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Flüchtlingsschicksal
Familie aus Syrien hat eine neue Heimat

Abdullah Kafli, hier auf einem Archivfoto, mit seinem Sohn Rondar und seiner Tocher Rosel, musste mit seiner Frau Midia Belal und den Kindern aus Syrien fliehen. Heute leben sie in Schwarzenacker. Sie sind ein Beispiel für eine gelungenen Integration.
Abdullah Kafli, hier auf einem Archivfoto, mit seinem Sohn Rondar und seiner Tocher Rosel, musste mit seiner Frau Midia Belal und den Kindern aus Syrien fliehen. Heute leben sie in Schwarzenacker. Sie sind ein Beispiel für eine gelungenen Integration. FOTO: Abdullah Kafli-Belal
Homburg. Ein Ankommen der besonderen Art: Abdullah Kafli ist mit seiner Frau und den Kindern aus Syrien geflohen. Viele Höhen und Tiefen mussten sie durchleben. Auch Adullah Kafli hat nun einen Job beim ASB-Projekt „Essen auf Rädern“. Von Jürgen Neumann

Advent heißt Ankommen. Es bedeutet aber auch Stille, Abwarten, zur Ruhe kommen und Besinnen. Angekommen ist mittlerweile die syrische Familie Kafli-Belal bei uns. Bis es soweit war, gab es Höhen und Tiefen.


Tote Kinder, tote Frauen, tote Männer. Zerstörte Häuser und Wohnungen. Aufgerissene Straßen und Ruinen. So sieht die einst blühende Stadt Aleppo in Syrien heute aus. Dieses Szenario kennt die Familie. Nach einem schweren Bombenangriff ergriff die Familie Kafli-Belal die Flucht (wir berichteten).

„Bis zum Jahr 2011 konnten wir in Syrien gut leben“, sagte Abdullah Kafli vor zwei Jahren bei einem Gespräch in seiner Wohnung in Schwarzenacker. „Dann brach der Krieg aus“, fügte der heute 52-jährige Zahnarzt hinzu. Seine Geschichte mit Frau Midia Belal (36), einer gelernten Bankkauffrau, und den Kindern, dem 13-jährigen Rondar und der 12-jährigen Rosel, ist keine Allerweltsgeschichte, sie ist hautnah, sie ist authentisch. Flüchtlingsschicksal.



Sie sind Kurden und keine gläubigen Muslime. Sie sind Aleviten. Bis zu ihrer Flucht lebte das Ehepaar im kurdischen Stadtteil Efrin in Aleppo. Abdullah hatte Zahnmedizin in St. Petersburg studiert und dann mit einem Kollegen gemeinsam in einer Praxis gearbeitet. Seine Frau Midia arbeitete im Finanzbereich bei einem großen Mobilfunkunternehmen – in Zeiten der modernen Kommunikationsmittel ein guter Job. Die Kinder wachsen gut behütet in der Großfamilie auf.

Dann ändert sich nach und nach ihr Alltag: Demonstrationen, Aufstände, Schüsse, Bomben, Krieg folgen. Nach einem schweren Bombardement, das auch Teile der Wohnhäuser und die Zahnarztpraxis trifft, beschließt die Familie Kafli-Belal zu fliehen. Sie verkauft alles, was sie hat, um zu überleben.

Damals sagte Abdullah Kafli: „Wir wollen nicht über Politik reden. Aber eins ist sicher, hätten keine Mächte von außen in Syrien eingegriffen, wäre Präsident Assad kein Präsident mehr. Alle Menschen, die damals in Syrien lebten, hätten ihre eigene Lösung gesucht und auch gefunden.“ Dies gilt auch noch heute.

Zurück zur Flucht. Aus der einstigen glücklichen Familie werdenFlüchtlinge, Heimatlose, Zerrissene. Unweit der Stadt Gaziantep gelangen sie mit anderen Menschen aus Syrien in die Türkei. Sie sind müde, übermüdet, hungrig. Sie bleiben standhaft. Ihr Wille ist viel stärker als gedacht. Sie kommen als Menschen an der Grenze an ihre Grenzen.

Mit dem Bus fahren sie von Südost-Anatolien durch die Türkei nach Istanbul. Abdullah, Midia, Rondar und Rosel halten zusammen. Unterwegs machen sich aber schon Gedanken, wie es weitergeht. Ihr wichtigstes Ziel: „Die Kinder mussten in Sicherheit gebracht werden.“

In der türkischen Metropole am Bosporus müssen sie zwei Monate wegen Formalitäten ausharren. „Dort haben wir uns entschlossen, uns zu trennen“, sagt Midia Belala, die Flugangst hat, und ihr Ehemann Abdullah bekommt einen traurigen Blick. Es ist der 20. September 2014.

