Kriminalität an Schulen im Saarland gibt Rätsel auf

Gewalt im Saarland : Kriminalität an Schulen gibt Rätsel auf

Die Zahl der Straftaten an Schulen hat sich seit 2013 verdoppelt. Experten warnen davor, die Zahlen zu dramatisieren.

Lehrer, die als „Cracknutte“ oder „Hurensohn“ beschimpft werden, ein Schüler, dem in der Pause der Arm gebrochen wird, eine Prügelei von Achtklässlern, die so eskaliert, dass die Polizei anrücken muss – in einem Brandbrief an das Bildungsministerium beklagte vergangenes Jahr das Kollegium der Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese eine wachsende Gewaltbereitschaft der Schüler untereinander, aber auch gegenüber den Lehrern.

Ein Einzelfall? Laut den Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik nimmt die Gewalt an Schulen im Saarland insgesamt zu. Demnach ist die Zahl der Straftaten zwischen 2013 und 2017 um 114 Prozent gestiegen. Einem Bericht der „Welt am Sonntag“ zufolge ist das auch in neun anderen Bundesländern der Fall – doch in keinem Land fiel der Zuwachs so stark aus wie im Saarland.

Im Jahr 2017 registrierte die Polizei im Saarland insgesamt 579 Delikte im Zusammenhang mit Schulen, 2013 waren es 270. In knapp jedem dritten Fall handelte es sich um Sachbeschädigung (175), gefolgt von Diebstählen (159) und sogenannten „Rohheitsdelikten und Straftaten gegen die persönliche Freiheit“, etwa Körperverletzung (156). 60 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung gab es – 29 mehr als im Vorjahr. Die Tatverdächtigen waren überwiegend männlich (83 Prozent) und deutsch (77 Prozent). 45 Prozent der Fälle konnten laut Polizei aufgeklärt werden.

Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl der Straftaten also mehr als verdoppelt. Die AfD-Landtagsfraktion fordert nun gar Polizeipräsenz an Schulen mit überdurchschnittlich vielen Gewaltdelikten. Doch wie lässt sich der drastische Anstieg erklären? Im Innenministerium rätselt man über die Gründe: Möglicherweise würden mehr Fälle zur Anzeige gebracht, auch weil die Medien verstärkt über solche Vorfälle berichteten, meint eine Sprecherin. Sie gibt zudem zu bedenken, dass die eigentlichen Fallzahlen in einem kleinen Bundesland wie dem Saarland gering seien. Gebe es einen Zuwachs, falle die prozentuale Steigerung deutlich stärker aus als in größeren Ländern.

Der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer warnt davor, die Statistik zu dramatisieren. „Die schweren Fälle von Gewalt sind stark rückläufig.“ Tatsächlich zeigen Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, dass es 2017 (72 432) nur noch etwa halb so viele Raufunfälle an deutschen Schulen gab wie 1999 (143 878). Dabei handelt es sich um Fälle, bei denen nach einer Auseinandersetzung zwischen Schülern ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden musste. Die Zahlen für das Saarland werden nicht gesondert erfasst.

Auch die Jugendkriminalität insgesamt ist im Saarland nicht so stark gestiegen wie an den Schulen: Zwischen 2013 und 2016 nahm sie zwar um 22 Prozent zu, zwischen 2016 und 2017 verzeichnet die Polizei aber wieder einen Rückgang um rund elf Prozent.

Pfeiffer hat für eine Studie 10 000 Jugendliche in Niedersachsen befragt und festgestellt: „Von einem realen Anstieg der Gewalt kann keine Rede sein. Ich glaube nicht, dass das Saarland in diesem Punkt anders tickt.“ Allerdings sei die Bereitschaft, Anzeige zu erstatten gestiegen. Die mediale Aufregung über Gewalttaten leiste dazu sicher ihren Beitrag. Nach dem Flüchtlingszuzug habe sich zudem die Zusammensetzung der Schülerschaft verändert. „Es ist statistisch erwiesen, dass die Anzeigebereitschaft gegenüber Fremden mehr als doppelt so hoch ist wie gegenüber vertrauten Menschen.“

Im Bildungsministerium will man auch nicht so recht glauben, dass die Gewalt an Schulen plötzlich explodiert sein soll. Eine Ministeriumssprecherin sagt aber auch: „Wir erleben insgesamt in der Gesellschaft, dass der Respekt gegenüber Mitmenschen gesunken ist.“ Es sei wenig realistisch zu glauben, dass Schulen als Teil der Gesellschaft von solchen Entwicklungen verschont blieben. Die Schulen hätten schon vor längerer Zeit begonnen, präventiv tätig zu werden. So gibt es etwa seit dem Schuljahr 2004/2005 das Projekt „Mediation in der Grundschule“, das inzwischen an fast der Hälfte der 162 Grundschulen umgesetzt wird. Zudem gebe es zahlreiche Fortbildungen zur Gewaltprävention für Lehrer am Landesinstitut für Pädagogik und Medien. Die Sprecherin sieht aber auch die Eltern in der Pflicht, „ihre Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen, die Gewalt nicht nötig haben“.

Auch die Lehrer-Gewerkschaften sehen die Zahlen mit Skepsis. Johannes Klauck, stellvertretender Landesvorsitzender des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (SLLV), vermutet ähnlich wie Pfeiffer, dass sich das Meldeverhalten verändert hat. So sei Gewalt gegen Lehrer lange ein Tabuthema gewesen. Das habe sich inzwischen geändert. Eine Umfrage im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung im Mai hatte gezeigt, dass es bundesweit an rund jeder vierten Schule Fälle von körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte gab. Ob sich die Straftaten der Schüler im Saarland verstärkt gegen Lehrer richten, ist unklar. In der Kriminalstatistik werden die Daten der Opfer nicht erfasst.

Max Hewer, Vize-Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sagt: „Natürlich spielt Gewalt im Alltag an Schulen eine Rolle.“ Auch wenn es sich in der Regel um Rangeleien unter Schülern und nicht um Straftaten handele. Um die Lehrer zu entlasten und die Gewaltbereitschaft der Schüler zu mindern, fordern GEW und SLLV multiprofessionelle Teams, kleinere Gruppen, mehr Präventionskurse, aber auch den Umgang mit Gewalt stärker in die Lehreraus- und -fortbildung zu integrieren.