Seligsprechung für Saarländer?: Kämpfer gegen die Entmenschlichung

Seligsprechung für Saarländer? : Kämpfer gegen die Entmenschlichung

Im Saarland wurden Flugblätter der „Weißen Rose“ gedruckt. Der Saarbrücker Willi Graf, der heute seinen 100. Geburtstag feiern würde, brachte sie 1943 nach München – und starb dafür. Die Stadt Saarbrücken erinnert durch ein Willi-Graf-Gedenkjahr an den NS-Widerstandskämpfer. Und die katholische Kirche prüft, ob er selig gesprochen werden kann.

Es ist eine Ikone geworden, das Bild segelnder Blätter im riesigen Lichthof der Münchner Universität. Derzeit hängt eine Fotografie davon auch im Historischen Museum Saar, riesenhaft. Es geht um Prominente im Saarland; Willi Graf (1918-1943) gehört dazu, der NS-Widerstandskämpfer aus Saarbrücken. 70 Jahre nach seiner Hinrichtung in Stadelheim machte man ihn 2003 zum Ehrenbürger der Stadt. Doch nicht er verteilte am 18. Februar 1943 Flugblätter an der Uni. Es war Sophie Scholl, die einen letzten Stapel des sechsten „Weiße Rose“-Appells  von der Balustrade kippte. Vier Tage später war sie tot, geköpft. Was im kollektiven Gedächtnis bleibt, ist Symbolik, fast Poesie, dutzendfach in Filmszenen festgehalten: Wie die Flugblätter in sanftem, lupenhaftem Schwingen zu Boden sinken und mit sonderbar hartem Knacken auf den Steinboden aufschlagen.

Der junge Direktor des Historischen Museums Saar, Simon Matzerath, ließ die Szene originalgetreu nachstellen und das dokumentarische Foto gigantisch groß aufziehen. Es dominiert alles, was sonst noch über Willi Graf im Historischen Museum ausgestellt ist und macht ihn ungewollt wieder zu einer Art Schattenmann hinter den  wahren Flugblatt-Heroen, zu einem von Forschung, Filmemachern und Öffentlichkeit eher stiefmütterlich behandelten Protagonisten im Weiße-Rose-Mythos. Das mag an der dünnen Quellenlage liegen. Graf selbst hinterließ Aufzeichnungen, Tagebücher, Briefe, aber aus den Essays und der Biografie, die der Homburger Willi-Graf-Experte Peter Goergen geschrieben hat, lässt sich kaum ein lebenssattes Charakterbild entwickeln. Immerhin erfährt man, wie einsam sich Graf gefühlt hat, zunächst mit seinem katholischen Glauben in der Masse der NS-Gläubigen – als einer von zwölf Schülern unter 1200 verweigerte er den Eintritt in die Hitlerjugend (HJ). Später hielt er seine Aktivitäten in der Weißen Rose innerfamiliär strikt geheim, selbst vor seiner Schwester Anneliese, mit der er in München zusammen lebte. Das rettete ihr, die ebenfalls im Februar 1943 festgenommen wurde, das Leben. Ihren Eltern auch, die die Gestapo in Saarbrücken kassierte. Für Graf bedeutete dies Isolation, er entwickelte ein unbändiges Bedürfnis nach Gemeinschaft und Austausch mit Gleichgesinnten. Eine unglückliche Liebe machte ihn schließlich frei, um sein Leben zu riskieren.

Doch dieser Mensch, den seine Familie Nurmi rief wie den finnischen Mittelstreckenläufer mit besonderem Durchhaltevermögen, und den die Schwestern als aufbrausend erlebten, ist hinter dem Helden verschwunden. Auch hinter Sätzen, die, zeitlos mustergültig, auf Broschüren oder Gedenkplaketten erscheinen: „Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung“ oder „Nicht es muss etwas geschehen, sondern ich muss etwas tun.“ Die Deutungshoheit liegt bei denen, die Graf zum Vorbild machen wollen.

Der Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, charakterisierte ihn beispielsweise vor Jahren bei einem Saarbrücker Empfang wie folgt: „Er zeichnete sich durch eine Wachheit des Geistes aus, durch eine kluge Sachlichkeit, durch Überzeugungskraft und die Reife des Entschlusses.“ Aktuell preist die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Graf im Magazin „Basilika-News“ als Vorkämpfer einer „starken Zivilgesellschaft (. . .), in der menschenfeindliche Haltungen keinen Platz haben“. Und der Saarbrücker Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) hält ihn für eine „Identifikationsfigur für die Jugend“.

