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Aktionswoche Sucht
Wenn Kinder die Sucht der Eltern decken

St. Ingbert/Bliestal. Vom 11. bis zum 17. Februar weist eine Aktionswoche auf die extremen Belastungen für Kinder süchtiger Eltern hin. red

Die vom 11. bis 17. Februar stattfindende Aktionswoche „Kinder aus suchbelasteten Familien“ macht auf die enormen, fast unerträglichen Belastungen aufmerksam, die Kinder aus suchbelasteten Familien zu oft erdulden und aushalten müssen. Initiator ist die Nacoa Deutschland – Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien. Die Mitglieder des Arbeitskreises „Gemeindenahe Suchtprävention im Saarpfalz-Kreis“ unterstützen diese Initiative.



„Sie haben sich gestritten, Sachen sind durch die Gegend geflogen, es war laut. Das ging meist bis spät in die Nacht hinein, so dass ich kaum schlafen konnte.“ Marina spricht ruhig, fast ausdruckslos, wenn sie über ihre Kindheit berichtet. Ihre Eltern sind alkoholkrank – beide. Die Sechzehnjährige versucht jegliche Emotion hinter einer Maske von Coolness zu verstecken. Doch als sie weiterspricht, hört man die Trauer in ihrer Stimme. „Manchmal haben sie mich für irgendwas angegriffen, für was ich gar nicht verantwortlich war. Mit der Zeit habe ich mich in mir selber verkrochen und war immer sehr ruhig. Und immer hatte ich das Gefühl, dass ich daran schuld bin, dass meine Eltern trinken.“ Berichte wie der von Marina sind typisch für Kinder suchtkranker Eltern. Sie wachsen in einer spannungsgeladenen Atmosphäre auf und leben in ständiger Unsicherheit, was ihre betrunkenen Eltern im nächsten Moment tun werden.

Auf 2,6 Millionen wird die Zahl der Kinder aus Suchtfamilien von Experten geschätzt. Ungefähr jedes sechste Kind in Deutschland würde somit im Schatten der Sucht aufwachsen, die meisten davon mit Alkoholikern. Sehr früh übernehmen diese Kinder Verantwortung für die Eltern und springen in die Bresche, wenn die Erwachsenen suchtbedingt ausfallen. Nicht selten erledigen die Kinder den Haushalt und versorgen die kleineren Geschwister. Und oftmals kümmern sie sich so sehr um die Bedürfnisse ihrer Eltern, dass sie darüber verlernen, Kind zu sein. Auch Marina entwickelte feine Antennen, und lernte, aus Stimmungen, Gesten, Nuancen abzulesen, was ihre Eltern brauchten. Kinder von Suchtkranken schämen sich für ihre Eltern, und versuchen zugleich alles, um sie zu schützen. Niemand außerhalb der Familie soll erfahren, dass Vater oder Mutter ein Suchtproblem haben. So dürfen die Kinder oft keine Freunde mit nach Hause bringen und erzählen notfalls Lügengeschichten, um den Schein der Normalität zu wahren. Innerlich quält sie das Gefühl, anders zu sein als andere Kinder, nicht normal und nicht liebenswert zu sein.

Eine solche Kindheit hinterlässt Spuren in den Seelen der Kinder. Ein Drittel von ihnen entwickelt in der Jugend oder im Erwachsenenalter eine eigene stoffliche Sucht. Ein weiteres Drittel zeigt psychische oder soziale Störungen. Viele Kinder, die mit süchtigen Eltern aufwuchsen, suchen sich wieder einen Süchtigen als Lebenspartner und leben damit das Programm weiter, das sie bereits als Kinder verinnerlicht haben.

Doch es gibt Hoffnung für Kinder aus Suchtfamilien. So haben sie gute Chancen, sich trotz widriger Kindheitsumstände relativ gesund zu entwickeln, wenn es in ihrer Umgebung erwachsene Vertrauenspersonen gibt, die sich ihnen zuwenden, ihnen zuhören und ihnen das Gefühl vermitteln, angenommen und wertvoll zu sein.

Lange Zeit erhielten Kinder aus Suchtfamilien in Deutschland wenig Aufmerksamkeit und fielen allzu oft durch die Maschen bestehender Hilfesysteme. Dies beginnt sich langsam zu ändern. Im Rahmen der Diskussion über die Verbesserung des Kinderschutzes wuchs in den letzten Jahren auch das Bewusstsein, dass in vielen Fällen von Kindesmisshandlung oder Kindesvernachlässigung Suchtprobleme der Eltern die Ursache waren. „Für die von familiären Suchtproblemen betroffenen Kinder ist es wichtig, dass Pädagoginnen und Pädagogen in Kindergärten und Schulen über die Auswirkungen von Sucht Bescheid wissen und in der Lage sind, für die Kinder emotional da zu sein. Dadurch können sie eine immens wichtige Unterstützung sein, und dazu beitragen, dass aus den Kindern von heute nicht die Süchtigen von morgen werden.“, so Annette Blug, Diplom-Sozialarbeiterin beim Sozialen Dienst des Gesundheitsamtes Saarpfalz-Kreis. Dieses aufgreifend hat der Arbeitskreis Gemeindenahe Suchtprävention im Saarpfalz-Kreis initiiert, dass für pädagogische Fachkräfte im Kita-Bereich die von der rheinland-pfälzischen Landeszentrale für Gesundheitsförderung konzipierte Fortbildung „Kind s/Sucht Familie“ erstmalig von Mitgliedern des Arbeitskreises angeboten wird. „Kinder von suchtkranken Eltern brauchen dringend intensive Fürsorge und Ansprechbarkeit. Die Möglichkeit, über die Multiplikatoren im Vorschul- und Schulbereich vertrauensvolle Ansprechpartner zu finden, die sensibel sind für die belastende Situation der Kinder, ist ein guter Ansatz“, sagt Landrat Theophil Gallo.