Institut für deutsche Sprache findet keinen Antisemitismus bei Kollegah

Kostenpflichtiger Inhalt: Studie Sprachreport : Sprachwissenschaftler finden keinen Antisemitismus bei Kollegah

Das Landgericht Saarbrücken hat am Donnerstag entschieden, dass der Rapper Kollegah eine als antisemitsch geltende Zeile nicht vortragen darf. Das Institut für deutsche Sprache in Mannheim hatte zuvor eine Untersuchung angestellt und kommt zu einem anderen Ergebnis.

„Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet/

Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen/

Ich tick' Rauschgift in Massen, ficke Bauchtaschen-Rapper/

Wenn ich will, macht Genetikk ein Auslandssemester.“

So lauten die in Deutschland wohl am heißesten diskutierten Textzeilen der jüngeren Vergangenheit. Sie entstammen dem Song „0815“, der auf dem inzwischen indizierten Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ (JBG3) der Rapper Farid Bang und Kollegah erschienen ist. Das Landgericht Saarbrücken hat am Donnerstagabend der Klage eines saarländischen Juden stattgegeben, der sich durch die Zeilen in seinen Grundrechten eingeschränkt sieht (wir berichteten). Die Saarevent GmbH muss nun laut Urteil Sorge dafür tragen, dass diese Zeilen in ihren Räumlichkeiten nicht vorgetragen werden.

Doch wie antisemitisch bewerten Wissenschaftler die Texte von Kollegah? Den Autoren der Studie „Sprachreport 2018“ zufolge, durchgeführt vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim, seien die Zeilen als Witz zu verstehen. Um das wiederum begreifen zu können, muss man den Witz so definieren wie Sven Bloching und Jöran Landschoff, die besagtes Album unter den Gesichtspunkten „Diffamierung, Humor und Männlichkeitskonstruktion“ untersucht haben. Laut aktueller Humorforschung sei der Kern eines Witzes nämlich nicht die gelungene Pointe, sondern seine „syntaktische und semantische Funktionsweise“, beispielsweise eine Mehrdeutigkeit. Und die liege hier eindeutig vor.

Sprachwissenschaftliche Analyse

Der Hörer assoziiere durch den Bezug zu einem definierten Körper zunächst einen „Frame der Art muskulös oder stark“. Mit dieser Erwartungshaltung werde in der sogenannten Punchline – einer Art schlagkräftigen Pointe – gebrochen. Hier lautet sie: „Auschwitz-Insassen“. Der Bruch erfolge in diesem Falle jedoch „mit besonders grausamer Sprengkraft“, wie die Autoren feststellen. Und weiter: „Die Diffamierung der Opfer des Holocausts stellt für den Rapper ein Mittel zum Erzeugen eines starken Ungleichgewichts (...) dar, bei dem andere erniedrigt werden, um die eigene Person zu erhöhen und zugleich eine ‚humoristische’ Wirkung zu erzielen – ein Muster, wie es in den Texten des Albums und im Battle-Rap allgemein (...) häufig zu finden ist.“

Bloching und Landschoff haben nicht nur eine Sprachanalyse vorgenommen, sondern auch eine Zählung gemacht, welche Personengruppen auf dem Album „JBG3“ häufig Spott und Erniedrigung ausgesetzt sind. Von den insgesamt über 200 Anfeindungen richten sich mehr als die Hälfte gegen andere Rapper, etwa 23 Prozent gegen Frauen und circa 9 Prozent gegen „Gewaltopfer und ethnische Minderheiten“. Eine besondere Häufung antisemitischer Textzeilen sei jedoch nicht feststellbar. Auch deswegen liege den Autoren zufolge „die Vermutung eines systematischen Antisemitismus fern“.

Mainstream versus Subkultur

In der Öffentlichkeit herrscht trotz dieser sprachwissenschaftlichen Analyse die Meinung vor, der Deutsch-Rap habe ein Antisemitismusproblem. Die Studienautoren erklären das mit unterschiedlicher Wahrnehmung des Gesagten durch die Öffentlichkeit einerseits und die Kenner der Rapszene andererseits. Letztere hätten die „Spielregeln des ungestraften ‚witzigen’ Beleidigens derart verinnerlicht“, dass sie die Zeilen nicht wortwörtlich nähmen und sich auch nicht notwendigerweise mit extremen Aussagen identifizieren müssten – im Gegensatz zum Mainstream, der die ritualisierten Tabubrüche nicht als solche erkennen könne.

Die Spielregeln dieser Subkultur sind für Außenstehende nicht leicht zu verstehen. Im Umfeld von Kollegah und Co stellen die Autoren ein auf Dominanz ausgerichtetes Männlichkeitsbild fest, den sogenannter Maskulinismus. Diese Dominanz richte sich sowohl gegen Frauen wie auch andere Männer, „woraus Subordinantionsversuche, Wettbewerbseifer und Gewalttendenzen“ entstünden. Kurz gesagt: es geht um Alpha-Männer, die für sich eine Führungsrolle in der Welt beanspruchen und sich deshalb über anderen stehend wähnen. Deshalb kommen sogenannte „Disses“ – ritualisierte Beleidigungen – in alle Richtungen vor. Diese richten sich vor allem gegen vermeintlich Schwächere – und damit auch und gerade gegen Frauen, die objektiviert und zum Sexobjekt degradiert werden.

Mit diesen bewusst gewählten Tabu-Brüchen grenzt sich die Subkultur gegen den Mainstream ab. Dieser wiederum echauviert sich kollektiv über den dort herrschenden Chauvinismus und rückversichert sich so seiner eigenen Grenzen. Das Spannungsfeld zwischen Subkultur und Mainstream wird somit für die öffentlichen Aushandlung der Grenzen des Sagbaren genutzt.

Proteste gegen Auftritt von Kollegah in Saarbrücken

Trotz allem: die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat das Album „JBG3“ indiziert. Die Begründung der Prüfer: Zwar komme in den Texten weder eine Verherrlichung oder Verharmlosung der NS-Zeit zum Ausdruck, es sei jedoch aufgrund der „Entwertung der Erinnerung an die Opfer der Verbrechen der Nationalsozialisten bei Kindern und Jugendlichen ein nachhaltiger Empathieverlust zu befürchten“. Weiterhin könnten die Texte „in gesteigertem Maße Einfluss auf die Identitätsbildung“ von Kindern und Jugendlichen nehmen und somit zur „sozialethischen Desorientierung“ beitragen.

Kollegah, mit bürgerlichem Namen Felix Blume, ist derzeit mit seinem aktuellen Album „Monument“ auf Tour und macht am Mittwoch, 11. Dezember, in Saarbrücken Station. Im Vorfeld hatte es öffentliche Proteste gegen den Auftritt gegeben (wir berichteten). Trotz mehrfacher Anfrage vonseiten der Saarbrücker Zeitung wollte das Management von Kollegah keine Stellungnahme abgeben.