Interview mit Pater Klaus Mertes, Aufklärer des Missbrauchs-Skandals: Kirche kein Selbstzweck

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Missbrauchs-Aufklärer Klaus Mertes : „Die Kirche ist kein Selbstzweck“

Der Missbrauchs-Aufklärer spricht über Atheisten und Religionslose, eine Spaltung in der Katholischen Kirche und künftige Päpstinnen.

Pater Klaus Mertes hat vor fast zehn Jahren die Aufklärung des Missbrauchsskandals in der Katholischen Kirche angestoßen. Im SZ-Interview spricht er über die Rolle der Kirche in der säkularen Gesellschaft – und fordert umfassende Veränderungen. Der Jesuit, der auch Wurzeln im Saarland hat, sieht Gemeindereformen wie im Bistum Trier aber kritisch.

Als Ihr Onkel Johannes Mertes 1957 in Merzig die Pfarrgemeinde übernahm, waren die Kirchen noch voll, an Fronleichnam zog eine lange Prozession durch die Orte. Was ist denn da seitdem passiert?

MERTES Das kann man schon bei Soziologen wie Max Weber oder bei Charles Taylor nachlesen: Der Modernisierungs- und Säkularisierungsschub ist im ländlichen Raum voll angekommen – das hat nach dem Krieg begonnen und sich in den 60er Jahren beschleunigt. Es ist ein allgemeines Phänomen der westlichen europäischen Kultur.

Die Kirche steht dem also machtlos gegenüber?

MERTES Die Kirche hat darauf mit dem zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren und seinen Reformen reagiert. Die Säkularisierung (Verweltlichung, die Red.) hat tiefe geschichtliche Wurzeln. Eine Entwicklung, die nicht einfach durch Einzel­entscheidungen zu beeinflussen ist. Wer das denkt, pflegt Allmachtsphantasien. Interessant ist aber: Die alte These, wonach die Säkularisierung auf Dauer den Tod der Religion bedeute, wird von Soziologen nicht mehr geteilt. Religiöse Sehnsüchte werden heute häufig nur anders bedient als in den klassischen Religionen.

Die Schüler Ihrer Schule wollen sicher nicht nur wegen deren katholischer Prägung ihr Abi dort machen. Wie erleben Sie den Umgang mit Religion bei den jungen Leuten?

MERTES: Auch der Schwarzwald ist inzwischen multikulturell. Wir haben katholische, evangelische und ungetaufte Schüler, auch Muslime und Juden. Was nicht mehr stattfindet ist, dass religiöse Traditionen in den Familien von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dazu sind die säkularen Milieus inzwischen viel zu sehr auch in den nominell katholischen oder evangelischen Familien angekommen. Die Schüler sind aber für Religiosität offen, wenn sie diese mit eigenen Erfahrungen in Verbindung bringen können. Sie sind offen für Grundhaltungen des Schweigens, des sich Öffnens für eine Dimension im Leben, die nicht nur in Äußer­lichkeiten besteht. Übrigens sind sie auch für religiöse Gesänge sehr ansprechbar.

Sie haben an anderer Stelle einmal zwischen religionslosen Menschen und Atheisten unterschieden. Welche kann die Kirche erreichen?

MERTES Die Fragestellung „Wen will ich erreichen?“ ist mir fremd. Interessant ist vielmehr: Wer kommt zu uns? Atheisten nenne ich solche Leute, die Religion kennen und sagen: Da will ich nichts mit zu tun haben. Ich respektiere Menschen, die sich entschieden haben, nicht an Gott zu glauben. Ich laufe ihnen aber nicht hinterher. Ganz anders ist es bei den Religionslosen, die in der vierten und fünften Generation nichts von Gott gehört haben und das als Mangel erleben. Wenn sie zu uns kommen, bin ich offen dafür, sie an unserem Leben und Bildungskanon teilhaben zu lassen. Mein Angebot an sie: Begreifen sie die Fragen nach Gott als ein Thema der Allgemeinbildung. Ohne zu verstehen, was Religion ist, verstehen wir ganz wesentliche Aspekte des Menschen und der Menschheitsgeschichte nicht. Zur religiösen Bildung gehört auch, unterscheiden zu lernen zwischen guten und schlechten Argumenten für den Glauben. Sonst wird man ein leichtes Opfer der religiösen Rattenfänger. Der Fundamentalismus und die Radikalisierung hängen ja mit einem Mangel an Bildung zusammen: Weil man keine Kriterien kennt, die erkennen helfen, was einen Fanatiker oder Sektierer, der Religion instrumentalisiert, von einem Gläubigen unterscheidet.

Das klingt, als müsste die Kirche nicht wirklich missionieren. Sie braucht doch Gläubige, oder nicht?

