,,Ich bin auf dem Bau groß geworden”

,,Ich bin auf dem Bau groß geworden”

Astrid Hilt ist zugleich Handwerkerin und Künstlerin. Wie sie zu diesem Beruf kam, berichtete sie in der Frauengenderbibliothek.

Ihre typischen Werkzeuge sind Hammer und Meißel. Aber auch mit Presslufthämmern, Flex oder Kettensäge kann sie umgehen. Als "Bildhauerin im Handwerk" , nicht zu verwechseln mit einem Steinmetz, zählt Astrid Hilt noch immer zu den "Frauen in außergewöhnlichen Berufen". Deshalb bat die Frauengenderbibliothek die gebürtige Ihnerin (bei Saarlouis) jetzt, sich mit ihrem Beruf in der gleichnamigen Veranstaltungsreihe in Saarbrücken vorzustellen.

Es ist ein vielfältiger Beruf, der handwerkliches Können und Kunst vereinigt, lernten kürzlich die rund 20 Zuhörerinnen während des Vortrags. Im eigenen Betrieb, den Hilt 2010 als Meisterin zusammen mit ihrem Mann in Limbach gründete, fertigt sie individuell gestaltete Grabmale an, macht Restaurierungen und Skulpturen im Auftrag von Kunden. Anders als Steinmetze arbeiten Bildhauer und eben auch Bildhauerinnen nicht nach Schablonen, sondern nach Skizzen und Modellen oder machen freie Arbeiten, erklärt die gelernte Meisterin. Um dem Publikum auch visuelle Eindrücke ihres Könnens zu vermitteln, hatte die Frauengenderbibliothek einen Laptop und einen Beamer aufgestellt. So konnten die Zuhörerinnen etwa die reichhaltig geschmückten Fassaden aus der Burbacher Hochstraße und am Landwehrplatz bewundern, die Hilt mit ihren Kollegen restaurierte.

Wenn in einen defekten Stein ein Stück eingesetzt werden müsse, komme es auf äußerste Passgenauigkeit an, erklärt Hilt. Doch genau solche kniffligen Aufgaben mag sie. Gleichzeitig liebt sie es, möglichst frei zu arbeiten. "Ich sträube mich immer, zu viel Zeit in Modelle zu investieren", sagt Astrid Hilt. Denn die endgültige Form in allen Details entwickele sie lieber bei der Arbeit am Stein selbst. Sie bevorzuge dabei regionale Natursteine, bearbeite Marmor, Granit, Sandstein oder Kalkstein, der belgische Kalkstein sei ihr Favorit, erläutert Hilt den Zuhörerinnen, die neugierig nachfragen.

Zu den Aufträgen, mit denen sich Kunden an Hilt und ihren Betrieb wenden, gehören neben der Herstellung von Brunnen, Brunnenfiguren auch schon mal so verblüffende wie die Nachbildung eines Autos. Hilt beamte das Bild eines Opel Rekord P1, den man sich ins Regal stellen kann, an die Leinwand. Auch als sie auf einer Baustelle mal jemand ungläubig fragte: "He, kannst Du mir den Bagger in Sandstein machen?", sagte Hilt sofort: "Na, klar!". Dafür habe ihr die Firma dann jeden Abend den Originalbagger als Modell vor die Tür gefahren, erzählt sie lachend.

Akzeptanzprobleme in der Männerwelt, die Baustellen noch immer sind, kennt Hilt nicht. "Mein Vater hat einen Stuckateurbetrieb, auf dem Bau bin ich quasi groß geworden, und ich hab mir auch immer ganz gern etwas in Papas Betrieb dazuverdient", erzählt Hilt der SZ.

Auf die Idee, einen Handwerksberuf zu ergreifen, kam sie trotzdem erst über Umwege. "Ich war der Meinung, dass das zu schwer wäre für ein Mädchen", sagt Hilt. Erst wollte sie Bauzeichnerin werden. Beim Praktikum aber merkte sie: "Acht Stunden im Büro sitzen geht gar nicht." Bei einer Party traf sie einen Gast, der ihr von seinem Beruf als "Bildhauer im Handwerk" erzählte. Sie wurde neugierig, machte ein Praktikum und dann gleich die Lehre. "In der Ausbildung waren wir zwei Frauen neben acht Männern aus dem ganzen Saarland", erinnert sie sich. Lange Zeit, so Hilt, habe sie sich nur als Handwerkerin gesehen. Inzwischen ist aber auch die Künstlerin in ihr erwacht. Mit wachsendem Selbstbewusstsein kreiert sie freie, meist figürliche Skulpturen.

Den entscheidenden Schub dafür erhielt Hilt durch die Arbeit mit Flüchtlingen, bei der sie die syrische bildende Künstlerin Reham Al-Nojoom kennen lernte. Gemeinsam mit Al-Nojoom nahm Hilt an der Gruppenausstellung "Dialog der Kulturen" teil, die erst im Saarland, dann in Berlin gezeigt wurde. Ohne Al-Nojoom hätte sie nie den Mut dazu gehabt, so weit zu gehen, erklärt Hilt mit leuchtenden Augen. Gemeinsam aber hatten sie sogar schon eine Schau in Paris.

Zum Thema:

Frauen mit außergewöhnlichen Berufen heißt die Veranstaltungsreihe der Frauengenderbibliothek. Neben der Steinbildhauerin Astrid Hilt war bereits die Meeresbiologin Frauke Bagusche zu Gast. Am Montag, 10. April, 18.30 Uhr, ist die Industriekletterin Pamina Thelen an der Reihe, von ihrem Beruf zu erzählen. Das Gespräch moderiert Petra Stein, Mitarbeiterin der Frauengenderbibliothek. Mehr Informationen gibt es in der Frauengenderbibliothek Saar, Großherzog-Friedrich-Str. 111 in Saarbrücken. Tel. (0681) 9 38 80 23. frauengenderbibliothek- saar.de

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