Knochenarbeit statt Sektempfang in Paris

Saarbrücken. "Wir wollen keine Büros. Wir wollen mit einem schnellen Zug nach Paris fahren." Es ist dreieinhalb Jahre her, seitdem Carl Bossert, ehemaliger Manager der Saarlandhalle und Mitglied im SZ-Ältestenrat, dem damaligen Saarbrücker Baudezernenten Dieter Ehrmanntraut erklärt hat, was die Saarbrücker interessiert

Saarbrücken. "Wir wollen keine Büros. Wir wollen mit einem schnellen Zug nach Paris fahren." Es ist dreieinhalb Jahre her, seitdem Carl Bossert, ehemaliger Manager der Saarlandhalle und Mitglied im SZ-Ältestenrat, dem damaligen Saarbrücker Baudezernenten Dieter Ehrmanntraut erklärt hat, was die Saarbrücker interessiert. Und genau so ist es auch gekommen: Die Saarbrücker genießen die 110-Minuten-Verbindung nach Paris. Die angekündigten Büros im Quartier Eurobahnhof sind den Franzosen allerdings so egal wie Bossert. Dabei sollten sie doch gebaut werden für die Firmen aus Frankreich, die Saarbrücken als Tor zu Deutschland nutzen wollen.Das "B+B"-Hotel ist die einzige französische Investition auf dem Gelände zwischen Bahnhof und Rodenhof, räumte Dieter Blase, der in der kommenden Woche aus dem Amt scheidende Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft für Innovation und Unternehmensförderung (GIU), in diesen Tagen ein. Nun setzt die GIU ihre Hoffnungen auf die "Vitrine de France", ein Gebäude, in dem französische Firmen Büros und Geschäftsräume mieten und sich präsentieren können. Im kommenden Jahr soll es wohl gebaut werden.Womöglich zu spät. Denn deutsche und französische Bahn sind dabei, Paris über Straßburg mit Stuttgart zu verbinden. Diese Hochgeschwindigkeitsverbindung werde attraktiver sein als die nach Saarbrücken, befürchtet Bernard Sembritzki, der Geschäftsführer der Saarbrücker W+ST Personalberatung. "Wenn die Südstrecke fertig ist, ist das Thema hier tot", sagt er. Wenn Saarbrücken noch eine Chance haben wolle, französische Firmen anzusiedeln, dann müsse die Stadt einen Zahn zulegen - und die Landesregierung auch. Das sieht Gilles Untereiner auch so. Er ist Geschäftsführer der französischen Außenhandelskammer in Deutschland (CCFA). Die hat ihren Sitz in Saarbrücken und in den vergangenen 30 Jahren 1000 französische Firmen ins Land geholt. "Wenn man seine Arbeit macht, kriegt man die hierher", sagt Untereiner. Stadt und Land verfolgen aus seiner Sicht die falsche Strategie. Ab und zu einmal einen Empfang mit Polit- und anderer Prominenz in Paris zu veranstalten, sei zu wenig. Die CCFA organisiert 60 bis 70 Veranstaltungen pro Jahr in ganz Frankreich. Mal kommen 20, mal nur fünf mittelständische Unternehmer. "Das ist Knochenarbeit", sagt Untereiner, aber eben eine, die sich lohne. Fehler Nummer zwei: Für Saarbrücken und das Saarland zu werben bringe nichts. Für Deutschland als Wirtschaftsstandort müsse man werben. Und erst wenn französische Unternehmer davon überzeugt sind, dass ein deutscher Firmensitz gut fürs Image und die Steuererklärung ist, komme der Saar-Standort zum Zug. Wobei viele erstmal nicht mit eigenem Personal, sondern dem der CCFA ins Geschäft einsteigen. Wenn Firmen (etwa aus der Nahrungsmittel-, Maschinenbau- oder Autozuliefererbranche) sich dann etabliert haben, werde das Geschäft ausgeweitet, eigenes Personal eingestellt. Die Strategie von Stadt und Land versteht auch Sembritzki nicht. "Warum hängen die nicht für wenig Geld Plakate am Gare de l'Est auf?", fragt er. Schließlich ist das der Bahnhof, in dem die Züge nach Saarbrücken abfahren. Auch dass das Saarland seine eigene "Botschaft" in Paris geschlossen hat, sei nicht hilfreich gewesen. Er rät dringend dazu: "Wir brauchen wieder eine ständige Vertetung in Paris." Und Aquisiteure, die zwischen Saarbrücken und Paris pendeln und den Knochenjob machen, von dem Gilles Untereiner spricht.Und auch Gedanken daran zu verschwenden, wie man französische Touristen nach Saarbrücken bekommt, könne sich lohnen, meint Sembritzki. Zum Wandern oder Radfahren werde aber kein Franzose kommen. Um sich die "Schlachtfelder, auf denen ihre Vorfahren gekämpft haben", anzusehen, womöglich schon. Das könne ein Markt sein - nicht für Büros, aber immerhin für den schnellen Zug nach Saarbrücken. "Wir brauchen wieder eine ständige Vertretung in Paris."Bernard Sembritzki, Personalberater

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