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Integration
Wenn Familien auf der Flucht getrennt werden

Nach drei Jahren zermürbendem Warten und Bangen hat es Familie Al Hassan endlich geschafft: Sie leben nun gemeinsam in der Mittelstadt.
Nach drei Jahren zermürbendem Warten und Bangen hat es Familie Al Hassan endlich geschafft: Sie leben nun gemeinsam in der Mittelstadt. FOTO: Daniela Ruppert
St. Ingbert. Die Stadt St. Ingbert erreichten in diesem Jahr 115 Menschen durch Familiennachzug. Wie es ab März 2018 aussieht ist ungewiss.

Seit 2015 stieg die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge in St. Ingbert wie in allen Kommunen rapide an. Die meisten, die seither zu uns kamen, haben in ihrer Heimat alles verloren. Zum Teil konnten sie nicht einmal mit der gesamten Familie hier her reisen. Väter kamen ohne ihre Frauen und Kinder,

Frauen mussten Kinder und Männer zurücklassen oder sogar Kinder ihre Eltern und Geschwister. Mike White, Leiter der Stabsstelle Integration und Sozialarbeiterin Daniela Ruppert wissen von den Schicksalen dieser Menschen zu berichten – und den Problemen, die damit in Zusammenhang stehen.


Zu den Aufgaben der Stabsstelle gehört es, die Neuankömmlinge bei ihren ersten Schritten hier zu begleiten, sie zu unterstützen und ihnen den bestmöglichen Weg zu bereiten, um Fuß fassen zu können. Dazu zählen Anmeldung bei Geburten, Krankenversicherung, Sprachkurse, Termine beim Gesundheitsamt, Schulanmeldungen, Wohnungsvermittlung und vieles mehr. Auch Um- und Wegzüge in andere Kommunen fällt in ihr Gebiet.

„Uns ist wichtig, dass die Menschen direkt zu uns kommen“, erklärt White. „Wenn sie erst einmal in einer Abwärtsspirale stecken und mit Dingen wie Wohnungslosigkeit, Gesundheitlichen Problemen oder Schulden zu kämpfen haben, ist es für sie oft viel schwieriger. Sie fangen dann nicht nur bei Null an, sondern bei minus einhundert.“



Im Idealfall hilft das Team der Stabsstelle Integration von Beginn an mit und sorgt für einen reibungslosen Ablauf. „Integration bedeutet auch, dass die Leute zu Anfang gefordert werden, sich anzupassen“, betont White. In St. Ingbert klappt das sehr gut. „Wir wollen den sozialen Frieden in der Stadt bewahren. Dazu gehört auch, dass jeder gleich behandelt wird.“ Unabhängig, ob In- oder Ausländer.

Insgesamt liegt die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge in St. Ingbert aktuell bei 996. Davon sind 2017 208 dazugekommen. 27 davon kamen in diesem Jahr hier zur Welt, 60 zogen aus einer anderen Kommune hinzu, 6 aus dem Ausland und 115 gehören zum sogenannten Familiennachzug. Unter bestimmten Bedingungen haben hier aufgenommene Flüchtlinge ein Recht darauf, ihre Familien zu sich zu holen. Ehepartner und minderjährige Kinder zum Beispiel. Aber auch Minderjährige, die alleine hergekommen sind, dürfen ihre Eltern und Geschwister nachholen. Inzwischen wird aber genau das immer schwieriger. Oft ziehen sich die Anträge und die Sachbearbeitung extrem lange hin.

„Eine Familie musste drei Jahre darum kämpfen, um wieder gemeinsam leben zu dürfen“, erzählt Daniela Ruppert. „Der Vater lebt hier, seine Frau und die Kinder hatten jedoch ein gültiges Visum in einem anderen Land. Dort durfte er wiederum nicht einreisen und seine Frau und die Kinder nicht einfach nach Deutschland kommen, da sie ein gültiges Visum für jenes andere Land besaßen.“ Ein komplizierter Fall, der den Vater schwer belastete. Vor vier Wochen nahm er ein gutes Ende. Die Familie lebt jetzt gemeinsam hier in St. Ingbert.

Seit 2015 wurde das Thema Familiennachzug vermehrt kompliziert. Damals durften anerkannte Flüchtlinge und Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz (siehe „Hintergrund“) davon Gebrauch machen. Nach der großen Anzahl ankommender Flüchtlinge entschied die Große Koalition ab 17. März 2016 Familiennachzug für die Menschen mit eingeschränktem Status zunächst für zwei Jahre auszusetzen. Die politische Entscheidung, wie es nach dem 17. März 2018 weitergeht, ist offen.

In vielen Fällen herrscht nun zermürbendes Warten. Das belaste natürlich auch den Fortschritt der Integration, so Ruppert. Die Caritas helfe in Fällen von subsidiärem Schutz mit rechtlicher Beratung weiter. Aber auch in den übrigen Fällen laufe nicht immer alles glatt.

Nach Abschluss des Asylverfahrens hat ein Flüchtling drei Monate Zeit eine „fristwahrende Anzeige“ für Familiennachzug zu stellen. Diese geht an die deutsche Botschaft in der Heimat des Flüchtlings. Da es die in Damaskus nicht mehr gibt, müssen Syrer in die entsprechende Botschaft in der Türkei, dem Libanon oder in Jordanien – je nachdem wo sie festhängen. Dort bekommen sie einen Termin. Während der Wartezeit werden Unterlagen vorbereitet: Geburts- und Heiratsurkunden, Visaanträge und so weiter. Im Anschluss des Termins erfolgt die Sachbearbeitung. „Es kommt vor, dass ein Kind mit 15 oder 16 Jahren hier her kommt, einen Antrag stellt und die Bearbeitung so lange hingezogen wird, dass er oder sie bis dahin volljährig ist“, berichtet Ruppert. „In einem solchen Fall erlischt der Anspruch auf Familiennachzug.“ Viele Wenn und Aber, die es den Menschen noch schwerer machen, als sie es ohnehin schon haben. Denn aktuell stellt sich besonders die Frage: Wie geht es ab März weiter?