1. Saarland

Kanonenbau für die Literatur

Kanonenbau für die Literatur

Saarbrücken. Wir schreiben das Jahr 2007. Frank Schütz sitzt vor dem Fernseher, als er erfährt, dass am Rande des G8-Gipfels in Heiligendamm ein Polizeihubschrauber abgeschossen wurde. Eine gewisse Genugtuung darüber kann der arbeitslose Programmierer, der sich in Berliner Studentenzeiten als Autonomer betätigte, nicht verhehlen, fühlt er sich doch als Globalisierungsverlierer

Saarbrücken. Wir schreiben das Jahr 2007. Frank Schütz sitzt vor dem Fernseher, als er erfährt, dass am Rande des G8-Gipfels in Heiligendamm ein Polizeihubschrauber abgeschossen wurde. Eine gewisse Genugtuung darüber kann der arbeitslose Programmierer, der sich in Berliner Studentenzeiten als Autonomer betätigte, nicht verhehlen, fühlt er sich doch als Globalisierungsverlierer. Doch dann bekommt der Ich-Erzähler in Andreas Durys neuem Roman einen Schreck. Denn die kuriose Kanone, die die Polizei als Tatwaffe präsentiert, gleicht aufs Haar jenem Gerät, das Schütz vor Jahren zusammen mit einem Freund gebastelt hat. Hat Leo Fetzner, abgehalfterter linker Unidozent, Nihilist und Abenteurer, etwas mit dem Anschlag zu tun? Um das herauszufinden, fährt Schütz nach Saarbrücken. Wie ein Krimi beginnt Durys Roman "Oh Tapirtier" über einen Endvierziger in der Krise. Die Suche nach dem unberechenbaren Freund wird zur Selbsterkundung, zur Reise in die eigene Vergangenheit. Es geht um das "richtige" Leben im falschen, um politische Irrwege und um die große, wahre Liebe.Dury, 1961 in Oberbayern geboren, wuchs im pfälzischen Dahn auf und lebt seit 1999 in Saarbrücken, weil es ihn damals vom Land in die Großstadt zog. Sieben Jahre hat er sich Zeit gelassen, um nach "Schachtelkäfer" nun seinen zweiten Roman vorzulegen. Ein Jahr hat er für die Niederschrift der ersten Fassung von "Oh Tapirtier" gebraucht. "Streckenweise hat mich der Bau der Kanone dabei mehr beschäftigt als der Roman", erzählt Dury grinsend. Denn die ominöse Tatwaffe, um die es im Buch geht, hat er auch real selbst gebastelt. "Ausgangspunkt waren zwei alte Garagentorfedern, aus denen ich für meinen achtjährigen Sohn einen Wurfapparat bauen wollte." Man könne nur gut und realistisch über Dinge schreiben, die man kenne, ist er überzeugt. Weshalb man im Roman neben saarländischen Schauplätzen etliche biografische Bezüge wiederfindet, auch wenn das Tapirtier kein biografischer Roman ist. Dury hat einen Teil seines Philosophiestudiums in Berlin absolviert, er arbeitet heute als Dozent in der Erwachsenenbildung, aber auch als Programmierer. Erst mit 25 Jahren habe er angefangen, neben philosophischen Essays auch literarisch zu schreiben, erzählt Dury. Auch Erzählungen, rund zwanzig allein seit dem Schachtelkäfer. Gelassen zur QualitätDoch es dränge ihn nicht dazu, um jeden Preis zu veröffentlichen, sagt er. Eine Gelassenheit, die sich offenbar auszahlt, in Qualität. Obwohl "Oh Tapirtier" erst im September im Conte-Verlag erscheint, ist der Roman schon für den Pfalzpreis nominiert. Auch für den "Schachtelkäfer", erschienen in der Topicana-Reihe, bekam Dury zwei Auszeichnungen aus Rheinland-Pfalz. Ja, dort gebe es mehr Förderung und Preise für Schriftsteller als im Saarland, sagt Dury, der das nicht nur für eine Frage des Geldes hält. Dennoch fühlt sich Dury, zugleich Vorsitzender des Literaturwerks Rheinland-Pfalz-Saar und Vorstandsmitglied des VS Saar hierzulande wohl. "Ein Vorzug ist, dass die Schriftstellerszene hier untereinander sehr vertraut ist." Eigentlich müssten die Saar-Kollegen Dury beneiden: Denn als ehemaliger Dahner kann er weiterhin mit Aufmerksamkeit und Auszeichnungen auch aus dem Nachbarbundesland rechnen.