MERTES Wenn es der Kirche nur um die Kirche geht, ist es das Ende der Kirche. Sie ist ja kein Selbstzweck. Ich als Jesuit gehöre einem missionarischen Orden an. Nach meinem Verständnis beginnt Mission nicht damit, dass man Menschen so lange bequatscht, bis sie denken, was man selbst denkt. Mission beginnt vielmehr mit Erkennbarkeit und Ansprechbarkeit. Da ist Schule vielleicht wie keine andere Institution missionarisch. Weil sie Ansprechbarkeit von Kirche im säkularen Raum ist. In einen Sonntagsgottesdienst kommt kein Religionsloser. Der Nachfrageschlager der Kirche in der modernen Gesellschaft sind die Schulen und die Krankenhäuser. Da läuft es.

… oder in der Erwachsenenbildung, für die Ihr Onkel vor 60 Jahren die CEB Merzig gründete. Bildung, Pflege, Kliniken? Was wird länger bestehen: Diese kirchlich getragenen sozialen Einrichtungen – oder ein lebendiges religiöses Leben? Und geht das eine ohne das andere?

MERTES Ich bevorzuge das Sauerteigmodell. Sauerteig durchdringt alles, ist aber selbst nicht sichtbar. So verstehe ich Kirche, Krankenhaus und CEB. Da geht es um eine Präsenz von Christen in der säkularen Gesellschaft. Die Alternative, wie Sie sie formulieren, entspricht eher klerikalen Erwartungen: Aus katholischen Schulen sollen am Ende lauter überzeugte Katholiken herauskommen. Die Erfahrung ist aber doch: In den letzten Jahrzehnten ist gerade deshalb so viel kirchliche Pädogogik gescheitert, weil die Schüler nach dem Abitur den Zwang und den Druck, den sie zuvor erfahren haben, abschütteln wollten. Überzeugungen entstehen nur in Freiheit. Wenn bei uns in St. Blasien ein Schüler nicht mitbeten will, dann betet er nicht mit. Wir erwarten nur Respekt vor dem Gebet der anderen. Und weil er diese Freiheit spürt, nicht beten zu müssen, entscheidet er sich vielleicht, tatsächlich zu beten.

Das folgt dann Ihrem ignatianischen Bildungsansatz, der auf den vor einem halben Jahrtausend gestorbenen Ignatius von Loyola zurückgeht, aber sehr an moderne Reformpädagogik erinnert.

MERTES Werte sind nur etwas wert, wenn sie in Freiheit angeeignet sind. Dafür steht Ignatius. Gegen Gewalt muss die schulische Autorität natürlich einschreiten. Aber die Internalisierung der Erkenntnis, dass Gewalt nicht gut und Empathie gut ist, kann ich nicht über Zwang erreichen, sondern nur über innere Aneignung.

Dass immer weniger Menschen ihre Antworten bei der Kirche suchen, hat aber auch mit dem Vertrauensverlust der Institution zu tun – nicht zuletzt durch den Missbrauchsskandal, der durch Sie öffentlich wurde. Wie würden Sie auf den Vorwurf reagieren, sie hätten die Vertrauenskrise der Kirche verschärft?

MERTES Die Aufdeckung stärkt doch das Vertrauen. Der Vertrauensverlust geht auf Kosten derer, die seelsorgliche Vertrauenspositionen ausgenutzt haben, um Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene sexuell zu missbrauchen. Vertrauen haben auch diejenigen verspielt, die es, als sie das wussten, vertuscht haben. Im Übrigen ist mir der Hinweis auf das Vertrauensparadox wichtig: Wenn man nur deswegen die Missbrauchsfälle aufdeckt, um Vertrauen wiederzuerlangen, gewinnt man kein Vertrauen. Der wichtigste Grund für die Aufdeckung ist die Gerechtigkeit gegenüber den Opfern.

Und wurde die Aufklärung in der Kirche aus Ihrer Sicht mit dem richtigen Motiv betrieben?

MERTES Es hat mich schon befremdet, dass im Kontext der Missbrauchskrise die Beunruhigung ganz vieler Kreise hauptsächlich der Glaubwürdigkeit der Kirche galt. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust ist aber nur ein Kollateralschaden. Der eigentliche Schaden ist bei den Opfern und ihrem Umfeld angerichtet worden.

Der Prozess der Aufarbeitung in Deutschland ist nun in Ihrem Sinne?

MERTES In den letzten zehn Jahren hat sich durch den Aufarbeitungsprozess ganz viel positiv verändert. Das Thema ist enttabuisiert, die Opfer sprechen und werden gehört. Auch die Bischöfe haben sich auf das Zuhören eingestellt. Die Missbrauchsstudie ist ein ganz wichtiger Schritt. Es gibt auch keine andere Institution in Deutschland, die das Thema so ernst genommen hat wie die Katholische Kirche.

