Kohle-Geschichten

Reden. Eigentlich wollte Günter Wagner bloß nachhören, ob's auf der Grube Duhamel Arbeit gibt für ihn. Er traf dort abergleich den richtigen Mann: ein kurzes Gespräch, Handschlag drauf. Am nächsten Montag, Viertel vor sechs, fing Wagner an

 Kohleverladung in Saarbrücken im Jahr 1961. Im Hintergrund die Lichtwerbung für "Saarkohle". Foto: Leopold Fontaine/RAG

Kohleverladung in Saarbrücken im Jahr 1961. Im Hintergrund die Lichtwerbung für "Saarkohle". Foto: Leopold Fontaine/RAG

Reden. Eigentlich wollte Günter Wagner bloß nachhören, ob's auf der Grube Duhamel Arbeit gibt für ihn. Er traf dort abergleich den richtigen Mann: ein kurzes Gespräch, Handschlag drauf. Am nächsten Montag, Viertel vor sechs, fing Wagner an. Nach ein paar Wochen wunderte sich der gelernte Heizungsbauer allerdings, weil er immer noch keinen Arbeitsvertrag hatte, fragte bei seinem Fahrsteiger nach. "Wozu brauchst du denn einen Arbeitsvertrag? Du hast doch den Handschlag von dem Herrn U." bekam er zu hören. Und mehr als einen Handschlag sollte er auch bis zu seiner letzten Schicht nicht bekommen.Unvorstellbar klingt das in unserer vollbürokratisierten Gegenwart. Dabei ist es eben mal 40 Jahre her, dass Günter Wagner so seine Arbeit auf Duhamel begann. Und es sind auch diese Erinnerungen von Bergleuten, die der Püttlinger Autor Georg Fox gesammelt hat, die den Band "Der saarländische Steinkohlenbergbau" auszeichnen. Der Bildband wird so auch zum Lesebuch. Zur fotografisch fixierten Historie gesellt sich bereichernd das Private. Mitte 2012 endet die Kohleförderung im Land. Mit einem zweibändigen Werk will die RAG und das Institut für Landeskunde nun die Bergbaugeschichte dokumentieren. Der vorgelegte Fotoband ist da bloß der erste Streich. Ein Dokumentarwerk folgt nächstes Frühjahr, das dann auch im ersten Band Fehlendes, wie etwa ein Register, nachliefert.

Ohne Frage ist Delf Slotta für diesen ersten Band der geborene Autor. Seit 30 Jahren befasst sich der Geograph mit der Historie des Saar-Bergbaus. Für das aktuelle Buch hat sich der Leiter des Instituts für Landeskunde tief ins Archiv der RAG vergraben. Was dies alles birgt, lässt das Buch, obwohl es stolze 800 Aufnahmen zeigt, aber bestenfalls ahnen. 100 000 Archiv-Aufnahmen sollen es sein - von Glasplatten aus den Gründertagen der Fotografie bis heute. Bleibt zu hoffen, dass dieser Schatz auch dann bewahrt werden kann, wenn sich die RAG zurückzieht.

Das Werk soll nun eine Gesamtschau über den staatlichen Steinkohlebergbau hier zu Lande liefern. Die sich nicht allein auf die Fördertechnik oder die Arbeit vor Ort beschränkt, sondern auch die Auswirkungen des Bergbaus auf den Alltag der Menschen zeigt. Trotz fast 400 Seiten Umfang, "ohne Mut zur Lücke", sagt Slotta selbst, wäre auch ein solch opulenter Band nicht denkbar. So dokumentiert das Buch zwar den staatlichen Bergbau, nicht aber den privatwirtschaftlichen (im Dokumentarband soll dieser zumindest Erwähnung finden).

Slotta hat sich klug dazu entschlossen, Bergbaugeschichte nicht chronologisch abzuarbeiten. Er erzählt mit Bildern und knappen Begleittexten Geschichten - lässt den Betrachter etwa den Vorlauf einer Schicht nachvollziehen. Natürlich sieht man auch die Gruben, die Kraftwerke, die Kokereien, wie der Kohleabbau sich mit Förderanlagen, Absinkweihern und Halden ins Land gefressen hat. Vor allem aber rückt der Band die Menschen und ihre Arbeit in den Blick. Da bleiben etwa die beiden Bergbaulehrlinge der Grube Camphausen von 1961 haften: noch lachende Kindergesichter unter Männerhelmen. Aber auch die gestandenen Bergleute, die stolz in die Kamera schauen. Im Stil der jeweiligen Zeit sind die Männer mal heroisch inszeniert oder sachlich abgelichtet. Das Bild von der Arbeit, das man sich mit diesem Band machen kann, bleibt weitgehend ein offizielles. Ob es nun die Saargruben, die Régie des Mines de la Sarre, Saarberg oder zuletzt die RAG waren: Sie bestimmten, welche Aufnahmen ins Archiv kamen. Trotzdem hat Slotta sich bemüht, auch das Private zu zeigen: Entspannen beim Kaninchen züchten, beim Angeln am Itzenplitzer Weiher. Bedauerlich nur, dass manche Bilderklärungen so karg ausfallen. Gerade für jene, für die der Bergbau schon nicht mehr Alltag im Saarland ist, dürfte es da mehr an Information sein. In großen Teilen aber, so Slotta, hatten die Archivbilder nur dürftige Legenden.

Alle an der Geschichte des Landes Interessierten freilich wird dieser Band fesseln. Und selbst jenen, die ihn nur der Fotografie wegen aufschlagen, hat er viel zu bieten. Weil eine Reihe faszinierender Aufnahmen selbst nüchterne Technik (etwa die Leitungssysteme der Grube Heinitz) einer Skulptur gleich ins Bild setzen - und überhöhen. Doch genauso wird die Härte der Arbeit und der Tod, den sie jederzeit bringen konnte, festgehalten. Dem Bild der beiden Bergleute, die nach dem Unglück in Luisenthal 1962 neben den Särgen ihrer Kameraden wachen, wird sich niemand entziehen können..

 Fördergerüst von Schacht I und Teufgerüst von Schacht II (r.) in Schiffweiler der Anlage Marcel-Bertrand der Grube Kohlwald - 1947 aufgenommen.

Fördergerüst von Schacht I und Teufgerüst von Schacht II (r.) in Schiffweiler der Anlage Marcel-Bertrand der Grube Kohlwald - 1947 aufgenommen.

 Ein Saarbergmann nach der Ausfahrt 1955. Fotos: RAG

Ein Saarbergmann nach der Ausfahrt 1955. Fotos: RAG

"Der saarländische Steinkohlenbergbau": Delf Slotta, 376 S., Krüger Druck, 39 Euro.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort