1. Saarland

Künstlerleben zwischen St. Wendel und Amerika

Künstlerleben zwischen St. Wendel und Amerika

St. Wendel. "Nicola Marschall ist ein verlorener Sohn der Stadt, vielleicht ist er deshalb aus dem Blickfeld der St. Wendeler verschwunden" - mit diesen Worten eröffnete Wolfgang Ulbrich, pensionierter Oberstudienrat, in der St. Wendeler Stadt- und Kreisbibliothek die Vorstellung seines Buches

St. Wendel. "Nicola Marschall ist ein verlorener Sohn der Stadt, vielleicht ist er deshalb aus dem Blickfeld der St. Wendeler verschwunden" - mit diesen Worten eröffnete Wolfgang Ulbrich, pensionierter Oberstudienrat, in der St. Wendeler Stadt- und Kreisbibliothek die Vorstellung seines Buches. Sein Werk zeichnet nämlich das Leben des Künstlers Nicola Marschall nach und soll dazu beitragen, dieses weit rumgekommene Kind der Domstadt wieder in das Blickfeld der heutigen St. Wendeler zu rücken.Bekannter ist Marschall hingegen in den Vereinigten Staaten, wohin er 1849 auswanderte. Vielen Bürgern im Landkreis dürfte dennoch die Tabakfabrik Marschall ein Begriff sein; in eben jene Tabakspinnerfamilie wurde Nicola 1829 geboren. Früh fiel seine künstlerische Ader auf. Dennoch begann er sein Arbeitsleben im Familienunternehmen. "Er hat diese Arbeit gehasst. Sein Vater unterstützte ihn aber bei seinem Streben, sich künstlerisch fortzubilden", erklärte Ulbrich. Der Spross der wohlhabenden Familie genoss Privatunterricht, 1846 schrieb er sich an der königlich-preußischen Kunstakademie in Düsseldorf ein.

Währenddessen plagten die Bewohner des St. Wendeler Landes wirtschaftliche Krisen, Missernten und politische Unzufriedenheit. Auch ein Thema des Buches. Viele Verzweifelte entschlossen sich, ein neues Leben in der Neuen Welt zu wagen. Auch Marschall. Jedoch wurde dieses Vorhaben nicht aus der Not heraus geboren. Der St. Wendeler wollte vielmehr sein künstlerisches Können in Amerika beweisen. "Auch war wohl die Konkurrenz in Deutschland unter den Porträtmalern groß", bemerkte Ulbrich.

Nach kurzer Durststrecke fand Marschall in Amerika Mäzene. Wohlhabende Plantagenbesitzer im Süden des jungen Staates engagierten den aufstrebenden Künstler aus dem fernen Preußen. Marschall zeichnete Porträts, unterrichtete Kunst, Musik und Sprachen. Zudem brach er gelegentlich zu Bildungsreisen auf den alten Kontinent auf, nach München, Rom, Florenz. Ließ sich von bekannten Künstlern unterrichten, von berühmten Werken inspirieren, kopierte und interpretierte diese. Dass die Verbindung zu seiner Familie weiterhin bestand, zeigen Briefe aus dieser Zeit. Auch dass Nicola Geld von den Eltern bezog, wird aus diesen deutlich. Nebenbei: Ulbrich hat in dem in Kürze erscheinenden Heimatbuch des Landkreises St. Wendel zwei Briefe Marschalls genauer untersucht.

Die neue Heimat Marschalls steuerte inzwischen auf einen Bürgerkrieg zu. Im Sezessionskrieg (1861-1865) kämpften Nord- gegen Südstaaten. Auch Marschall musste sich in die Uniform zwängen. Der nach Abspaltung strebende Süden wollte einen eigenen Staat bilden. Ein Staat braucht eine Fahne, braucht Uniformen für seine Soldaten. Angeblich hat Marschall beides entworfen. Ulbrich: "Es gibt Indizien, die dafür sprechen, dass die erste Südstaatenfahne, die Stars and Bars, auf seinem Entwurf basiert. Für eine Urheberschaft der Uniform gibt es hingegen keine." Dennoch werde ihn beides zugeschrieben. Daher sei der St. Wendeler auch noch heute in den Vereinigten Staaten bekannt.

Nach dem Krieg brachen für den Süden schwere Zeiten an - und für Marschall. Seine Auftraggeber hatten aufgrund einer Inflation kein Geld mehr. Marschall gründete dennoch eine Familie und zog nach Louisville im US-Bundesstaat Kentucky. Dort starb er 1917. Beigesetzt wurde er auf dem dortigen Cave-Hill-Friedhof. Auf einer Gedenktafel neben seinem Grab ist seine Geburtsstadt erwähnt - die seinen Sohn auf dem Neuen Kontinent wohl noch nicht ganz vergessen hat, wie das Buch von Wolfgang Ulbrich beweist. red

Wolfgang Ulbrich: "Nicola Marschall (1829-1917). Ein Maler aus St. Wendel in den amerikanischen Südstaaten", Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2012, ISBN 978-3-86110-520-6, 26 Euro.

Foto: privat