1. Saarland

Kommunikation auf der Ebene der Fantasie

Kommunikation auf der Ebene der Fantasie

Was ist das Besondere an der Gebärdensprache?Endres: "Wir hatten zum Weltjugendtag vor ein paar Jahren eine Gruppe mit libanesischen Jugendlichen hier, und da habe ich festgestellt, dass es möglich war, sich sogar über die Sprachgrenzen hinweg mit Gebärden zu verständigen

Was ist das Besondere an der Gebärdensprache?Endres: "Wir hatten zum Weltjugendtag vor ein paar Jahren eine Gruppe mit libanesischen Jugendlichen hier, und da habe ich festgestellt, dass es möglich war, sich sogar über die Sprachgrenzen hinweg mit Gebärden zu verständigen."Warum lernt das dann nicht jeder?Pieck: Es sind einfach Hemmungen da, mit den Händen zu reden. Es ist auch stark davon abhängig, in welchem Kulturkreis man sich bewegt, zum Beispiel in Italien oder Spanien ist das anders.Wer nimmt an den Gebärdensprachkursen teil?Pieck: Die Teilnehmer kommen überwiegend aus sozialen Berufen, Krankenschwestern, Rettungssanitäter, Ärzte, auch Polizisten. Nicht immer übernimmt der Arbeitgeber die Kosten. Und es gibt immer mehr Leute, die das nur für den Spaß machen, die Gebärdensprache wie eine Fremdsprache lernen.Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?Pieck: Was wir bei der Gebärdensprache brauchen, ist die Ebene der Fantasie. Frauen sind in dem Bereich oft sensibler. Es herrscht immer eine ganz besondere Atmosphäre in den Kursen, es wird viel gelacht. Die zwischenmenschliche Ebene steht im Vordergrund. Man wird aufmerksamer, beobachtet sein Gegenüber genauer. Was lernt man in einem Kurs?Endres: Im Grundkurs lernt man an drei Samstagen etwa 500 Gebärden, es ist eine Einführung in die Welt und Kultur der Gehörlosen. Dann gibt es noch einen dreitägigen Aufbaukurs.Pieck: Man übt vor allem kleine Alltagsdialoge, einfache Konversationsübungen und man lernt, einfache Texte nur in der Gebärdensprache zu verstehen und zu übersetzen.Warum ist die Gebärdensprache in Deutschland so wenig verbreitet?Pieck: In allen nordischen Ländern oder in Amerika ist Gebärdensprache viel verbreiteter. Das liegt auch daran, dass sie in Deutschland erst 2002 als Fremdsprache anerkannt wurde (Anm.d.Red.: mit dem Behindertengleichstellungsgesetz, § 6 BGG), davor war sie verboten. Das hatte auch ideologische Gründe, Gehörlose sollten sich in die Welt der Geräusche integrieren. Die Gebärdensprache existierte als Geheimsprache generell nur da, wo sich Gehörlose trafen, also an Schulen. So entwickelten sich natürlich verschiedene Dialekte.Gibt es also einen saarländischen Dialekt in der Gebärdensprache?Pieck: Natürlich! Ich halte die Dialekte für sehr wertvoll, weil sie etwas Typisches sind. Etwa die saarländische Verwendung des Verbs "holen" für "nehmen" hat auch in der Gebärdensprache ihre Entsprechung. Man muss aber wissen, dass man nicht überall verstanden wird. Was wäre wünschenswert?Endres: Erst seit 2002 gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf einen Dolmetscher. Aber in der Realität sieht das anders aus. Es sollte zumindest auf Ämtern, bei der Polizei, bei Ärzten, Notaren oder in Kirchen die Telefonnummer eines Dolmetschers greifbar sein, den man anrufen kann. Meine Wunschvorstellung wäre, dass jeder die Gebärdensprache erlernt. Pieck: Mit Implatanten und konsequenter Hörerziehung ab der sechsten Lebenswoche erzielt man heute gute Resultate, dann können Kinder sogar in eine normale Schule gehen. Aber es gibt natürlich auch die Fälle, in denen auch mit technischer Unterstützung nichts zu machen ist. Da plädiere ich auch dafür, Gehörlosen eine eigene Kultur und eigene Sprache zuzugestehen.

HintergrundDie Deutsche Gebärdensprache (DGS) unterscheidet sich von den Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) oder gebärdetes Deutsch. Das Fingeralphabet wird unterstützend angewandt.Gebärdensprache und Lautsprache sind unterschiedliche Systeme mit unterschiedlicher Grammatik, deswegen sind sie kaum wörtlich zu übersetzen. Bemerkenswert ist, dass mit einem Zeichen mehrere Informationen gleichzeitig übertragen werden können ("Inkorporation").Auch für von Geburt an Gehörlose ist es möglich, schreiben zu lernen. Die Gebärdensprache wird dann als Muttersprache, die Schriftsprache quasi als Zweitsprache erworben. Die jeweiligen Gebärdensprachen verschiedener Länder sind sich ähnlicher als die jeweiligen Lautsprachen. Eine internationale Gebärdensprache ist noch im Entstehen.