Jedes fünfte Kind wächst in Armut auf

Jedes fünfte Kind wächst in Armut auf

Friedrichsthal. Einem Gremium aus Vertretern der Verwaltung, Lokalpolitik und Schulen ist am Donnerstagabend in der Alten Schule der diesjährige Sozialbericht der Stadt Friedrichsthal vorgestellt worden. Werner Hubertus von der Caritas Gemeinwesenarbeit (GWA) Friedrichsthal lobte eingangs die Projektgruppe

Friedrichsthal. Einem Gremium aus Vertretern der Verwaltung, Lokalpolitik und Schulen ist am Donnerstagabend in der Alten Schule der diesjährige Sozialbericht der Stadt Friedrichsthal vorgestellt worden. Werner Hubertus von der Caritas Gemeinwesenarbeit (GWA) Friedrichsthal lobte eingangs die Projektgruppe. "2005 haben wir erste Darlegungen über die Situation gemacht, wir konnten diesmal darauf aufbauen", sagte er.Es gehe darum, die Situation der letzten sechs Jahre vor Ort kritisch unter die Lupe zu nehmen, so Hubertus weiter. Der Report teilt aus Untersuchungszwecken die Stadt in neun Viertel. Dabei machten die Quartiere eins (Ortsmitte) und zwei (Kolonieschacht) von sich reden. Diplom-Soziologe Achim Ickler erklärte hierzu, dass die Arbeitslosigkeit in den Brennpunkten von 18 Prozent im Jahr 2005 auf 10 Prozent im Jahr 2011 zwar gesunken sei, aber dass "aus der Statistik Personen ausgeschlossen sind, die an Beschäftigungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen. Drei von vier Arbeitslosen erhalten Hartz IV", so Ickler. Und es gebe eine massive Kinderarmut: "Die Zahl der Familien mit Kindern ist gestiegen. Jedes fünfte Kind wächst in Friedrichsthal in Armut auf", resümierte Ickler.

Elisabeth Schindelhauer von der Sozialberatung der Caritas GWA Friedrichsthal bestätigte den Trend. Demnach haben gerade Menschen aus den beiden genannten Quartieren Sozialberatung in Anspruch genommen. "Die Anzahl der Kinder aus Familien mit prekärer Lebenssituation ist von 2007 bis 2011 stetig gestiegen. 76 Prozent der Kinder leben dort derzeit in Armut", fügte sie an.

Die Stadtverwaltung kooperierte zum zweiten Mal mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) des Saarlandes. Die Bachelor-Studentinnen Denise Steis und Eva Niederländer steuerten für den Bericht wissenschaftliche Erkenntnisse bei: Sie führten vier Interviews mit zwei Müttern und deren Kindern.

Steis stellte in der ersten Familie fest, wie sehr diese Wert auf die Bildung der Kinder lege. "Beim Kind ist das Bewusstsein über die Wichtigkeit von Bildung vorhanden. Man darf vermuten, dass die Kette der Armut hier vom Kind unterbrochen werden könnte", so Steis.

Niederländer resümierte: "Die Eltern zeigen Organisationstalent bei der Beschaffung von Möglichkeiten und Mitteln für die Wünsche der Kinder", sagte sie. Beide Studentinnen waren beeindruckt von der wertschätzenden Haltung der Betroffenen und der emotionalen Stärke des Unterstützungssystems Familie.

Thomas Eggs, Regionalleiter des Jugendamtes, sprach über Mitteilungen von Kindeswohlgefährdungen. "Im Bereich Friedrichsthal erreichten das Jugendamt 41 Fälle im Jahr 2011. In zehn Fällen wurde daraufhin eine Inobhutnahme ausgesprochen", sagte Eggs über die bedenkliche Lage.

Letztlich stand für Bürgermeister Rolf Schultheis in seiner Abschlussbetrachtung fest: "Die Stadt kann keine Gesetze machen, aber für ein besseres Wohn- und Spielumfeld sorgen helfen." Schultheis plädierte mit bedeutungsvollem Augenzwinkern in Richtung Regionalverband nachdrücklich für die gebundene Ganztagsschule. "Eine positive Veränderung fängt mit den Bildungschancen an", meinte er und rannte beim anwesenden Werner Hillen, Rektor der Edith-Stein-Schule Friedrichsthal, offene Türen ein. Der Sozialbericht ist im Internet zu finden.

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friedrichsthal.de

"Die Stadt kann keine Gesetze machen, aber für ein besseres Wohn- und Spielumfeld

sorgen helfen."

Rolf Schultheis

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