1. Saarland

Kartoffeln: Warum es die Kartoffel im Saarland allmählich schwer hat

Neue Produkte setzen den beliebten Grumbeeren zu : Warum die Kartoffel im Saarland auf dem Rückzug ist

„Was in der Erde ist, ist dem Teufel nah.“ Mit solchen Sprüchen wollten Skeptiker die Einführung eines dann doch sehr beliebten Lebensmittels an der Saar verhindern. Nun sorgen sich Menschen darum, dass neue Produkte die Kartoffel vertreiben.

Die Kartoffel, sagt Horst Schiffler, hatte wenig Freunde. Und ihre Feinde taten einiges, sie in die Nähe des Teufels zu rücken. Bauchweh- und Magenkrämpfe, die es immer wieder gegeben habe in der Zeit, als die Kartoffel an der Saar ein neues Nahrungsmittel war, seien mitunter finsteren Mächten zugeordnet worden. Dabei, erklärt der Kartoffelexperte aus Ottweiler, haben die Menschen vor gut drei Jahrhunderten einfach Teile der ihnen noch unbekannten Pflanze gegessen, die zum Verzehr nicht geeignet sind. Und überhaupt: „Was in der Erde ist, ist dem Teufel nah“, habe es geheißen.

Es habe einiges an Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit gebraucht, sagt Schiffler, der bis zu seiner Pensionierung Professor für Erziehungswissenschaften war. Und einer habe das hervorragend hingekriegt: der Saarbrücker Fürst Wilhelm Heinrich. „Wilhelm Heinrich“, sagt Schiffler, „hat viel getan fürs Ansehen der Kartoffel.“ Und er habe den Kartoffelanbau an der Saar „zügig entwickelt und damit auch Hungersnöte verhindert“, bevor Friedrich der Große das in Preußen getan hat, betont Schiffler.

 Ein Förderer der Kartoffel: der Saarbrücker Fürst Wilhelm Heinrich.
Ein Förderer der Kartoffel: der Saarbrücker Fürst Wilhelm Heinrich. Foto: sz

Schiffler und andere Freunde der Kartoffel hatten sich am Donnerstag auch zu Ehren des Fürtsen im Garten des Saarbrücker Schlosses versammelt, um ein „besonderes Jubiläum“ zu begehen, wie Klaus Friedrich sagte. Er ist einer der Initiatoren der Barockstraße Saarpfalz und leitet unter anderem historische Stadtrundgänge in Saarbrücken. Vor 325 Jahren kam die Kartoffel an die Saar, sagt Friedrich. 1696 habe nämlich ein Bauer aus Bischmisheim Kartoffeln aus Frankfurt geholt, um sie zuhause anzubauen. Da er den örtlichen Pfarrer darüber informiert habe, sei das die „erste verbürgte Erwähnung der Kartoffel an der Saar“.

Wobei Klaus Friedrich nicht ausschließt, dass Arbeiter, die aus der Wallonie an die Saar kamen, um in der Dillinger Hütte zu arbeiten, bereits Kartoffeln im Gepäck hatten. Dafür gibt es aber keinen Beleg. Im heutigen Belgien, in Gent nämlich, sagt Horst Schiffler, sei vermutlich auch Fürst Wilhelm Heinrich, der dort als Student war, auf die Kartoffel aufmerksam geworden.

Die erste Erwähung der Kartoffel an der Saar nahm der Verein Slowfood am Donnerstag, dem internationalen Tag der Kartoffel,  jedenfalls zum Anlass, dem ersten Beigeordneten des Regionalverbands, Jörg Schwindling, also dem in Abwesenheit von regionalverbandsdirektor Peter Gillo amtierenden Schlossherrn, eine Kartoffelplanze aus dem Bliesgau zu überreichen, die dann gemeinsam im Schlossgarten eingegraben wurde.

 Eine Annabelle-Kartoffel aus dem Bliesgau, serviert mit Kräuterquark und einem Schuss Leindotteröl aus der Bliegau-Ölmühle.
Eine Annabelle-Kartoffel aus dem Bliesgau, serviert mit Kräuterquark und einem Schuss Leindotteröl aus der Bliegau-Ölmühle. Foto: Martin Rolshausen

Für den Verein Slowfood, der sich als Teil einer internationalen Bewegung auch im Saarland für „gute, saubere und faire“ Lebensmittel einsetzt, ging es im Schlossgarten allerdings nicht nur um einen Blick in die Vergangenheit. Der Verein, sagt Vorstandsmitglied Patric Bies, macht sich Sorgen um die Zukunft der Kartoffel. Denn so typisch saarländisch diese Knolle, die Grundlage vieler Traditionsgerichte von Dibbelabbes bis Gefillde ist, auch sein möge, sie ist auf dem Rückzug.

„In den letzten Jahren wurde der köstliche Lieferant von Eiweißen, Mineralien und Kohlenhydraten ins Abseits gedrängt“, sagt Bies. Das liege an „veränderten Geschmacksgewohnheiten“, also auch an „neuen exotischen Speisen auf unseren Tellern“, erklärt Bies. Aber auch daran, dass Kohlenhydrate für manche Menschen zum Problem geworden seien. Und natürlich auch daran, dass viele das Kartoffelschälen „als nervig“ empfinden.

Die Slowfood-Leute verwundere es daher nicht, „dass der Kartoffelanbau im Saarland seit Jahrzehnten auf dem Rückzug ist“, sagt Bies. Laut den aktuellsten dem Verein vorliegenden Zahlen des statistischen Landesamts sei die Kartoffel-Anbaufläche im Saarland zwischen 2007 und 2015 von 160 auf 122 Hektar gesunken. Das „Informationszentrum für die Landwirtschaft Planta“ habe für den Zeitraum zwischen 2001 und 2013 einen Rückkgang der Kartoffel-Erntemengen von 7266 auf 3800 Tonnen registriert.

Es sei also an der Zeit, die Kartoffel wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken und für sie zu werben. Pasta, Quinoa, Kürbis und Süßkartoffeln verdrängen die heimische Kartoffel, sagt Achim Laub vom Slowfood-Landesverband. Deshalb sei es Ziel des Vereins, „daran mitzuwirken, den Knollenanbau im Saarland zu heben“, sagt Biehl. Das könne unter anderem dadurch geschehen, indem der Slowfood-Verein „den Kontakt zwischen Bauern und den Menschen wiederherstellt“, die Interesse an regional produzierten Kartoffeln haben. Mit Köchen und Kartoffelbauern aus dem ganzen Saarland will die Slowfood-Gruppe für regionale Kartoffeln werben. So wolle man auch verhindern, das alte Kartoffelsorten aussterben.

Um die alten Sorten zu bewahren, sei Regionalität sehr wichtig, betont auch Klaus Friedrich. Er habe neulich in einem saarländischen Biomarkt gestanden und sich gefragt: „Warum müssen Bio-Kartoffeln aus Ägypten eingeflogen werden?“ Sie sei doch so typisch saarländisch, „die kleine Knolle, die so viel darstellt“.