Ian McEwan Maschinen wie ich erscheint

Neuer Roman : Das perfekte Sex-Leben des Robotermannes

Ian McEwans neuer Roman „Maschinen wie ich“ beschreibt sehr unterhaltsam die Lust und Last Künstlicher Intelligenz.

Die Liebe zwischen Menschen und Maschinen gehören zu den ältesten Fantasmen der Literatur; namentlich attraktive Androidinnen gehören zum Repertoire von alten Mythen und neuen Hollywood-Blockbustern. Der englische Autor Ian McEwan steht nicht eben im Verdacht, ein Freund schlüpfriger Sciencefiction zu sein. Er machte sich einen Namen mit morbiden Familienaufstellungen, schaffte mit seinem klassischen Meisterwerk „Abbitte“ den Durchbruch und beackerte zuletzt eher spröde juristische und moralphilosophische Themen wie Sorgerecht („Kindeswohl“) oder erneuerbare Energien („Solar“). Jetzt erweckt McEwan ein anderes aktuelles Thema zu literarischem Leben: Künstliche Intelligenz, smarte Helferlein, die schon bald Tisch und Bett mit uns teilen und uns rüde verdrängen.

Adam ist einer von 25 Androiden der ersten Generation, ein Wunderwerk von Prozessoren, Schaltkreisen und Algorithmen im durchaus ansehnlichen Körper eines muskulösen türkischen Hafenarbeiters. Charlie, ein gescheiterter Student der Anthropologie, kauft sich mit seinem letzten Geld so einen Adam. Die Investition zahlt sich aus: Der Android macht sich als Putzmann, Highspeed-Trader und kluger Gesprächspartner nützlich. Er kann nicht nur blechfrei über Quantenphysik oder Shakespeare dozieren, Geschirr spülen und kochen, sondern auch mitfühlen, Haikus im Akkord dichten und sogar Witze machen. Wie fast jeder Roboterknecht lernt auch Adam ständig dazu und wächst seinem Zauberlehrling mehr und mehr über den Kopf. Selbst Charlies Freundin Miranda erliegt vorübergehend Adams Liebestechnik wie aus dem Lehrbuch. Seinem Herrn zuliebe, der nicht gern von einem Androiden gehörnt werden will, dimmt er sein Begehren rasch auf maschinelle Masturbation und Lyrik herunter. Aber er bleibt eine stete Bedrohung. Als Charlie seinen Rivalen zum Herunterkühlen ausschalten will, bricht der ihm die Hand.

Gefährlicher noch als Adams Kraft, Wissen und Eifersucht ist sein moralischer Furor. Der Roboter mag für Miranda nur ein „zweibeiniger Vibrator“ sein, aber er begreift sich als Edelmensch, dessen Wahrheitsliebe keine Kompromisse duldet. Menschen kennen und schätzen die kleinen Notlügen, Widersprüche und Hintertürchen, mit denen sie sich durchs Leben mogeln (und womöglich Kunst schaffen), Adam rechnet und denkt, sogar wenn er liebt. Er kennt nur Null oder Eins, wo wir auch mal alle Fünfe gerade sein lassen, und das führt zu lustigen Mißverständnissen und ernsthaften Verwicklungen. Mirandas Vater zum Beispiel, ein zynischer Intellektueller alter Schule, hält den jungen Mann, der so souverän über neuere Hamlet-Deutungen plaudert, naturgemäß für einen Menschen. Charlie, ohnehin bildungsfern, macht gute Miene zum bösen Spiel und mimt die geistlose Maschine, die zum Aufladen ihrer Batterien in den Keller muss.

Die Pointe von McEwans Mensch-Maschinen aber liegt in ihrer asynchronen Chronologie. Der Roman spielt nicht etwa in der Zukunft, sondern in einer verfremdeten Vergangenheit Mitte der 1980er Jahre. Maggie Thatcher hat soeben den Falkland-Krieg verloren und kämpft jetzt um die Macht gegen Tony Benn, den Star der Labour-Linken; John Lennon lebt noch und zelebriert mit einer Kitsch-LP die Reunion der Beatles. Auch Alan Turing lebt noch. Der geniale Tüftler, der mit seinem „Turing-Test“ die Grenzen künstlicher Intelligenz definierte, nahm sich nicht 1954 das Leben: Quicklebendig und als Zukunftsorakel verehrt wie Steve Jobs und Stephen Hawking, hat er vielmehr das legendäre „P-NP-Problem“ gelöst und das Adam-Projekt initiiert. Der Vater der ersten funktionsfähigen Androiden registriert mit Trauer und Schmerz, dass seine Kinder in der Menschenwelt nicht zurechtkommen. Zwei Eves begingen in Saudi-Arabien schon gemeinschaftlich Suizid, andere schalteten sich einfach ab oder fuhren ihre Leistungskapazität freiwillig herunter. „Sie konnten uns nicht verstehen, weil wir uns selbst nicht verstehen“, klagt Turing.

Charlies Adam freilich zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen; womöglich rettet ihn die Liebe vor der „Maschinentraurigkeit“, der Melancholie des perfekten Pseudo-Lebens. Am Ende muss Charlie ihn brutal von hinten erschlagen. „Es geht um Maschinen wie ich und Menschen wie ihr, unsere gemeinsame Zukunft“, röchelt Adam sterbend. „Um die Trauer, die kommt ... wir werden euch übertreffen … und überdauern … auch wenn wir euch lieben“. Die Ermordung des Androiden ist fast so bewegend wie ein Kindsmord, und in gewisser Weise ist Adam ja auch ein Kind: Charlie und Miranda haben ihn an Kindes statt aufgenommen, gemeinsam konfiguriert, lieb gewonnen und zu dem gemacht, was er ist.

Nicht nur hier schimmert unter dem Fleisch und Blut einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung die letztlich doch mechanisch-elektronische Konstruktion durch. „Maschinen wie ich“ ist ein unterhaltsamer Roman über Lust und Last Künstlicher Intelligenz, mal tragisch, mal verzweifelt komisch wie das Leben. Aber so nüchtern und enzyklopädisch umfassend wie McEwan Freundschaft und Liebe, juristische Probleme und moralische Inkompatibilitäten zwischen Mensch und Maschine erörtert, rattert und knirscht es doch immer wieder im Getriebe. Indem er alle möglichen Aspekte Künstlicher Intelligenz vom autonomen Fahren bis zum virtuellen Sex moralphilosophisch, technisch und politisch durchdekliniert, bekommt das Menschliche selber etwas Schematisches, Maschinenhaftes.

Umso mehr nimmt sich McEwan die Freiheit zu literarischen Selbstreflexionen und launigen Polit-Satiren. Als Schöpfer einer kontrafaktischen Retro-Zukunft, als Brexit-Kritiker, Algorithmen-Skeptiker und Androiden-Programmierer darf er zu unserem Vergnügen auch mal Gott oder wenigstens Alan Turing spielen. Roboter, lernen wir, können alles, sogar fantastischen Sex. Aber keinen Roman wie diesen schreiben: Mc Ewan zufolge besteht die Freiheit des Menschen darin, auch Fehler machen zu dürfen: Einmal nicht schreiben können und nichts lesen wollen, nur absichtslos spielen wie ein Kind.

Ian McEwan: „Maschinen wie ich und Menschen wie ihr“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag Zürich, 404 S., 25 Euro.

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