1. Saarland

Krankheitsbild Schizophrenie: Ein betroffener Saarländer berichtet

Serie Psychische Krankheiten – Teil 7: Schizophrenie : Wenn der Wahn die Wirklichkeit verdrängt

Schizophrenie ist den meisten Menschen ein Begriff. Doch was bedeutet die Krankheit für Betroffene? Ein Saarländer berichtet.

ABeautiful Mind – Genie und Wahnsinn“, „Twin Peaks“, „Black Swan“ oder „Donnie Darko“ – man muss nicht lange suchen, um zu merken, dass die Schizophrenie so etwas wie der Shootingstar unter den psychischen Erkrankungen für die Filmbranche zu sein scheint. Dennoch: Was er schon vor einigen Jahren in seiner ersten Psychose erlebt habe, „das bekommt man auf keine Leinwand“, sagt Julian Neu (Name von der Redaktion geändert). Die Welt, die er damals in seinen Gedanken erschaffen habe, hatte „nichts mehr mit der Realität zu tun“, wie er sagt. „Nehmen wir das Wort ‚verrückt‘“, sagt er. „Ich lese darin auch: ‚von der Realität entrückt‘, und genau das ist es ja auch“.

Julian Neu ist ein junger Mann, er spricht reflektiert, wirkt klar, obwohl seine jüngste Psychose gerade einmal zwei Wochen her ist. Er sei ansonsten kognitiv und bildungsmäßig fit, habe ein sehr strukturiertes Leben. Das würde ihm wohl auch beim Überwinden seiner psychotischen Episoden zugutekommen. Bei beiden Malen hat er nur kurze Zeit in der Klinik verbracht, konnte schnell die Entrücktheit seiner Gedanken von der Realität erkennen. Und schafft es so auch in diesem Gespräch reflektiert über seinen Krankheitsverlauf zu berichten.

Alles begann am Beginn einer neuen Lebensphase: Neu hatte die Schule abgeschlossen, zum Studium zog er in eine andere Stadt. Er begann eine erste richtige Partnerschaft. Zu Hause bei der Familie hingegen gab es Ungereimtheiten. Er habe wenig geschlafen in jener Zeit, immer häufiger auf „positive Anker“, so nennt er es, wie Sport und gesunde Ernährung verzichtet. „Das waren viele Themen der persönlichen Neuerfahrung, sowohl positiv als auch negativ“, sagt er, „alles Bekannte war weg“. Es sei eine Zeit vieler neuer Eindrücke gewesen, erinnert er sich. Doch die entwickelten sich schließlich zu einem Gedankenkarussell, das Neu nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. „Ich wurde immer unruhiger, konnte Gedanken nicht abschließen, nicht mehr raus aus meiner Denk-Struktur“, erzählt er, „ich war ganz überfordert, einmal brauchte ich eine Dreiviertelstunde, um meine Kontonummer richtig einzugeben“. „Ich schaff das schon, alles wird gut, ich krieg das hin“, habe er zunächst gedacht. Doch über den Verlauf von zwölf Wochen verschlimmerte sich sein Zustand. „Zum Schluss hin waren meine Sinne ganz aktiv, Hören und Sehen wurden zur Belastung, ich wurde von meinen Sinnesorganen bombardiert“, erinnert Neu sich. Hinzu sei der Verfolgungswahn gekommen, der Eindruck, dass alle Menschen ihn beobachteten, ihm sein inneres Chaos ansähen. Und schließlich seien da auch Geschichten in seinen Gedanken entstanden, die nichts mit der Realität zu tun hatten, wie er heute sagen kann: Etwa, dass seine Partnerin ihn von den Eltern, die ihm nicht guttun würden, separieren wolle. „In dem Moment war das hieb- und stichfest für mich“, sagt Neu heute. Sein Netzwerk habe er immer und immer wieder zu denselben Themen um Rat gefragt. Gaben sie nicht die gewünschte Antwort, hat Neu sie regelrecht aussortiert, zu Feinden erklärt. „Da war ein ganz starkes Schwarz-Weiß-Denken hinsichtlich meiner Freunde“, erinnert sich Neu.

Julian Neu ließ sich schließlich auf eigenen Wunsch in eine Klinik bringen. „Das war meine letzte Flucht, wäre das drei, vier Tage länger so gegangen, wäre ich wohl unberechenbar mir selbst gegenüber geworden“, sagt er. Was ihm selbst widerfahren ist, habe er vorher nie als Krankheit anerkannt. „Da ist halt einer durchgebrannt, habe ich immer gedacht“, gibt Neu zu. Das Blatt hat sich gewendet, er weiß jetzt, dass es jeden treffen kann. In der Klinik hieß es für ihn erst einmal: Runterkommen, die Grundbedürfnisse wieder versorgen. Schlafen, essen, trinken, den Stress verarbeiten.

Die Umstände seiner zweiten Psychose sollen hier zur Wahrung von Neus Persönlichkeitsrechten im Dunkeln gelassen werden. „Es war genau das Gleiche, nur in anderer Farbe“, so viel ließe sich sagen. So eine Psychose könne einmalig auftreten, bei hohem Stresslevel etwa, sagt Julian Neu, oder wiederkehrend, so wie bei ihm. Man spricht dann von Schizophrenie, wenn die Symptomatik länger als einen Monat besteht. Neu benutzt dieses Wort nicht. Wichtig sei für ihn, einen Hebel zu finden, sodass der Zustand nicht chronisch wird. Dazu zählt einerseits die Einnahme von antipsychotischen Medikamenten. Nach einer Psychose musste er die ein ganzes Jahr einnehmen. „Mir wurde gesagt, dass ich die auf keinen Fall absetzen dürfe, sobald ich das Gefühl habe, dass es mir besser geht“, sagt Neu, „denn das Gehirn bleibt sehr lange in einem Zustand, in dem es wieder in die Psychose zurückfallen kann und nicht so arbeitet wie gewohnt“. Was das bedeute, habe er auch am eigenen Leib erfahren: „Ich hatte in den Wochen nach der ersten Psychose starke Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, konnte selbst einfachste Matheaufgaben kaum lösen“, sagt Neu. Neben den Medikamenten muss Julian Neu aber auch sein Leben umstellen, weiter durchstrukturieren: „Kein Feiern, kein Alkohol, stattdessen nach Hause gehen, schlafen“, erklärt er. „Und bei ungewohnten Stressfaktoren sehr wachsam bleiben“. Diese Umstellung gelingt Neu auch dank seines Umfeldes, das ihn immer unterstütze und empathisch sei gegenüber seiner besonderen Lebenssituation.