Tatsächlich findet Missbrauch in fast allen Gesellschaftsbereichen statt. Ist die öffentliche Fokussierung auf die Katholische Kirche fair?

MERTES Ja, da ist objektiv auch Ungerechtigkeit drin. Ich habe aber immer dafür plädiert, das als Chance zu sehen. Die Kirche steht auf dem Berg und alle gucken hin. Warum? Weil die Kirche ein Thema verhandelt, das alle angeht. Das ist geradezu eine Chance der Verkündigung: das Evangelium auf sich selbst anzuwenden und dadurch zeigen, dass man angemessen mit eigener Schuld und institutionellem Versagen umgeht.

Die Schlussfolgerungen in der Kirche gehen aber auseinander.

MERTES Bei der Aufarbeitung wurde eine Spaltung sichtbar, die wir noch nicht überwunden haben. Die einen sagen, das Problem sind die schwulen Priester und der mangelnde Gehorsam gegenüber der kirchlichen Sexualmoral. Die anderen, zu denen ich mich zähle, sagen: Gerade die Einstellung der Kirche zu Sexualität und speziell auch ihre Homophobie sind ein tieferer Grund für die Anfälligkeit des Systems für Missbrauch und den sexualisierten Missbrauch von Macht.

In einem Brief an Kardinal Marx haben Sie mit anderen im Februar systemische Gründe des Missbrauchs beschrieben: Das Männerbündische der Kirche, die Rolle innerkirchlicher Macht, die Tabuisierung von Sexualität. Sie forderten: Weiheämter für Frauen, Ende des Zölibats, eine andere Sexualmoral, Machtbegrenzung. Was ist seither passiert?

MERTES Viel. Ich war ja selbst vor zehn Jahren nicht so weit, diese Forderungen zu stellen. Ich musste mich dazu durchringen im Wissen darum, dass es hier im weltkirchlich relevante Fragen geht. Immer mehr Menschen in der Kirche erkennen, dass das nicht nur Forderungen linker Kirchenkritiker aus dem säkularen Westen sind. Auch Bischöfe sagen inzwischen, dass sie die Argumentation gegen die Frauenordination oder für die Beibehaltung des Priester-Zölibates nicht mehr überzeugt.

Da gibt es auch ganz praktischen Druck: der Priestermangel. Darauf reagieren die Bistümer jetzt mit Strukturreformen. Im Bistum Trier werden Großpfarreien gebildet. Was halten Sie davon?

MERTES Aus Freiburg und Köln kenne ich ähnliche Prozesse. Ich gebe dieser Gestalt von Kirche keine Zukunft. Sie unterschätzt die Bedeutung der lokalen Anbindung. Es muss eine Form gefunden werden, wie Gemeindeleben vor Ort möglich bleibt, einschließlich der sonntäglichen Gottesdienstfeier vor Ort.

Die Frage spielt aktuell bei der Amazonas-Synode eine Rolle, wo der Zölibat aufgeweicht werden könnte.

MERTES Das ist eine weltweite Debatte. Ja, hier konvergieren Themen, die nicht nur am grünen Tisch geklärt werden können. Der Druck kommt von der Basis. Ich glaube, in 30, 40 Jahren wird die Kirche ganz anders aussehen als heute.

Dann kann eine Frau Papst sein?

MERTES Wenn es keinen Grund mehr gibt, eine Frau nicht zur Priesterweihe zuzulassen, ist das konsequent.

Bei deutschen Katholiken werden Sie dafür viel Zustimmung finden. Aber geht das angesichts unterschiedlicher Traditionen weltweit ohne eine Spaltung der Kirche?

MERTES Es gibt da keinen Masterplan, aber einen Trend. Die Chance ist: Wir stehen vor Entwicklungen, die die ganze Menschheit betreffen. Unsere Kulturen, die einander so fremd sind, werden durch die Globalisierung im Nahbereich erfahrbar. Wir stehen vor der Aufgabe, diese Fragen auch im globalen Kontext zu beantworten. Das rechtspopulistische Modell wäre: Jeder bleibt bei sich, wir lassen unsere kulturellen Identitäten unangetastet. Sollen sie doch in Indien Witwen verbrennen und in Uganda Homosexuelle aufhängen, solange sie uns damit hier bei uns in Ruhe lassen. Das katholische Modell ist das Gegenmodell: Die Vision einer globalen Einheit. Wer die aber mit dem Holzhammer durchsetzen will, der wird scheitern.

Mehr von Saarbrücker Zeitung