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Lesung
Über die Kindheit: Aufbruch in eine andere Lebenswelt

Der Literaturkritiker Ralph Schock las beim Literaturforum in der Stadtbücherei.
Der Literaturkritiker Ralph Schock las beim Literaturforum in der Stadtbücherei. FOTO: Sonja Colling-Bost
St. Ingbert. Der Publizist Ralph Schock las in der St. Ingberter Stadtbücherei red

() Weit über die Grenzen des Saarlandes hinaus hat sich Ralph Schock als Literaturwissenschaftler, Publizist und Literaturredakteur des Saarländischen Rundfunks in der Kultur- und Literaturszene einen Namen machen können. Ein großes Publikum hatte sich in der Stadtbücherei eingefunden, wo er auf Einladung des St. Ingberter Literaturforums (ILF) sein literarisches Debüt mit dem Titel „Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse“ präsentierte.


ILF-Sprecher Jürgen Bost würdigte den Gast und hob seine Rolle als Literaturvermittler hervor. Ralph Schocks belletristisches Debütwerk versammelt eine Fülle bemerkenswert komponierter „Erinnerungsbruchstücke“ aus einer Zeit, in der Klicker (Murmeln) und nicht Klicks zählten. Der mittlerweile im Ruhestand agierende Literaturredakteur hat seine Kindheit nicht als Geschichte aufgeschrieben, sondern in Form von Miniaturen. Er lässt die Zuhörer in Schubladen stöbern, deren Kapitelüberschriften wie Etiketten wirken. Manche dieser Vignetten umfassen nur einen einzigen Satz, und kein Kapitel ist länger als zwei Seiten. Der kindliche Ich-Erzähler wirkt dabei wie ein von außen kommender fremder Zeitzeuge, er nimmt wahr, ohne zu verstehen, gibt lapidar wieder, ohne auszuschmücken oder zu bewerten. Alle Miniaturen sind vorbehaltlos vergegenwärtigt und kommen mit einer Unschuld daher, wie sie nur Kindern zu eigen sein kann.

Der Bogen des Erzählten spannt sich von der Demütigung im Dorfladen, von der Hausschlachtung bis hin zu zarten Aussagen über aufkeimende erste Liebe oder vom „Tag X“, an dem der Vater endlich die Zeltplane vom goldfarbenen Volkswagen abzieht, der nun „das alte Cremeschnittchen“ ersetzt. Mit einsetzender Pubertät bricht der Autor ab, ein Gefühl des Aufbruchs in andere Lebenswelten keimt auf.



Viele im Publikum erkannten in den teilweise nur wenige Zeilen umfassenden Erinnerungsfetzen ihre persönliche Adoleszenz. Und so wurde in der Aussprache vor allem nach dem Prozess des Komprimierens und Verdichtens gefragt, der alles präzise auf den Punkt bringt und ein lebendiges Zeitkolorit entstehen lässt. Aufgeschrieben hat der Autor diese Begebenheiten und Eindrücke für seine beiden Töchter, die in einer völlig anderen Zeit aufgewachsen sind. Der Mut zum biografischen Schreiben sei zugleich ein Ankämpfen gegen das Vergessen, betonte Schock.

Zum Abschluss der Lesung dankte Jürgen Bost seinem Gast und kündigte als weitere Veranstaltungen für Mittwoch, 18. April, im Rahmen der Literaturtage im Saarland eine Begegnung mit Lothar Quinkenstein aus Berlin an, der seinen Bilderbogen „Die Deckelmacher“ vorstellen wird. Am Mittwoch, 2. Mai, wird es einmal wieder um mundartlich gestaltete Texte gehen: St. Ingberter Autoren (Manfred Kelleter, Peter Wilhelm und Albrecht Zutter) präsentieren ihre Werke und lassen mit Esther Dewes und Axel Kerber auch besondere Gäste zu Wort kommen.

Am Donnerstag, 24. Mai, kommt der im Saarland geborene Zeit-Redakteur Matthias Stolz nach St. Ingbert. Er hat die Rubrik „Deutschlandkarte“ und den Begriff „Generation Praktikum“ erfunden.

Mit der Vorstellung von Marcus Imbsweilers aktuellem Titel „Fjordmusik“, der Darstellung einer ebenso heiteren wie spannenden Orchesterreise nach Norwegen, am Mittwoch, 6. Juni, schließt sich der Kreis der ILF-Veranstaltungen im ersten Halbjahr.