Immer weniger Ältere werden beschäftigt

Immer weniger Ältere werden beschäftigt

St. Ingbert/Kirkel. "Die Beschäftigung von Arbeitnehmern über 60 Jahre findet in den Betrieben bislang nicht statt. Folglich gibt es kaum Erfahrungen mit dem Leistungsvermögen eines älteren Arbeitnehmers unter den Leistungsbedingungen eines durchorganisierten und exportorientierten Industriebetriebs der Metall- und Elektroindustrie

St. Ingbert/Kirkel. "Die Beschäftigung von Arbeitnehmern über 60 Jahre findet in den Betrieben bislang nicht statt. Folglich gibt es kaum Erfahrungen mit dem Leistungsvermögen eines älteren Arbeitnehmers unter den Leistungsbedingungen eines durchorganisierten und exportorientierten Industriebetriebs der Metall- und Elektroindustrie."Zu diesem Ergebnis kommt die IG Metall-Verwaltungsstelle Homburg-Saarpfalz in einer neuen Studie, wie Werner Cappel, 1. Bevollmächtigter, und Ralf Reinstädtler, 2. Bevollmächtigter, auf Anfrage unserer Zeitung bestätigen (siehe Grafik). Die IG Metall halte deshalb "an der Kritik in Sachen Rente mit 67 und an der Forderung, diese Gesetzesänderung zurückzunehmen, fest." Die IG Metall Homburg-Saarpfalz will dieses Thema zu einem zentralen Schwerpunkt in diesem Jahr machen.

Konkret seien aktuell 290 Arbeitnehmer (zwei Prozent) in den von der IG Metall betreuten Betrieben der Region beschäftigt, die älter sind als 60 Jahre. Davon seien allerdings 210 in Altersteilzeit. Folglich seien lediglich 80 (0,56 Prozent) Arbeitsplätze derzeit von Arbeitnehmern über 60 Jahre besetzt. Reinstädtler: "Es ist nicht zu erkennen, dass es in der Realität ein Interesse gibt, Arbeitnehmer in diesem Alter im Betrieb zu halten. Die Arbeitnehmer hätten ansonsten nicht in dieser hohen Zahl das Unternehmen vor dem 65. Lebensjahr verlassen."

Schließlich drohten bereits heute Rentenabschläge, und die Rentenhöhe sei ebenfalls für viele ein Problem. Folglich scheidet aus Sicht der IG Metall die Mehrheit der Arbeitnehmer bereits heute vor oder mit 60 Jahren aus der aktiven Arbeit aus, da sie im Betrieb nicht mehr ausreichend mithalten können.

Dem angeblichen Beschäftigungsinteresse älterer Arbeitnehmer widerspreche auch das Verhalten bei Einstellungen. Von 334 Einstellungen (befristet oder unbefristet) im Jahr 2010 waren lediglich drei Menschen (0,9 Prozent) 50 Jahre oder älter. "Ältere Arbeitnehmer haben in Wirklichkeit kaum eine Chance. Das Interesse an älteren Arbeitnehmern ist ein Werbe-Märchen der Arbeitgeber, um die Rente mit 67 zu begründen", meint Werner Cappel.

Der Grund, warum Ältere nicht eingestellt würden, sei simpel: Das Leistungsvermögen älterer Arbeitnehmer sei geringer als das jüngerer Mitarbeiter.Die IG Metall will dies anhand der Anforderungen zur Erlangung des Sportabzeichens festmachen und hat deshalb einen Vergleich zwischen Arbeitnehmer-Leistung und Leistung fürs Sportabzeichen gezogen. Demnach haben Menschen ab 60 Jahre ein 25- bis 35-prozentiges geringeres Leistungsvermögen. Außerdem sind ältere Menschen häufiger krank.

Die Fehlzeiten ab 60 liegen bei dem Vierfachen eines jungen Arbeitnehmers. Längere Fehlzeiten bedeuten höhere Kosten. Schicht- und insbesondere Nachtschichtarbeit sind bei vielen Erkrankungen ausgeschlossen. Realistisch betrachtet: Rente mit 67 bedeutet, dass künftig in den Betrieben in unserer Region über 2100 Arbeitsplätze für 60-Jährige (und älter) bereit gestellt werden müssten.

Dies wirft Fragen auf: Soll man eine Fertigungsanlage nur mit jungen, eine andere nur mit mittleren und eine nur mit älteren Jahrgängen besetzten? Wie wirkt sich dies auf die Produktivität der Fabrik aus, auf Kosten und Konkurrenzfähigkeit? Müssen ältere Mitarbeiter besonders geschützt werden? Zum Beispiel durch ein Altersarbeitsschutzgesetz, ähnlich dem Jugendarbeitsschutzgesetz? Braucht es eine verpflichtende Quote zur Neueinstellung älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

"Wir werden weiter die Betriebe über ihrer Betriebsräte mit der Forderung konfrontieren, Arbeitsplätze für über 60-Jährige zu zertifizieren", sagen die beiden Gewerkschafter aus Homburg. Und fügen an: "Eine längere Lebenserwartung bedeutet auch aus medizinischer Sicht nicht automatisch, dass man auch länger arbeiten kann."

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