1. Saarland

Jäh verstummt das Kuhglocken-Geläut

Jäh verstummt das Kuhglocken-Geläut

St. Wendel. Das Kuhglocken-Geläut verstummt jäh. Beppo und seine Band sind extra aus der Schweiz angereist. In bunten, selbst gestrickten Überhosen und Hosenträgern geben sie ein nettes Bild ab. Und mit riesigen Kuhglocken, die sie auf den Oberschenkeln wippen, feuern sie die Schweizer Fahrer an - Es ist ein ohrenbetäubendes Getöse

St. Wendel. Das Kuhglocken-Geläut verstummt jäh. Beppo und seine Band sind extra aus der Schweiz angereist. In bunten, selbst gestrickten Überhosen und Hosenträgern geben sie ein nettes Bild ab. Und mit riesigen Kuhglocken, die sie auf den Oberschenkeln wippen, feuern sie die Schweizer Fahrer an - Es ist ein ohrenbetäubendes Getöse. Erst recht, als Arnaud Grand als Erster des U23-Rennens um die Ecke zu der kurzen, knackigen Abfahrt kommt. Doch dann passiert es: Grand stürzt - genau vor Beppo und der Band. Beppo, Seppi, Guggi, Ruedi und ihre Freunde sind entsetzt, schütteln ratlos den Kopf - und genehmigen sich auf den Schreck erstmal einen Enzian, den einer von der Band in einem großen Kanister auf dem Rücken trägt. Zwei Runden noch hoffen die Schweizer, dass ihre Fahrer wieder ranfahren können - und geben alles. Dann stellen sie ihre Kuhglocken ab: "Jetz isch vobei", sagt Beppo vier Runden vor Schluss. Ein Teil der Band hat sich bereits mit den daneben stehenden Belgiern solidarisiert. Bier und Enzian - da werden schnell Freundschaften geschlossen. Und Arm in Arm die Fahrer beider Nationen angefeuert. So schön kann Sport sein. Doch leider kommt auch hier die Ernüchterung schnell - der Belgier fährt in der Radwechselzone in einen Pfosten und fällt zurück. Stattdessen gewinnen gleich zwei Niederländer. Der erste Tage der Radcross-WM kein Tag für die Schweizer - und keiner für die Belgier.

Die ersten Tränen gab es bereits gegen Mittag. Die hochfavorisierten Belgier gingen beim Junioren-Rennen leer aus. Und auf dem Weg zurück ins Fahrerlager musste so mancher der Geschlagenen von Mama getröstet werden. Stattdessen jubelten die Franzosen über einen völlig unerwarteten Dreifach-Triumph. Clément Venturini siegte, obwohl er in nahezu jeder Runde vom Rad musste. Doch er rappelte sich nach jedem Sturz wieder auf und fuhr weiter. Es ist eine Geschichte, wie sie nur der Sport schreibt - und von der wir hoffen, dass sie auch wirklich (nur) ganz sportlich zustande gekommen ist. Vor einigen Wochen noch war Venturini bei den nationalen französischen Meisterschaften nur auf den 18. Platz gefahren. "Damals dachte ich, jetzt ist alles zu Ende. Eigentlich wollte ich schon aufhören", sagt der Weltmeister. "Dann habe ich mir aber gedacht: Jetzt musst du es allen zeigen. Aber dass ich Weltmeister bin, kann ich noch gar nicht glauben." Im Ziel hatte er 15 Sekunden Vorsprung auf die Zwillingsbrüder Fabien und Loic Doubey, die in ihrem ersten gemeinsamen Rennen auch gemeinsam über die Ziellinie fuhren.

Und die Belgier? Die feierten trotzdem. Feucht-fröhlich, mit viel belgischem Bier, belgischen Fritten, belgischen Bands - und freuten sich auf den Sonntag. Bloß: Einen Titel konnten sie auch da nicht in St. Wendel bejubeln. Da müssen sie mindestens bis 2014 warten. Dann finden in St. Wendel die Radcross-Europameisterschaften statt. Und dann werden sie wieder kommen: Beppo, seine Band und die Belgier.