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Region : Kerosin-Regen: Folgen für Bevölkerung unbekannt

Region : Kerosin-Regen: Folgen für Bevölkerung unbekannt

Bisherige Studien dazu sind veraltet. Experten fordern eine bessere Meldekette, Warnmöglichkeiten und praktische Tests.

Wie gefährlich ist es für die Bevölkerung, wenn Piloten in Notfällen das Flugzeugbenzin Kerosin aus ihren Flugzeugen ablassen? Erst vor einem Monat erleichterte ein Pilot seinen Airbus A380 auf dem Weg von Frankfurt nach Houston (Texas) um 80 Tonnen Kerosin wegen eines Fahrwerkproblems. Die Maschine flog über das Nordsaarland, den Bliesgau, Zweibrücken, drehte hinter Pirmasens eine Schleife und kehrte zum Flughafen Frankfurt zurück.

Mehr als 240 Tonnen des Treibstoffes haben Flugzeuge in Rheinland-Pfalz 2016 abgesondert – fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor, teilte das Umweltministerium des Landes mit. In der ersten Jahreshälfte des aktuellen Jahres waren es nach Angaben der Deutschen Flugsicherung (DFS) rund 187 Tonnen. Bis heute gebe es keine belastbaren Daten über die Folgen für die Bevölkerung.

In der Saar-CDU/SPD-Landesregierung ist Kerosin-Ablassen offenbar kein Thema. Das Umweltministerium verwies ans Wirtschaftsressort bei der Frage, wie viel Kerosin 2015 bis 2017 über dem Saarland abregnete. Der Sprecher des Wirtschaftsministeriums Wolfgang Kerkhoff sagte: „Die besten Zahlen hat immer die Flugsicherung.“

Der Verkehrsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtages dagegen hat mit Experten über das Thema gesprochen. Zufrieden waren die Landtagsparteien danach aber keineswegs. Ob oder wie gefährlich das Flugzeugbenzin für die Bürger ist, sei nämlich unklar geblieben. Es sei aber deutlich geworden, dass es Lücken zwischen den Handelnden gebe, so Sitzungsleiter Thomas Weiner, CDU-Landtagsabgeordneter aus Pirmasens.

Eine schon früher geforderte Meldekette muss her. Das schlug neben Weiner auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Blatzheim-Roegler vor. In der Praxis können Piloten nach Gefahrenlage entscheiden, ob sie Sprit ablassen – der Fokus liege dabei aber auf der Sicherheit der Passagiere und nicht auf möglichen Schäden für Umwelt und Bevölkerung. Die Flugsicherung weise dem Flieger den Korridor zu, in dem er nicht mit anderen Maschinen zusammenstoße könne. Wann und wo Kerosin abgelassen wurde, melde die Behörde nur halbjährlich beim Luftfahrtbundesamt. Eine Rückkoppelung ans Landesumweltamt, das die Belastungen mit seinen Mess-Stationen überprüfen könne, erfolge gar nicht mehr.

Weiner hofft, dass die Bevölkerung im betroffenen Gebiet künftig direkt aufgefordert wird, die Fenster zu schließen – ähnlich wie bei einem Chemieunfall. Verbesserte Landes-Mess-Stationen müssten die Belastung am Boden ermitteln und dürften nicht nur wie bisher Wochenwerte liefern, findet Weiner. Dass das Berliner Bundesumweltministerium auf Antrag des Mainzer Umweltministeriums bis November 2018 ein Gutachten zu Kerosin-Gefahren erstellen will (wir berichteten), beruhigte die Gemüter nicht. SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer kritisierte, dass die geplante Arbeit bislang nicht über eine „lauwarme Literaturstudie“ hinauszugehen drohe. Was die Sache für ihn noch schlimmer macht: „Die meisten Studien, auf die sich heute die Fachwelt beruft, gehen teilweise bis ins Jahr 1959 zurück.“ Daher pochte er nicht nur auf einen Schwerpunkt der Studie im überdurchschnittlich oft betroffenen Rheinland-Pfalz (6 von 16 bundesweiten Fällen 2016). Auch praktische Tests müssten einfließen, die laut Holger Münch vom Bundesumweltamt bisher nicht geplant seien.

Bisherige Studien ergaben, dass nicht genug Kerosin am Boden ankommt, um gefährlich zu sein. Der Treibstoff zerstäubt in der Luft und bindet sich an Regentropfen, erklärte Robert Zausen vom Deutschen Zentrum für Raum- und Luftfahrt. Am Boden sei nichts zu messen. „Die umweltschädliche Wirkung des normalen Flugverkehrs ist deutlich größer.“ Der Tüv Rheinland kommt zu dem Ergebnis, dass die Verunreinigung des Bodens vernachlässigbar sei. Das Problem: Auch dieses Gutachten liegt gut 25 Jahre zurück.

Gabriele Wieland (CDU) schlug vor, Flugzeuge technisch aufzurüsten. Ein Pilot konterte: Gewicht und Spritverbrauch stiegen dann ebenfalls. Auch einen schnellen Umstieg auf Solar- oder Wasserstoffantriebe, wie Stefan Hill vom Landesumweltministerium anregte, hielt Münch nicht für machbar. Die Lufthansa schlug neue Ablass-Vorrichtungen vor, damit abgelassenes Kerosin weniger schädlich auf die Erde nieselt. Thomas Weiner fordert eine bessere Aufklärung bei Kerosin-Ablässen: Wenn ein Polizist von der Schusswaffe Gebrauch mache, ziehe das automatisch eine Aufklärung nach sich. So müsse man es künftig auch im Luftverkehr handhaben.