Abdullah und die Kinder kommen mit dem Flugzeug nach Deutschland. Am 23. September ist er im Aufnahmelager Lebach. Sein Glück: Seine Schwester Nesreen wohnt bereits im Saarpfalz-Kreis; dort kommt er vorerst unter. Seine Frau Midia wählte den Landweg. In Istanbul schließt sie sich mit Hilfe eines Netzwerkes an eine Gruppe von 50 Menschen an. Ein Bus brachte sie zur Grenze bei Edirne, dann teilte man sich in Fünfergruppen auf, teils zu Fuß, teils mit dem Bus. „Es ging durch Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich. Geschlafen wurde im Freien“, erzählt Midia, die nicht über weitere Details ihrer Flucht reden will. Am 14. Oktober ist sie in Lebach. Sie sieht ihren Mann und ihre Kinder wieder. Eine Wohnung bekommen sie in der Turmstraße in Altstadt und sie treffen dort auf einen Mann, der ihnen von da an mit Rat und Tat zur Seite steht: Gerd Imsbweiler.

Der Limbacher – ein bekannter früherer Kommunalpolitiker, einstiger Gymnasiallehrer und aktiver Heimathistoriker – hilft ihnen aus der Wohnung in Altstadt heraus. Imbsweiler sagte damals: „Von Wohnung konnte man nur schwerlich reden.“ Die Bürokratie wird allerorten zu einer hohen Hürde. Imbsweiler kam schon vor zwei Jahren ins Erzählen: „Beide sind hochqualifiziert und bekommen keine Arbeit.“ Sie absolvieren die geforderten Sprachkurse, Abdullah in Saarlouis, Midia im Frauenbüro in Homburg . Das Bundesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin fordert immer mehr Dokumente an. Abdullah, der schon mehr als 20 Jahre als Zahnarzt praktizierte, soll nochmals eine Fachprüfung ablegen. Abdullah: „Die Bürokratie in Deutschland ist nicht einfach.“ Wenn jemand Zahnschmerzen habe, dann seien die Schmerzen überall auf der Welt gleich. Die Zahnarztkammer stellt hohe Anforderungen. Abdullah und Midia besorgen sich ihre Dokumente, die ihnen ihre Ausbildungsgänge und ihre Prüfungen bescheinigen – „in Arabisch und in Deutsch“, wie Imbsweiler erklärt. Bei einem kurdischen Zahnarzt in Berlin hätte Abdullah sofort anfangen können zu arbeiten – aber die Hürden waren zu hoch. Gerd Imbsweiler fügt an: „Sie haben gelernt zu lernen und werden daher, so die allgemeine Erfahrung, die Fähigkeit und die Energie aufbringen, sich so beruflich einzubringen, um mit den Gegebenheiten – sozial, politisch, wirtschaftlich – zurechtzukommen.“

Imbsweiler hilft ihnen auch heute noch, wenn sie ihn brauchen: Abdullah: „Er ist ein Glücksfall für uns.“ Die Kinder, die seit ihrer Flucht nicht mehr arabisch oder kurdisch sprachen, haben es mittlerweile leichter. „Für die Kinder, die zunächst die Grundschule Limbach besuchten, war das anfangs schwierig“, sagt Imbsweiler heute. Es fehlten an der Schule die Sprachvermittler, aber bald hatten sie sich eingelebt. Rondar besucht nun das Mannlich-Gymnasium, demnächst auch Rosel. Midia hat nach einem Praktikum jetzt eine Stelle bei der VR Bank Saarpfalz.

Abdullahs Ziel als Zahnarzt wieder zu praktizieren, war bisher erfolglos. Das Herumsitzen zu Hause hat ihn frustriert, also hat er jüngst bei dem Angebot, an dem ASB-Projekt „Essen auf Rädern“ teilzunehmen, zugegriffen. Seine Aufgabe: Er wird einer derjenigen sein, der den 150 Menschen aus Homburg und Kirkel, die sich nicht selbst versorgen können, aber zu Hause bleiben möchten, täglich eine warme Mahlzeit ausfahren, zubereitet von der Küche des Limbacher ASB-Seniorenheims.

Die Kaflis haben es offenbar geschafft, in einem fremden Land heimisch zu werden. Auch Dank solcher Menschen wie Gerd Imbsweiler aus Limbach oder Ute Fischer aus Schwarzenacker, die auch bei der Familie vorbeischaut. Bei unserem ersten Gespräch im Jahr 2016 sagte Rosel: „Mein Name bedeutet Sonnenscheibe“, und Rondar fügt hinzu: „Mein Name heißt Sonnenschein.“ Beim Verlassen der Familie schien damals über die Sonne – sie scheint im Jahr 2018 immer noch, auch im trüben Winter.