1. Saarland

Keine Motorblöcke ohne Milliarden gefräßiger Bakterien

Keine Motorblöcke ohne Milliarden gefräßiger Bakterien

Brebach. Schrott, Bakterien, Sand, Harz, Hitze, Südwind - richtig kombiniert und schon liegt der berüchtigte Brebacher Gießereigeruch über Saarbrücken während bei Halberg Guss (HG) Motorblöcke und Kurbelwellen für Volkswagen, Mercedes und viele andere Autofirmen entstehen. Zigtausende pro Jahr

Brebach. Schrott, Bakterien, Sand, Harz, Hitze, Südwind - richtig kombiniert und schon liegt der berüchtigte Brebacher Gießereigeruch über Saarbrücken während bei Halberg Guss (HG) Motorblöcke und Kurbelwellen für Volkswagen, Mercedes und viele andere Autofirmen entstehen. Zigtausende pro Jahr. Wie die kuriose Mischung funktioniert und wie HG seine Belegschaft und die Menschen in der Umgebung schützt - das erläuterten jetzt die Umweltschutz-Chemikerin der Firma, Dr. Rita Diehl, und HG-Pressesprecher Hubert Immesberger exklusiv für die SZ.Am Anfang ist der Schrott. Hunderte Tonnen türmen sich in Lagerhallen. Der Schrott wandert in Schmelzöfen, dazu kommen Koks und Kalk. Aus den Öfen fließt glühendes Eisen. Darüber wirbeln dichte Wolken aus Staub und Rauch - angesaugt von gewaltigen Dunstabzugshauben. Das funktioniert nach dem selben Prinzip wie über Mutters Herd. Nur dass dort der Filter direkt über der Dampfquelle sitzt, während in der Halberger Eisenküche die Schwaden noch etliche Meter durch dicke Rohre gesaugt werden, bevor sie den Staub-Filter erreichen. Diehl: "Alles, was an Staubkörnchen gebunden ist, bleibt dort hängen, auch das Schwermetall." HG kontrolliert seine Staubfilter jede Woche und führt darüber Buch.Das Eisen strömt in gewaltige Kannen, die werden per Gabelstapler zu den Guss-Anlagen bugsiert. Fließbänder schaffen die Gussformen heran. Die Formen und ihre Kerne sind aus Sand, der mit einer Art Leim vermischt wurde. Der Leim - offiziell heißt er Bindemittel - sorgt dafür, dass der Sand hart wie Ton wird, also nicht zerrinnt oder bröselt, wenn er zur Gussform oder zum Kern einer Form gepresst wird. Das Bindemittel wiederum ist eine Mischung aus einem synthetischen, also künstlich hergestellten Phenol-Harz und der Flüssigkeit Isocyanat.Dann strömt das glühende Eisen - rund 1500 Grad heiß und so flüssig wie Wasser - in die Formen. Das Fließband transportiert sie weiter. In wenigen Minuten bildet das Eisen entlang der Flächen von Gussformen und Kernen eine Art Haut. Gleichzeitig verdampft das Bindemittel - Gussform und Kern zerfallen.Auch über der Gussanlage und dem Band sind Absaug-Hauben, die in ein Rohrsystem münden. Es leitet den Dampf - also die verdunsteten Teile des Bindemittels - in Biofilter. Das sind Container, 2,50 Meter hoch, 2,50 Meter breit und 12 Meter lang, etwa zur Hälfte gefüllt mit Rindenmulch. Über dem Mulch herrscht die größtmögliche Luftfeuchtigkeit - und im Mulch hausen Milliarden hungrige Bakterien. Der Dampf steigt durch den Mulch - und dort geschieht dasselbe wie in den biologischen Klärstufen moderner Kläranlagen. Wie dort die Bakterien alle Keime aus dem Abwasser fressen, so vertilgen die Bakterien bei HG die "Bruchstücke des Bindemittels" aus dem Dampf, um damit ihren Stoffwechsel anzukurbeln. Diehl: "Also