsdatenspezialisten Tomtom belegt, dass seit Einführung des Neun-Euro-Ticktes der Autoverkehr in etlichen deutschen Städten besser fließt. Heißt: Die Leute lassen ihre PKWs stehen und steigen in den ÖPNV ein. Eine Fortsetzung wäre aber lediglich dann sinnvoll, wenn Bahn und Busunternehmen über genügend Waggons, Fahrzeuge und Personal verfügten, um den Ansturm dauerhaft zu bewältigen. Tatsächlich fehlt es aber an allem – und dies flächendeckend. Warum investiert man nicht zunächst in die über Jahrzehnte sträflich vernachlässigten Verkehrssysteme und macht sie hernach so günstig, dass die Bürger sie gerne nutzen und ihr Auto gar nicht mehr vermissen werden? Das würde Überfüllungs-Frust bei Fahrgästen wie Bus- und Bahnpersonal vermeiden und wäre zukunftsweisende Politik – statt unüberlegtem Aktionismus.