Sehr viel schlichter, nahezu sachlich geht Joachim Baez (75) mit Willi Graf um. Er ist der Sohn von Grafs älterer Schwester Mathilde, lernte seinen Onkel nie kennen. Heute ist Baez in der „Weiße Rose“-Stiftung aktiv und fungiert als „Familiensprecher“, nachdem seine Tante Anneliese, die das Willi-Graf-Gedächtnis als Zeitzeugin weitertrug, verstarb. Baez, der bis 1973 in Saarbrücken lebte, erzählt der SZ Erstaunliches über die Trauerarbeit in seiner Familie: ersetzt durch Schweigen, analog zur gesamtgesellschaftlichen Totenstille der Nachkriegszeit, die die Aufarbeitung von Scham und Mitschuld erstickte. „Bei uns wurde morgens keine Andacht für den guten Willi gehalten“, berichtet er. Jeden Sonntag sei die Familie zwar an das Grab auf dem Friedhof in St. Johann gepilgert, wohin der Leichnam 1946 überführt worden war – stumme Pflicht. Baez erinnert sich auch an unterschwelligen Groll der Großeltern. „Wie kann der euch so was antun?“, hätten sie sich anhören müssen. Graf war der Sohn, der sein Leben weggeworfen hatte. Dass da ein großer Mensch in der Familie lebte, für Baez ist dies eine selbst erarbeitete, intellektuelle, keine Gefühls-Gewissheit. Und Stolz? Damit tut er sich bis heute schwer. Nur eine Nebenbemerkung ist ihm wert, dass die katholische Kirche vergangene Woche ein Seligsprechungs-Prüfungsverfahren in Gang gesetzt hat. Dafür freuen ihn die Gedenk-Aktivitäten der Stadt Saarbrücken. Im Vergleich zu anderen Städten laufe die Erinnerungsarbeit bereits seit Jahren „vorbildlich“, sagt er: „Saarbrücken steht an führender Stelle.“ Auch Kulturdezernent Brück ist überzeugt: „Willi Graf ist sehr bekannt in Saarbrücken.“

Nicht alle sehen das so, trotz Gedenkplakette in der Basilika St. Johann, wo er Messdiener war, trotz Tafel am Elternhaus in der Mainzerstraße oder der Straßen und Schulen, die seinen Namen tragen. Willi Graf sei zu wenig präsent in der Stadt, hieß es 2013. Deshalb benannte man die Berliner Promenade zwischen Congresshalle und Staden nach ihm: Willi-Graf-Ufer. Bis heute hat sich der Name nicht durchgesetzt, angeblich, weil die Hinweistafel zu versteckt hängt. Brück denkt über eine Erinnerungstele nach, möchte sie jedoch nicht verordnen, wartet auf eine Initiative aus der Bürgerschaft. Etwas Besonderes wurde freilich von der Verwaltung in Gang gesetzt: Man gab ein Graf-Porträt in Auftrag, bei der Saarbrücker Künstlerin Juliana Hümpfner. Es wird im März enthüllt, soll im Rathaus hängen. Eine Graf-Büste gibt es schon. Die Künstlerin sagt: „Ich habe selbst Söhne. Ich wollte ihn als ganz normalen jungen Mann darstellen“. Die Fotomotive – oft Graf in Uniform – machten es ihr schwer. Hümpner schildert einen Annäherungsprozess, der zur „Bewunderung“ führte – „So jung und so viel Kraft!“ – und auch zum Staunen: „Er hat in seinem Abschiedsbrief seine Eltern getröstet.“

Ausschnitt aus dem letzten Brief von Willi Graf an seine Eltern. Er schließt mit den Worten: „Lebet wohl und seid stark und voller Gottvertrauen! Ich bin in Liebe immer Euer Willi“. Foto: Bayrisches Hauptstaatsarchiv München/Historisches Museum Saar Leihgabe
Am Willi-Graf-Ufer in Haðhe der Wilhelm-Heinrich-Braºcke wurden anla§sslich des 40-ja§hrigen Jubila§ums des Weissen Ringes Kerzen auf der Saar entzaºndet._Foto: Iris Maurer__Veraðffentlichung nur gegen Honorar._Info: www.silbersalz.com. Foto: Iris Maria Maurer

Wie schwer es ist, einen Menschen zu verstehen, der sein Leben für seine Überzeugung riskiert, zeigen die Kontroversen, die sich trotz aller Romantisierung an den Weiße-Rose-Aktivisten entzündeten. 1968 attackierte sie das Magazin „Stern“ als christliche Schwärmer: „Ihre Toten sind Märtyrer einer integren Gesinnung, aber nicht Gefallene im politischen Kampf.“ Auch 2005 wurde noch einmal anlässlich des Sophie-Scholl-Films von Marc Rothemund diskutiert: Wie sehr darf man diese historischen Figuren mit Jetztzeit durchpulsen, wie nah an uns heranholen? Schließlich ist uns die idealistische, religiöse Ideenwelt, in der Willi Graf und seine Mitstreiter geradezu euphorisch zu Hause waren, nur mehr als kulturgeschichtliches Phänomen fassbar. Vermutlich haftet deshalb dem Bild der Widerständler etwas Entrücktes an.