Kritik an Sozialstudie Saar

Saarbrücken. Die Arbeitskammer wirft den Autoren der von der Saar-Regierung in Auftrag gegebenen Sozialstudie Saar vor, "die Rahmenbedingungen zur Wirtschafts- und Einkommenslage im Saarland zu positiv bewertet" zu haben

Saarbrücken. Die Arbeitskammer wirft den Autoren der von der Saar-Regierung in Auftrag gegebenen Sozialstudie Saar vor, "die Rahmenbedingungen zur Wirtschafts- und Einkommenslage im Saarland zu positiv bewertet" zu haben. In der aktuellen Ausgabe des "Arbeitnehmer", der Zeitschrift der Arbeitskammer, werden wesentliche Aussagen der vom Kölner Otto-Blume-Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) verfassten Expertise kritisiert. So sei zwar zutreffend, dass das verfügbare Einkommen je Einwohner im Saarland von 1996 bis 2007 stärker als im Bundesschnitt gewachsen sei. Diesen Befund der Studie hält die Kammer aber nicht für aussagekräftig, da er vor allem auf das starke Wachstum der Vermögens- und Selbständigen-Einkommen an der Saar zurückzuführen sei. Demgegenüber sei der Bruttolohn je Arbeitnehmer im Schnitt langsamer gewachsen als im Bund.Ebenso wenig aussagekräftig ist nach Ansicht der Kammer die Aussage der Studie, dass im Saarland ein geringerer Bevölkerungsanteil auf Hartz IV angewiesen sei als im Bund. Maßgeblich ist laut Kammer nämlich nicht der Vergleich mit dem Bund, sondern der mit Westdeutschland, bei dem das Saarland viel schlechter abschneide.

Kritik entzündet sich ferner daran, dass das ISG bei der Berechnung des relativen Armutsrisikos im Saarland die Messung nach dem Landesmittelwert gleichberechtigt neben der nach dem Bundeswert ausgewiesen hat. Der Leiter der Forschungsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Rudolf Martens, vertritt im "Arbeitnehmer" die Ansicht, dass die Berechnung nach dem Landesmittelwert nur dazu diene, "das Saarland bei den Armutsquoten ein wenig aufzuhübschen".

Für "fragwürdig" hält die Kammer insbesondere die These, dass Armut bei Erwerbstätigkeit im Saarland geringer ausgeprägt sei als im Bund. Dies wird in der Studie darauf gestützt, dass der Anteil der erwerbstätigen Hartz-IV-Empfänger an allen Leistungsbeziehern an der Saar etwas niedriger sei als im Bund. Tatsächlich wird an anderer Stelle in der Studie selbst aber festgestellt, dass die Armutsrisikoquote der Erwerbstätigen im Saarland deutlich über dem Bundesschnitt von 7,4 Prozent liegt. Nur taucht diese Aussage eben in der Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse am Ende der Studie nicht mehr auf.

ISG-Chef Dietrich Engels wies die Kritik zurück. Tatsächlich enthalte die Studie sehr wohl Daten zum Bruttolohn je Arbeitnehmer und zum Vergleich der Hartz-IV-Bezugsquote mit dem westdeutschen Durchschnitt, deren Fehlen die Kammer moniere. Die Messung des Armutsrisikos nach dem Landesmittelwert mache Sinn, um bei einem Vergleich unterschiedliche Lebenshaltungskosten in den verschiedenen Bundesländern mitberücksichtigen zu können. Zudem seien die Daten der Bundesagentur für Arbeit zum Anteil der erwerbstätigen Hartz-IV-Empfänger an allen Leistungsbeziehern "verlässlicher" als die Mikrozensus-Daten zur Armutsrisikoquote der Erwerbstätigen.

Meinung

Alles eine Frage der Darstellung

Von SZ-RedakteurNorbert Freund

Sicher kann man den Autoren der Sozialstudie Saar nicht vorwerfen, zentrale Fakten zur sozialen Lage im Saarland unterschlagen zu haben. Allerdings haben sie in der Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse am Ende der Studie die für das Saarland positiven Daten in den Vordergrund gestellt. Wohlwissend, dass dieses Kapitel am ehesten auch von Journalisten gelesen wird. Im Übrigen ist offenkundig, dass die Mikrozensus-Daten zum Armutsrisiko Erwerbstätiger entgegen der Ansicht der Autoren aussagekräftiger sind als die entsprechenden Daten zu den Hartz-IV-Empfängern. Denn der Mikrozensus berücksichtigt auch all jene Erwerbstätigen, die - obwohl sie arm sind - nicht Hartz IV beziehen.