Julia und die Sozialkritik

Wadern. "Die Schlegel-Übersetzung stinkt!", ruft der zunächst finster-bedrohlich wirkende, sich jedoch als derb-komische Figur entpuppende Rocker, in einer Szene mit eben jener nicht mehr ganz so zeitgemäßen Übertragung von Shakespeares "Romeo und Julia", jenes englischen Meilensteins, in unsere Muttersprache aus dem 18

 Szene aus dem modernen "Romeo und Julia". Foto: SZ

Szene aus dem modernen "Romeo und Julia". Foto: SZ

Wadern. "Die Schlegel-Übersetzung stinkt!", ruft der zunächst finster-bedrohlich wirkende, sich jedoch als derb-komische Figur entpuppende Rocker, in einer Szene mit eben jener nicht mehr ganz so zeitgemäßen Übertragung von Shakespeares "Romeo und Julia", jenes englischen Meilensteins, in unsere Muttersprache aus dem 18. Jahrhundert übertragen.Wenn dieser etwas sonderbare Charakter auch nicht repräsentativ für eine ganze Generation stehen kann, so ist seine roh formulierte Entrüstung doch Sinnbild einer Entwicklung, die sich heute vor allem in der Generation der Jüngeren abzeichnet: Grandiose Meisterwerke der Literatur vergangener Zeit bleiben unbeachtet, werden in der Schule nur mit Stöhnen aufgenommen und geraten zusehends in Vergessenheit - alles nur, weil aufgrund der heute vielfach ungebräuchlich anmutenden Ausdrucksweise und Wortwahl gedanklicher Zugang nur noch schwer möglich ist. Umso wichtiger erscheint es, die Essenz solcher Werke zu erhalten und den Menschen wieder näher zu bringen, indem man den ewig gültigen Ideen und Ideale gewissermaßen den Geist der Moderne einhaucht.Moderner RomeoNicht zuletzt mit diesem Anliegen hat Birgit Schommer, Lehrerin am Hochwaldgymnasium Wadern (HWG) und Autorin sowie Initiatorin der dortigen Theater-AG, ein Stück verfasst, das zwar stark an der Shakespeare-Vorlage "Romeo und Julia" orientiert ist, aber in seinem zeitgemäßen Gewand mit zahlreichen originellen Einfällen glänzt. Wie schon bei vorherigen Produktionen führte Verena de la Rey Swardt auch diesmal Regie. Claudia Heitkamp war für die tänzerischen Darbietungen verantwortlich.Und darum geht es in der modernisierten Fassung des Shakespeare-Klassikers: Julia, eine junge Ecuadorianerin, wird von ihrer Mutter Dolores, die drei Jahre zuvor den Deutschen Joachim geheiratet hat, nach Deutschland nachgeholt. Während die Mutter verzweifelt versucht, es allen recht zu machen, verweigert Julia sich zunächst total: ihrer neuen Familie, der Schule, den Gleichaltrigen, der deutschen Sprache.Theo, ihr Stiefbruder, findet Zugang zu ihrer Welt über die Salsa-Musik, die sie, krank vor Heimweh, ständig hört. Er bittet Julia, ihm Tanzstunden zu geben, bei denen sich die beiden näher kommen. . Als im Unterricht "Romeo und Julia" durchgenommen wird und Julia die Sprechrolle ihrer Namensvetterin erhält, kann sie nicht ahnen, wie sehr sich ihr Leben und das ihres Mitschülers Bahnhof, der den Part des Romeo übernimmt, mit der Handlung der Shakespeare-Tragödie verwirren wird. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch wie in der berühmtesten aller Liebestragödien bleibt für das Glück nicht viel Zeit. Als sich der eifersüchtige Theo an Julia rächt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Was bei Shakespeare trotz all seines Facettenreichtums angesichts der alles beherrschenden, tragischen Liebesgeschichte teilweise in den Hintergrund treten muss, wurde in der HWG-Aufführung geradezu im Rampenlicht präsentiert: eine geballte Ladung unverblümter Sozialkritik. Folgen der IntoleranzDem Zuschauer wurde unmissverständlich vor Augen und Ohren geführt, wozu Intoleranz und Ignoranz in zwischenmenschlichen Beziehungen führen, aber auch wie dieses fatale Fehlverhalten von Generation zu Generation sozusagen "vererbt" wird. Mit dieser modernen Variante eines klassischen Stoffes gelang den Mitwirkenden am Hochwaldgymnasium ein Erfolg, der bei den zwei Vorstellungen in der Schule mit viel Applaus bedacht wurde. Thomas Kirf

Auf einen blickMitwirkende und Verantwortliche:Schauspieler: Helena Wölfl, Anna Simone, Christian Kreis, Sebastian Haase,Thomas Kirf, Daniela Scheid, Fabian Görgen, Laura Buchheit, Marie-Christine Ludwig, Freya Wagner, Johannes Backes, Yannik Trampert, Rita Britz, Hannah Lauer, Susanne Palm.Tänzer: Kaja Bauer, Arno Hornberg, Lukas Kaiser, Patrick Pichottky, Stefan Regert, Sybille Walgenbach.Technik: Arno Hornberg, Esther Ria und Philipp Stedem; Maske: Angela Kasper, Anne-Kathrin Böse; Bühnenbild: Familie Haase; Drehbuch: Birgit Schommer; Choreographie: Claudia Heitkamp; Regie: Verena de la Rey Swardt. red