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Mediziner schlagen Alarm
Kinderärzte im Saarland sehen sich „am Limit“

Dr. Benedikt
Brixius, Sprecher der Kinder- und Jugendärzte im Saarland.
Dr. Benedikt Brixius, Sprecher der Kinder- und Jugendärzte im Saarland. FOTO: Brixius / brixius
Saarbrücken. Überfüllte Praxen, genervte Eltern: Viele Mediziner fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Von Pascal Becher
Pascal Becher

(pbe/kna) Die Kinderärzte im Saarland schlagen Alarm: Durch den Babyboom der vergangenen Jahre seien viele Praxen überlastet. „Wir sind am Limit“, sagt Benedikt Brixius vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) im Saarland. Genau wie der Bundesverband vor wenigen Tagen fordern jetzt auch die Saarländer dringend mehr Mediziner-Nachwuchs. Schon heute könnten viele Praxen nur noch mit Assistenzärzten ihren Praxis-Alltag „halbwegs“ aufrechterhalten. „Irgendwann müssen wir wohl Patienten ablehnen“, warnt Brixius.

Schuld an der angespannten Lage sei das „starre Beharren auf der Bedarfsplanung von 1992“. Damals gingen die Forscher jedoch von einer stetig fallenden Geburtenrate für die Republik aus. „Mit der Realität hat das nichts mehr zu tun“, sagt Brixius. Der Bedarfsplan regelt beispielsweise, ob freie Stellen wiederbesetzt werden dürfen – und hat somit auch Einfluss auf die Studienplätze. Zudem sind nach Ansicht des Mediziners weitere aktuelle Entwicklungen von der Politik falsch eingeschätzt worden – etwa die steigende Zahl von Vorsorge-Untersuchungen, die die Ärzte befürworten, die Zunahme von Fettleibigkeit und ADHS oder die Tatsache, dass junge Ärzte stärker in Teilzeit arbeiten wollen.

Deutschlandweit wird sich das Problem nach Ansicht von BVKJ­-Präsident Thomas Fischbach in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen, da ein Viertel aller Kinder- und Jugendärzte in Rente gehen werde. „Es wird höchste Zeit, dass die Politik handelt. Unsere Wartezimmer sind überfüllt, der Unmut der Eltern wächst“, erklärte Fischbach. Er und sein Verbandskollege aus dem Saarland fordern deshalb, den veralteten Bedarfsplan an die Wirklichkeit anzupassen und mehr Flexibilität walten zu lassen. Auch müssten mehr junge Mediziner ausgebildet und Weiterbildungen gefördert werden. Zudem brauche es mehr Freiheiten, Ärzte anzustellen und Mehrarbeit vergüten zu können.

Laut BVKJ wurden 2016 in Deutschland fast 777 000 Kinder geboren. Das waren 6,3 Prozent mehr als 2015 und 18,7 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Im Saarland kamen 2015 mehr als 7500 Kinder zur Welt, die höchste Zahl seit 2004.