1. Saarland

Jaulen, Knurren, KichernNicht nur federleicht Sonniges

Jaulen, Knurren, KichernNicht nur federleicht Sonniges

Saarbrücken. Wenn Zuschauer eine Veranstaltung mittendrin verlassen, spricht das mitunter durchaus für deren Qualität und nicht unbedingt für den Kunstverstand und die Erwartungshaltung der Betreffenden

Saarbrücken. Wenn Zuschauer eine Veranstaltung mittendrin verlassen, spricht das mitunter durchaus für deren Qualität und nicht unbedingt für den Kunstverstand und die Erwartungshaltung der Betreffenden. Andererseits handelt es sich bei den Kulturflüchtern aber möglicherweise auch um durchaus kunstsinnige Zeitgenossen, die sich dem Gruppenzwang zum Applaus widersetzen: Weil sie nicht alles des Etiketts Kunst und ihres Beifalls für würdig erachten. Welche Form des Protests nun am Freitag auf dem Theaterschiff zu erleben war, darüber darf diskutiert werden. Doch bestätigte sich das Phänomen, dass der Zuschauer-Exodus jeweils gern im Herdentrieb-Verfahren einsetzt: Steht der erste auf, schließen sich andere an - erleichtert, nicht selbst den Anfang machen zu müssen. So auch auf der Maria-Helena, deren Schiffsbauch zunächst unter dem Publikumsandrang schier zu bersten schien. Unter dem strapazierten Begriff Performance (hier: der musikalisch-literarischen Art) lief im Rahmen der Saarbrücker Sommermusik die Uraufführung "Der sichere Mann oder Hinaus, wo kein Loch ist". Mit zeitgenössischen Mitteln widmeten sich Countertenor Ralf Peter (Rezitation, Gesang, Konzept), Michael Schäfer (Komposition, Gitarre), Martial Frenzel (Perkussion) und Gitarrist Johannes Schmitz, der statt des ursprünglich angekündigten Posaunisten Michael Hupperts als dritter Instrumentalist mit von der Partie war, Eduard Mörikes "Märchen vom sichern Mann" (1838). Mörike, Motto-gebender Dichter der Sommermusik 2010, galt lange als typischer Vertreter des Biedermeier. Sein nach antikem Vorbild in Hexametern verfasstes Miniatur-Epos vom Riesen Suckelborst, der von den Göttern mit dem Verfassen eines Buchs zur Erbauung der Toten beauftragt wird und damit den Teufel herausfordert, beleuchtet das Abgründige in seinem Werk. Entsprechend plakativ abgründig beleuchtet auch Ralf Peter, der vom Rednerpult aus zur Deklamation von Mörikes Versen seinen exaltierten Personalstil pflegte: Das Halbprofil abwechselnd in giftgrünes oder schaurig violettes Licht getaucht, zelebrierte er Stimmkunst quer durch alle Register - extreme Tonsprünge, Jaulen, Knurren, Kichern. Leider waren viele Textstellen wegen der bisweilen lauten Musik (Tonaufnahme: Krischan Schallenberger) nicht zu verstehen, die von ruhigen Motiven volksliedhaften Charakters über eruptiv rockige Passagen und Elemente Neuer Musik bis zu Fusion-Jazz reichte. Nicht immer nachvollziehbar auch die Bedeutung der eingeblendeten Fotografien von Clarissa Dahmen und Ramin Djahazi (Live-Bearbeitung: Erik Pöss). Insgesamt ein inhaltlich wie formal streitbares Experiment. Saarbrücken. "Es ist nicht verboten, in das Kässchen ein Scheinchen hinein zu tun." So putzig hatte Thomas Altpeter, Initiator und Künstlerischer Leiter der Saarbrücker Sommermusik, seinen Spendenaufruf tags zuvor auf dem Theaterschiff Maria-Helena formuliert. Am Samstag im ebenfalls proppenvollen Jazzclub des Domicil Leidinger klang das etwas nüchterner, aber hier war ja auch Kontrastprogramm angesagt. Statt experimenteller Performance präsentierte dieser mit "Gabriels Brazilian Songbook" überschriebene Abend ein Latin-Jazz-Konzert in kammermusikalischer Trio-Besetzung der besonderen Art. In dieser Formation des Pianisten Gabriel Bock repräsentiert Thomas Bachmann (edler Subtone!) mit Sopran- und Tenorsax die Jazz-Fraktion, die Klangfarbe des Cellos (Bernhard Zapp) steht für die E-Musik - und dem Bandleader am Flügel fällt quasi die Vermittlerrolle zwischen beiden Genres zu. Damit passt das organisch aufspielende Trio prächtig in die Sommermusik 2010, die heuer die Bandbreite der Streichinstrumente im Jazz in den Fokus rückt. Bock und Co. widmen sich traditionellem Bossa Nova einschlägig bekannter Komponisten wie João Gilberto, Baden Powell und Antonio Carlos Jobim, haben aber auch gehaltvolle Titel aus eigener Feder im Programm. Und dabei handelt es sich mitnichten nur um federleicht Sonniges, sondern um Noten voller Melancholie, Dramatik und Leidenschaft. Alle drei auch als Solisten versierten Musiker harmonierten bestens, bestachen mit hoher Klangkultur wie dynamisch nuancierter Durchleuchtung und meisterten selbst rhythmisch vertrackteste Passagen souverän. Schade nur, dass das Cello, wenn Zapp etwa Basslinien zupfte, klanglich oft unterging - mit dem Bogen gestrichen in der Rolle des Melodieinstruments setzte es sich dagegen recht resolut durch. Begeisterter Applaus. kek