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BBZ
Jeder Einzelne trägt Verantwortung

Gedenken an Willi Graf: Raghad Fansa Kelabi liest aus dem fünften Flugblatt der „Weißen Rose“.
Gedenken an Willi Graf: Raghad Fansa Kelabi liest aus dem fünften Flugblatt der „Weißen Rose“. FOTO: Selina Summer
St. Ingbert. Das Berufsbildungszentrum (BBZ) St. Ingbert veranstaltete zum 75. Todestag Willi Grafs eine Gedenkfeier für ihren Namensgeber, der nun auch seliggesprochen werden soll. Von Selina Carolin Summer

„Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung!“ Dieses Zitat Willi Grafs stand im Mittelpunkt der Gedenkfeier für den Widerstandskämpfers am BBZ St. Ingbert, das auch den Namen Willi-Grafe-Schule trägt. Vor 75 Jahren starb Willi Graf. Am 12. Oktober wurde der Angehörige der katholischen Jugendbewegung und Mitglied der „Weißen Rose“ in München-Stadelheim hingerichtet. Dafür, dass er sich gegen das NS-Regime auflehnte und darum kämpfte, die Bevölkerung wachzurütteln. Von 1922 an lebte der gebürtige Rheinländer im Saarland. Hier verbrachte er seine Kindheit, ging zur Schule und schrieb sein Abitur am Ludwigsgymnasium. Und hier diente er auch als Messdiener. Er gehörte zum Bund Neudeutschland, den katholischen Verband für Jungen höherer Schulen, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verboten wurde. Außerdem trat er dem Grauen Orden bei, einem katholischen Jugendbund, der ebenfalls gegen die Diktatur Hitlers stand. Er verweigerte den Beitritt zur Hitler-Jugend, trotz aller angedrohter Konsequenzen und ausgeübtem Druck. Zur Wehrmacht einbezogen wurde Willi Graf trotzdem. Als Sanitäter tat er an vielen Kriegsschauplätzen Dienst. Er erlebte das Leid und diese Erfahrung bestärkte ihn in der Ansicht, etwas tun zu müssen. Als er 1942 mit seiner Studentenkompanie nach München geschickt wurde, schloss er sich dort der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ an. Flugblätter, Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, Parolen gegen Hitler an Hauswänden und Maueraufschriften. Gemeinsam mit Gleichgesinnten kämpfte er für das, was er für richtig hielt: Demokratie und Freiheit. Daran änderte auch die wochenlange Haft nichts.


Die Gedenkfeier in der nach ihm benannten Schule war allerdings nicht nur ein Rückblick zur Ehrung seiner Taten. Sie rief den Schülern genauso in Erinnerung, dass der aktuell herrschende Frieden nicht als selbstverständlich zu sehen ist. In einem waren sich die Redner an diesem Tag, darunter Landrat Theophil Gallo, Landtagspräsident Stephan Toscani und Finanzstaatssekretär Ulli Meyer, einig: „Heute tragen wir die Verantwortung.“ So schlug Gallo in seiner Rede den Bogen direkt zur aktuellen Politik: „Da kann man nicht länger zuschauen. Wir dürfen nicht so werden, wie andere vor uns es waren.“ Es sei wichtig, kleine Dinge nicht groß werden zu lassen und kleinen Widerstand zu leisten, damit der große nicht notwendig wird. „Demokratie und Freiheit sind wichtig. Wir haben heute die Möglichkeit den Mund aufzumachen“, sagte auch Stephan Toscani. Für seine Verdienste soll Willi Graf nun seliggesprochen werden. Der zuständige Postulator des Erzbistums München Freising, Johannes Modesto, reiste extra an, um ebenfalls eine Festansprache bei der Feierlichkeit zu halten. Ebenso gab er einen Exkurs darüber, wie komplex und aufwändig ein solcher Prozess ist. Die verschiedenen Phasen laufen bereits, bis zur endgültigen Seligsprechung Grafs werde es aber noch etwa vier bis fünf Jahre dauern. Neben der Untersuchung aller Schriften und Aussagen von Zeitzeugen müsse unter anderem das Grab in Saarbrücken geöffnet und etliche Unterlagen nach Rom gebracht werden.

Zum Abschluss las die aus Aleppo stammende Schülerin Raghad Fansa Kelabi aus dem fünften Flugblatt der Weißen Rose vor. Musikalisch umrahmt wurden die Feier von einem Schülerchor sowie instrumentalen Darbietungen. Nach dem offiziellen Teil wartete ein Buffet mit jeder Menge syrischen und arabischen Spezialitäten auf die Gäste. Ein kleiner Ausblick auf die Vielfalt, die am BBZ gelebt wird. So ist die Feier eingebettet in die Willi-Graf-Gedenkwochen, während der sich die Schüler nicht nur mit Themen wie der NS-Diktatur oder der „Weißen Rose“ in verschiedenen Ausstellungen und Zeitzeugengesprächen auseinandersetzen.