Kai Diekmann bei der "Bild"-Ausstellung in Wadgassen

„Bild“-Ausstellung im Zeitungsmuseum : Böser, guter Junge: Kai Diekmann in Wadgassen

Der Ex-Chef der Bildzeitung kam zur Vernissage der Ausstellung „BildRaum“ und erzählte, was die „Bild“ mit Marzipan zu tun hat.

Storymachine. Wie wahr. So heißt Kai Diekmanns Social Media Agentur. Der frühere Bildzeitungs-Chef ist unter die Gründer und Unternehmer gegangen. Der Name ist Programm – und eine der passendsten Beschreibungen für einen Mann, der in Wadgassen, bei der Eröffnung der „BildRaum“-Ausstellung  im Deutschen Zeitungsmuseum, die Diekmanns Prominenten-Begegnungen dokumentieren, wie ein Schnellfeuergewehr Geschichten und Anekdoten abfeuert, dass man gar nicht anders kann, als an seinen Lippen zu hängen. Bruce Willis, der Langweiler, Tom Cruise, der Menschenjäger, Will Smith, der Deutschland-Versteher. Obwohl doch höchste Skepsis angebracht wäre gegenüber einem, der Boulevard zu Politik macht und Politik zu Boulevard. „Menschenverachtend, volksverdummend, rassistisch“ sei der „Hetzjournalismus“, für den Diekmann stehe, meint das Bündnis „Griechenland Solidarität Saarbrücken“ – und trat vor der Vernissage mit „Empört euch!“-Bannern auf (die SZ berichtete online). Und Diekmann? Hält das locker aus, weil er, wie er später im Interview mit der SZ verrät, bereits als Schüler keinem Streit aus dem Weg ging. Polarisieren stecke in der DNA der „Bild“, sie spiele nun mal „die lauteste Trompete“, das gefalle nicht jedem.

Den rund 120 Zuhörern in Wadgassen fällt es recht schwer, Distanz zum bösen Jungen zu halten. Denn irgendwie ist alles sehr vergnüglich, was er erzählt, frank und frei, fernab des typisch weich gespülten Berliner Polit-Sprechs. Oder  berührend, etwa wenn Diekmann über den letzten Besuch des bereits sehr kranken Helmut Kohl (CDU) bei ihm berichtet. Der Ex-Bundeskanzler war 2002 Diekmanns Trauzeuge, und der dann wiederum Kohls. So kuschelig wird’s mitunter im Berliner Haifischbecken. Und dann ist es bisweilen auch noch recht klug, was Diekmann zum Besten gibt, immer anschaulich, immer persönlich,  selbst wenn er über sein Jahr im Silicon Valley berichtet und die digitale Revolution im Journalismus analysiert.  Dessen Kernkompetenz bestehe nicht im Bedrucken von Papier, so Diekmann, sondern in der Informations-Aufbereitung. Das Internet bedeute Ent-Physikalisierung. Ein amerikanischer Präsident brauche keinen Verleger mehr, der ihm ein Massenmedium zur Verfügung stellt, sondern ein I-Phone.

Doch „auch Kommunikation auf Social Media bleibt ein Handwerk“, so Diekmann: „Früher war man Chefredakteur bei ‚Bravo’, heute ist man’s bei Taylor Swift“. Seine Storymachine-Agentur betreibt laut Diekmann „digitales Ghostposting“. In nur 18 Monaten schaffte er es auf  60 Mitarbeiter. Dass die jetzt auch für die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) arbeiten werden, wie der „Spiegel“ meldete, bestätigt er nicht. „Kunden sind tabu“. Über 30 Jahre lang habe ihm der Axel-Springer-Konzern all seine kreativen Schübe finanziert: „Ich wollte jetzt selbst mal für meine Fehler bezahlen.“ Das muss man sich leisten können. Doch Geld und Luxus spielen angeblich keine große Rolle im Leben des einst best bezahlten Chefredakteurs Deutschlands.  Es spielt sich, wie er behauptet, jetzt jenseits des roten Teppichs ab, auf dem er sich lustvoll selbst inszenierte. Glamour sei lediglich Teil seiner Berufsbeschreibung als „Bild“-Chef gewesen, meint er. Zwei Jahre, von 2015 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Springer-Konzern, schaute er anderen beim Zeitungsmachen zu. Der Herausgeber-Job, sein „größter Fehler“, denn Diekmann litt täglich, wenn er an den Büros der Kollegen vorbeilief „wie an einer Weihnachtsbäckerei. Man riecht das Marzipan und darf nicht zugreifen.“

Die bösen Buben wie Putin interviewte er am liebsten, hört man, weil die keine Angst hatten, sondern ihn bei unliebsamen Fragen anblafften: „Das ist eine verdammte Lüge!“ Jahrelanges (!) Antichambrieren gehört zum Alltag, wenn man die ganz Großen haben will wie George W. Bush. Niederlagen auch. Benjamin Netanjahu ließ Diekmann drei Tage lang in Jerusalem im Hotelzimmer rumsitzen – und empfing ihn nicht.

Ansonsten bevorzugt Diekmann good News und positive Vibrations. Mit Begeisterung spricht er über den saarländischen Ex-Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (Linke), dem er in der „Bild“ eine Kolumne gab. Man erfährt, dass die ersten Babysachen, die die Diekmanns nach der Geburt des ersten Kindes erreichten, aus dem Saarland stammten. Trotzdem ist Diekmann erst das zweite Mal hier, obwohl ihm die „Bild“-Redaktion Saar, die er gründete, „ein permanenter Quell  der Freude“ war. Diekmann, der good Boy? Das Gebäude des Wadgasser Museums findet er „toll“, es sei „ein echter Hammer“ und unbedingt unterstützenswert, in Deutschland ein solches Museum zu haben, das die Tradition bewahrt. Sagt der Mann, der Geschäftsmodelle für die Zukunft des digitalen Mediengeschäfts erprobt, zückt den Stift – und füllt eine Beitrittserklärung aus für den Förderverein der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.

Die Ausstellung läuft bis 15. September, dienstags bis sonntags, 10 bis 16 Uhr, Deutsches Zeitungsmuseum (Am Abteihof 1, Wadgassen).

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