1. Saarland

Juden und Christen lebten unter einem Dach

Juden und Christen lebten unter einem Dach

Neunkirchen. "Es liegt ein Segen auf diesem Haus." Die wunderschöne Aussage über das Haus Nummer 25 in der Hohlstraße stammt von Lotte Kuhn, der Mutter von Ursula Frantz. Es ist ihr Elternhaus beziehungsweise das Haus, das ihre Großeltern Jakob und Lina Kuhn im Jahr 1910 im damals ländlichen Teil von Neunkirchen bauten, über das wir heute berichten

Neunkirchen. "Es liegt ein Segen auf diesem Haus." Die wunderschöne Aussage über das Haus Nummer 25 in der Hohlstraße stammt von Lotte Kuhn, der Mutter von Ursula Frantz. Es ist ihr Elternhaus beziehungsweise das Haus, das ihre Großeltern Jakob und Lina Kuhn im Jahr 1910 im damals ländlichen Teil von Neunkirchen bauten, über das wir heute berichten.Das Mehrfamilienhaus - bis heute in Familienbesitz - ist Zeuge einer innigen Freundschaft zwischen Jakob Kuhn und Simon August. Von Kind an waren die beiden gleichaltrigen Nachbarskinder miteinander befreundet. Simons Familie war jüdischen Glaubens. Als das Haus in der Hohlstraße 25 fertig war, kam Jugendfreund Simon und sagte ganz selbstverständlich: "Jakob, ich will mit meiner Frau bei dir wohnen." So erzählt die heute 73 Jahre alte Enkelin Ursula die Geschichte der beiden Freunde, die mit ihren jungen Familien zusammenzogen. Jakob bekam zwei Kinder, die Ehe von Simon blieb kinderlos.

Ursulas Vater, der im Jahr des Einzugs geborene Ernst Kuhn, hatte das Glück, in zwei Kulturen groß zu werden: in der jüdischen und der christlichen. Seiner Tochter übermittelte er dies später in vielen Erzählungen. So habe er das koschere Essen von Frau August sehr geschätzt und war wie selbstverständlich dabei, wenn der Schabbes begangen oder jüdische Feste gefeiert wurden. "Mein Vater und seine zwei Jahre jüngere Schwester gingen täglich treppauf und treppab und blieben dort, wo es das beste Essen gab", berichtet Ursula Frantz mit einem Lächeln. Man teilte Freud und Leid miteinander. Eine gute Zeit für alle. Bis Adolf Hitler an die Macht kam.

Nach Amerika geflüchtet

Als sich die politische Situation in den 30er Jahren zuspitzte, beschloss Simon August, mit den Familien seiner Brüder nach Amerika auszuwandern. Es war das Jahr 1935 und die letzte Möglichkeit. Ursulas Großvater Jakob hatte dafür überhaupt kein Verständnis. "Simon, du kannst doch hier bleiben, du hast niemand etwas getan, ich bürge für dich!" So habe ihr Großvater reagiert. Doch Simon hatte Hitlers "Mein Kampf" gelesen und wusste, was den Juden bevorstand. "Die ganze Sippe wanderte aus und überlebte in Amerika", erzählt Ursula Frantz.

1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam die sechsjährige Ursula mit ihrer Familie aus Berlin zurück nach Neunkirchen. Niemand wusste, ob das Haus in der Hohlstraße 25 von Bomben getroffen und zerstört worden war. "Als Mama Lotte von der Höhe hinunterschaute und sah, dass das Haus wie ein Fels in der Brandung stand, setzte sie sich auf ihren Koffer und heulte: Gottseidank, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir sind gerettet."

Unter diesem Dach hat Ursula Frantz von 1962 bis 1972 mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Karl-Friedrich und den Töchtern Ulrike, der heutigen Besitzerin, und Sabine gewohnt.

Im "Mehrgenerationenhaus"

Seit einem Jahr lebt Enkelin Hanna mit ihrem Freund in der liebevoll renovierten Wohnung im Dachgeschoss. "Ich fühle mich hier wie in einem Mehrgenerationenhaus", schwärmt die 19-Jährige über das gute Verhältnis der Hausbesitzer von jung bis alt. Hanna findet es auch gut und wichtig, dass ihre Oma Ursula vor drei Jahren ein Schild am Haus anbringen ließ, auf dem steht, dass hier über 20 Jahre lang die jüdische Familie August in freundlicher Hausgemeinschaft mit den anderen bis zu ihrer Emigration nach Amerika lebte. Die 73-Jährige betont: "Es war mir ein inneres Bedürfnis, dies zu tun."

Auf einen Blick

Wer wohnt noch in seinem Elternhaus? Oder wer lebt schon lange nicht mehr da, hat schöne Erinnerungen und alte Fotos von einem besonderen Elternhaus, das womöglich sogar verloren gegangen ist? Wer möchte uns etwas über sein Elternhaus erzählen? Gerne berichten wir in Wort und Bild. Wir freuen uns auf Ihre Anrufe und E-Mails: Telefon (06821) 9 04 64 50, per E-Mail: rednk@sz-sb.de. red