Künstlerinnen unter Beobachtung

Künstlerinnen unter Beobachtung

Saarbrücken. Nanu, was tut sich denn da drinnen? Fast jeder, der an diesem Morgen am ehemaligen Schuhgeschäft Roland in der Bahnhofstraße vorbeigeht, wendet den Blick. Merkwürdig verkniffen gucken die meisten durch die Scheiben, mancher bleibt gar mit offenem Munde kurz stehen

Saarbrücken. Nanu, was tut sich denn da drinnen? Fast jeder, der an diesem Morgen am ehemaligen Schuhgeschäft Roland in der Bahnhofstraße vorbeigeht, wendet den Blick. Merkwürdig verkniffen gucken die meisten durch die Scheiben, mancher bleibt gar mit offenem Munde kurz stehen. Ob ihnen nicht klar ist, dass die beiden Schaufensterscheiben nicht nur "Einblicke" erlauben, sondern auch Ausblicke? Doch im Moment nehmen die beiden jungen Frauen im Ladeninneren die Passanten gar nicht wahr. Verena Kattler nagelt gerade ihre Bilder an die Wand. Sie zeigen kleine Nagetiere, gemalt in Öl auf Papier. Wie unheimliche Aliens glotzen sie einen an. "Das kleine Monströse" hat die Künstlerin ihre fortlaufende Serie genannt. Tanja Holzer-Scheer packt dieweil ihre Wandobjekte aus dem schützenden Papier und legt sie auf einen Tisch. Die beiden bildenden Künstlerinnen bereiten nicht etwa eine Ausstellung vor. Sie nutzen den leer stehenden Laden in den nächsten zwei Wochen als Atelier. "Unsere Idee war, dass wir den Saarbrückern zeigen, wie so ein Atelierbetrieb abläuft", erklärt Tanja Holzer-Scheer, die sich sonst mit ihrer Kollegin Kattler einen Atelierraum im KuBa am Eurobahnhof teilt. "Wir werden jeden Tag hier arbeiten, und die Leute können uns dabei zusehen." Nicht nur durch die Scheibe. Holzer-Scheer und Kattler haben extra die Tür offenstehen, um den Passanten zu signalisieren, dass sie auch reinkommen dürfen. "Und es darf auch gekauft werden", fügt Kattler hinzu."Einblicke" hat das Künstlerinnen-Duo seine Zwölf-Tage-Atelier-Aktion genannt. Ermöglicht hat sie die PSD-Bank Rhein-Neckar-Saar. Sie ist Eigentümerin des Hauses Nr. 68 in der Bahnhofstraße/Ecke Sulzbachstraße und will es demnächst abreißen, um sich hier ein neues Bankgebäude zu bauen. Bevor der Abrissbagger anrückt, sollte das Lokal im Erdgeschoss noch sinnvoll genutzt werden, fand die PSD-Bank und stellt es in Kooperation mit dem Saarbrücker Kulturamt nun dem Bundesverband Bildender Künstler (BBK) Saar zur Verfügung. So kamen die BBK-Mitglieder Kattler und Holzer-Scheer ins Spiel.

Noch sieht das Lokal ziemlich leer aus. "Es wird sich im Laufe der nächsten Tage aber immer mehr füllen", versichert Holzer-Scheer. Sie will hier an ihren Objekten arbeiten: seltsame amorphe Wesen in schreienden Bonbon-Farben, die an Tiefseefische erinnern oder auch an jene eingefärbten Mikroben und Viren, wie sie uns Forscher sonst nur durchs Elektronenmikroskop zeigen.

Doch kann man als Künstlerin überhaupt gut arbeiten, wenn man dabei unter ständiger Beobachtung steht? "Das ist schon ein Ausnahmezustand, ständig könnte ich das nicht", sagt Holzer-Scheer. Aber andererseits sei Kunst ja auch Kommunikation. "Deshalb haben wir uns drauf eingelassen", bekräftigt die Künstlerin: "Viele Leute wissen ja gar nicht, dass es in Saarbrücken eine Kunsthochschule gibt."

Jetzt wünschen sich die beiden Künstlerinnen, dass die Saarbrücker nicht nur neugierig durch die Scheibe gucken, sondern einen Schritt weitergehen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dafür legen sie den Pinsel und den Klebstoff gern aus der Hand. Die ersten drei Menschen, die sich an diesem Morgen über die Schwelle wagen, sind allerdings Kollegen. "Ich finde das toll, dass ihr das macht", sagt Birgit Hewer und schreibt gleich ein paar ermunternde Zeilen ins Gästebuch.

"Einblicke", Bahnhofstraße 68, täglich außer sonntags geöffnet von 11 bis 16 Uhr. Finissage ist am 16. Juni ab 11 Uhr.