1. Saarland

"Ich hab ziemliches Lampenfieber"

"Ich hab ziemliches Lampenfieber"

St. Wendel. "Grüß Gott, ich bin da. Ich freue mich sehr auf St. Wendel." Mit diesen Worten betritt ein älterer Herr, auf einen Gehstock gestützt, die Stadt- und Kreisbibliothek im Mia-Münster-Haus in St. Wendel

St. Wendel. "Grüß Gott, ich bin da. Ich freue mich sehr auf St. Wendel." Mit diesen Worten betritt ein älterer Herr, auf einen Gehstock gestützt, die Stadt- und Kreisbibliothek im Mia-Münster-Haus in St. Wendel. Das Publikum im voll besetzten Saal applaudiert einem Mann, den vielleicht auf der Straße niemand erkennen würde, der aber Musikgrößen wie Mick Jagger, Bruce Springsteen oder Udo Lindenberg zu seinen engsten Freunden zählt. Denn Fritz Rau arbeitete 50 Jahre lang hinter den Kulissen, überließ anderen den Glanz und den Ruhm auf der Bühne. "Ehrlich gesagt, hab ich sogar ziemliches Lampenfieber", gesteht er, als er sich ans Pult setzt, um seine Lesung zu beginnen. Bei den 19. Jazztage in St. Wendel präsentiert der "Pate des Rock 'n' Roll", wie ihn Mick Jagger, der Frontmann der Rolling Stones, nennt, seine 2005 erschienen Biografie "50 Jahre Backstage". Zur musikalischen Unterstützung hat er seinen Freund Jürgen Schwaab mitgebracht. Und der spielt zu jedem Abschnitt, den der Promoter aus seinem Buch vorliest, den passenden Song auf der Gitarre.Fritz Rau wurde 1930 in Pforzheim geboren. Mit Jugenderinnerungen beginnt auch seine Biografie. Darin erklärt er, was es hieß, von der NS-Propaganda geblendet zu werden. Aber der Swing, so sagt er, diese "unglaublich starke Musik", habe ihn damals zur richtigen Zeit "entnazifiziert". Damit seien sein Interesse an der Musik und sein Wille geweckt worden, die großen amerikanischen Blues- und Jazzmusiker nach Deutschland zu holen. Rau wandelt während der Lesung auf den Spuren seiner Vergangenheit und schmückt diese oft mit selbstironischen und humorvollen Anekdoten aus. "Ich musste in Heidelberg sämtliche Bäcker und Metzger erpressen, damit sie meine Konzertkarten in ihren Geschäften verkauften", berichtet er. Und auch der berühmte Jimi Hendrix durfte nur mit der ausdrücklichen Erlaubnis von Raus Frau in dessen Haus eingeladen werden. Rau hat wohl Hunderte solcher Geschichten erlebt, doch anscheinend blieb er, trotz der Nähe zu den Stars, immer bodenständig und zielstrebig.Gemeinsam mit Horst Lippmann veranstaltete er die "American Folk Blues Festivals", die amerikanischen Musikern halfen, hier in Europa Fuß zu fassen. Auch habe ihm bei seiner Arbeit der Kampf gegen den Rassismus und die Rassendiskriminierung immer am Herzen gelegen. "Musik, egal welcher Art, kennt weder Schwarz noch Weiß!", ruft er mit erhobener Faust. Rau sieht sich nicht als eine Figur des Showbusiness, sondern als jemand, der über Jahrzehnte hinweg die Fäden zog. Deshalb kommt er absolut authentisch und unverfälscht rüber. Wer in seinem Buch Drogenexzesse und Bettgeschichten der großen Stars sucht, wird enttäuscht. "Das überlassen wir diesen Halbgaren von Paris bis rüber zum Hilton", sagt er schmunzelnd. Ihm gehe es um die Musik und "das Gefühl der damaligen Zeit". Und bei jedem Lied, das Jürgen Schwaab aus der alten Zeit vorträgt, wippt der Fuß des Mannes mit. 50 Jahre Backstage, Fritz Rau, Erinnerungen eines Konzertveranstalters, 304 Seiten, 24 Fototafeln, Palmyra Verlag, 2005, ISBN 3-930378-65-5, 19,90 Euro.