bleiben die organischen Kohlenwasserstoffe im Mulch. Dort werden sie von den Bakterien zu Wasser und Kohlendioxid verarbeitet - und zwar restlos."Der Filter für den Dampf der Motorblock-Gussanlage besteht aus fünf Containern. Er war 1987 weltweit der erste seiner Art in einer Gießerei und reinigt rund 50000 Kubikmeter Luft pro Stunde. Der Filter für den Dampf vom Kurbelwellen-Guss stammt von 2004, hat neun Container und schafft rund 80000 Kubikmeter. In einer Broschüre des Umwelt-Bundesamtes von 2004 erhielten die HG-Bio-Filter das Prädikat "beste verfügbare Technik in der Gießerei-Industrie".Rund um die Uhr kontrollieren Computer die Luftströme vor und hinter den Filtern. Falls hinter den Filtern Kohlenstoff auftaucht, schlagen die Computer sofort Alarm. HG prüft die Biofilter jeden Tag - und führt auch darüber Buch. Vier Jahre, so versichert Diehl, hält ein Biofilter. Trotzdem wechsle HG sie bereits alle drei Jahre - aber selbst wenn die Filter noch schneller ausgetauscht würden, ließe sich der Gießereigeruch derzeit nicht weiter vermindern. Zuletzt habe HG seine Emissionen - und damit auch den Gießereigeruch - im Jahr 2003 reduziert, unter anderem dank eines neuen Bindemittels und trotz Kapazitätserweiterung. Davor sei die jährliche "Geruchsstundenhäufigkeit" bei rund 27 Prozent gelegen, jetzt bei rund 20 Prozent - obwohl 22 zulässig wären.Neben Staub- und Biofiltern hat HG mehrere andere Technologien zur Abgas-Behandlung. Unter anderem wird Abgas in speziellen Kammern verbrannt oder in Waschtürmen durch Reinigungsflüssigkeit geleitet.Alle drei Jahre nimmt der TÜV die Staub- und Biofilter sowie alle anderen rund 50 "messpflichtigen" Emissionsquellen von HG unter die Lupe - und kontrolliert die Konzentration von rund 170 Substanzen in der Abluft. Diehl: "An manchen Emissionsquellen geht es nur um einen einzigen Stoff, anderswo dann um mehrere." Die TÜV-Kontrolle bei HG dauert meist mehrere Monate. Immesberger: "Wenn während einer Messung eine Störung in der Produktion auftritt, muss die Messung wiederholt werden. Deshalb kommen auch immer mindestens zwei Leute vom TÜV zu uns - denn einer kontrolliert, ob unsere Produktion während der Messung routinemäßig läuft." Mit Blick auf die 2007 diskutierten Ängste der Bevölkerung ergänzt Diehl: "Natürlich sucht der TÜV an mehreren Punkten nach Schwermetall. An einer einzigen Emissionsquelle geht es um Furane, wo auch der jüngste Test im Dezember 2007 bestätigt hat, dass wir die gesetzlichen Grenzwerte deutlich unterschreiten. Nach Nitrosaminen sucht der TÜV nicht, denn bei HG gibt es weder die Stoffe, aus denen Nitrosamine entstehen, noch die Reaktionsbedingungen, unter denen Nitrosamine zu Stande kommen. Und es steht fest, dass von HG kein Stoff in die Luft steigt, der ätzt, wenn er nass wird."Die Ergebnisse der TÜV-Kontrollen gehen zuerst an HG und dann ans Landesamt für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA). Die jüngsten Ergebnisse vom Dezember 2007 werden derzeit zum Gutachten verarbeitet. Der nächste TÜV-Besuch ist 2010. "Was an Staub gebunden ist, bleibt hängen, auch Schwermetall."Dr. Rita Diehl, Chemikerin"Bei Störung der Produktion wird die Messung wiederholt." Hubert Immesberger, Firmensprecher