Ein Kindersoldat erinnert sich: „Im Saarland merkte ich, was Freiheit bedeutet“

Ein Kindersoldat erinnert sich : „Im Saarland merkte ich, was Freiheit bedeutet“

Der Volkstrauertag am 19. November erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaftaller Nationen. Die Erinnerung wachhalten möchte auch Günter Georgi aus Heusweiler. Als 16-Jähriger wurde er in die Wehrmacht eingezogen und musste miterleben, wie Freunde im Krieg starben. Von seinem Leben erzählt der 89-Jährige heute noch Schülern.

Noch heute, über 70 Jahre später, kann sich Günter Georgi detailliert an seine Zeit als Kindersoldat erinnern und offen darüber sprechen. Die „Deutsche Gesellschaft“, ein überparteilicher Bürgerverein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa hat den Wahl-Saarländer daher für ihr Projekt „Wohin führt Fanatismus? Kindersoldaten damals und heute“ als Zeitzeugen ausgewählt. In seiner früheren Heimat, der Niederlausitz, und im Saarland besucht Georgi Schulklassen, vermittelt so einen Eindruck von der schwierigen Zeit und beantwortet Fragen.

Ob er die NS-Propaganda geglaubt habe, wonach der Krieg noch zu gewinnen wäre und Deutschland wirklich „Lebensraum im Osten“ brauchte? Georgi zuckt mit den Schultern: „Ich habe mir gar nicht so große Gedanken gemacht.“ Doch als er auf einem verbotenen englischen Flugblatt liest, dass Hitler-Deutschland am Ende sei, sei er nachdenklich geworden. „Da habe ich das schon eher geglaubt“.Und von der Judenvernichtung? „Von den Konzentrationslagern hatte ich nichts gehört, obwohl ich nach dem Krieg erfahren habe, dass es kleinere Lager selbst bei uns in der Nähe gegeben hat“, sagt Georgi. Umso mehr hätten ihn nach dem Krieg die Zeitungsberichte über Gräueltaten und die Verbrechen an den Juden beschäftigt: „Da beschloss ich, dass ich daran mitwirken will, ein besseres, demokratisches Deutschland aufzubauen.“

Günter Georgi am 26.10.2017 in Heusweiler-Niedersalbach. Er hält "Das große Künstlerlexikon der Saar-Region", in das er aufgenommen wurde. Foto: Ute Kirch

Dazu sollen auch seine Schulbesuche beitragen. Er hat seine Geschichte schon unzählige Male erzählt, doch noch immer schwingt Trauer in seiner Stimme mit, wenn er sich erinnert, wie sein bester Freund am 15. Februar 1945 bei schweren Luftangriffen auf Cottbus starb und er anschließend verkohlte Leichen in einen Keller räumen musste. Auch das Schicksal eines Oberfunkers, der ihm in Dänemark begegnete, lässt ihn bis heute nicht ruhen. Noch bevor seine Einheit an die Front verlegt werden konnte, war der Krieg aus. „Dieser Oberfunker, Vater von zwei kleinen Kindern, sagte zu uns: ,Es brechen nun neue Zeiten an’. Das war sein Todesurteil“, erinnert sich Georgi. Noch immer gab die Wehrmacht die Befehle. Der Mann wurde inhaftiert und hörte den Offizier vom „Umlegen dieses Lumpen“ sprechen. Bei einem „Fluchtversuch“ wurde er erschossen. Mit zwei Kameraden musste der 16-Jährige den Toten begraben. „Die Anweisung des Offiziers lautete: Das Schwein ehrlos verscharren.“ Also gruben sie ein Loch, auch die Brieftasche mussten sie begraben. Daher kennt Georgi nicht einmal den Namen des Toten. Noch vor wenigen Monaten hat er den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) angefragt, doch die Information ist zu dürftig, um ihn zu identifizieren und so seinen Verwandten die Nachricht über seinen Tod geben zu können.

Nach Kriegsende kommt Georgi in ein britisches Internierungslager in Büsum, wird aber als Landhelfer entlassen. „Doch da ich weder melken, anspannen noch pflügen konnte, wollte mich kein Bauer.“ Also macht er sich auf dem Weg in die Lausitz, als ihm, der außer der Uniform keine Kleidung besaß, in Finsterwalde ein Rotarmist mit Maschinengewehr stoppt. „Du kommen auf Kommandantur und melden. Du wie alt?“ Mit Fingersprache zeigte er: 16 Jahre. Darauf habe der Russe geantwortet: „Du nicht melden bei Kommandantur, du gehen zu Mama.“ „Der Mann hat richtig Schicksal gespielt“, sagt Georgi und klingt fast ungläubig. Erst später erfuhr er, dass alle Soldaten, die sich gemeldet hatten, als Kriegsgefangene nach Russland kamen. „Vielleicht hätte ich das nicht überlebt“, mutmaßt er heute.

Günter Georgi am 26.10.2017 in Heusweiler-Niedersalbach. Foto: Ute Kirch

Zurück in Senftenberg lernt er den Beruf des Gesundheitsfürsorgers und impft fortan Schulkinder gegen Tuberkulose. In seiner Freizeit hat er Auftritte als Humorist und Conférencier. Im Dezember 1957 bitten ihn Freunde im Gesellschaftshaus um eine Parodie auf Hitler und Goebbels. „Die habe ich lächerlich gemacht, alle haben gelacht“, erinnert sich Georgi. Den Wunsch, auch den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, zu imitieren, habe er mit den Worten; „Nein, das würde mich zwei Jahre Gefängnis kosten“ abgelehnt. Doch ein Gast zeigt ihn bei der Polizei an: „Georgi verherrlicht den Faschismus.“ Er wird entlassen und erhält Schreibverbot. Der junge Familienvater – seine Frau Hildegard und er heirateten 1949 und bekommen zwei Buben – findet nur noch Hilfsarbeiterjobs. Am 30. Juni 1958 kommt er für 100 Tage wegen „staatsgefährdender Propaganda und Hetze“ in die Untersuchungs-Haftanstalt Senftenberg. Doch weil der Hauptbelastungszeuge in den Westen flieht, und somit nicht genügend Beweise vorliegen, wird Günter Georgi letztendlich freigesprochen.

In seinem Hobbykeller hat Günter Georgi zahlreiche Erinnerungen und Urkunden für seine Fotos aufgehängt. Hier zeigt er auf ein Foto mit Schülern in Altdöbern, denen er von seiner Zeit als Kindersoldat erzählt hat. Foto: Ute Kirch

Eine Rückkehr zum Gesundheitsamt und in die Sparkasse verbietet die DDR-Staatspartei SED. Erst dann beschließt die Familie, politisches Asyl in der Bundesrepublik zu beantragen. So kommt die Familie ins Saarland, wo Georgi wieder bei Bankinstituten arbeitet. Daneben schreibt er als Sport­reporter Artikel und Bücher, reist in 92 Länder und organisiert als passionierter Fotograf 237 Fotoausstellungen mit seinen Bildern, was ihm drei Einträge ins Guinessbuch der Rekorde verschafft. „Ich habe es nie bereut, ins Saarland gekommen zu sein“, sagt Georgi. „Ich bin sehr dankbar für die gute Aufnahme hier. Im Saarland merkte ich, was Freiheit bedeutet.“

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