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Traumatherapie auf der Bühne

Das integrative Theaterprojekt „Schams“ trat am Sonntag in der Stadthalle mit seinem Stück „Nie wieder Hass“ auf. Eine berührende wie aufwühlende Geschichte um das Verlieren einer Heimat und das Finden eines neuen Zuhauses. Foto: Cornelia Jung
Das integrative Theaterprojekt „Schams“ trat am Sonntag in der Stadthalle mit seinem Stück „Nie wieder Hass“ auf. Eine berührende wie aufwühlende Geschichte um das Verlieren einer Heimat und das Finden eines neuen Zuhauses. Foto: Cornelia Jung FOTO: Cornelia Jung
St Ingbert. „Schams“ bedeutet im Arabischen Sonne, und so soll es sein: eine Sonne, die gemeinsam für alle scheint. Mit einem beeindruckenden Schauspiel hat die integrative Projektgruppe „Schams“ ihr St. Ingberter Theaterpublikum berührt. Cornelia Jung

Bisher war das fremdländisch klingende "Schams" für die meisten St. Ingberter nur ein Wort, doch spätestens seit der berührenden wie grandiosen Aufführung dieses integrativen Theaterprojektes in der Stadthalle wird man sich den Namen merken. Denn nun hat man Bilder vor Augen. Bilder des intensiven Spiels der rund 25 Akteure in der Geschichte "Nie wieder Hass", die von Heimat, Vertreibung, Flucht, Neuanfang, Versöhnung und Vergebung handelt. Mit einem aufs Nötigste reduzierten Bühnenbild, ebenso minimalistischen Kostümen, aber viel Gefühl, erlebten die rund 500 Zuschauer in der ausverkauften Halle, wie es sich anfühlen muss, durch einen Krieg zerrissen zu sein. Und dass es, wie es einem schauspielernden Kind in den Text geschrieben wurde, eben nicht cool ist, aus Syrien zu kommen, "weil es da Bomben und Flugzeuge" gibt. Manche Gäste waren ergriffen, einige den Tränen nahe. So plastisch war die Darstellung der Ereignisse, die für viele auf der Bühne Stehende ehemals Realität waren. Die gemeinsame Probenarbeit seit Anfang des Jahres hat sich gelohnt, und Schams ist für viele Mitwirkende eine zweite Familie geworden. Beim professionell wirkenden Laienspiel galt es, im Vorfeld auch Disziplin zu lernen. Niemand aus der Truppe hätte wohl gedacht, dass eine Idee solche Fahrt aufnimmt, die die Schauspieler bisher auf die Bühnen nach Frankfurt und Saarbrücken führte und nach der Präsentation am Sonntag vielleicht nach Dinslaken oder München. Anfragen liegen bereits vor. Als die Metro-Gruppe Ende des vergangenen Jahres einen Wettbewerb um Fördergeld für Integrationsprojekte auslobte, machte sich auch das aktive St. Ingberter Netzwerk für Flüchtlinge Gedanken, ob man nicht einen Beitrag einreichen solle.


Für alle etwas Neues



Doch es gab noch kein Projekt, bei dem verschiedene Charaktere und Nationalitäten mit den unterschiedlichsten Talenten ein Ziel verfolgten, bei dem sie Spaß haben und die Kultur und Sprache des jeweils anderen lernen. Es sollte für alle etwas Neues sein, jeder eine Herausforderung erkennen. Es entstand eine Idee zu einem Theaterprojekt. Mit Johannes Becher von den Musenbolden und dem Syrer Mwoloud Daoud, der in seiner Heimat als Regisseur arbeitete und dem St. Ingberter Orga-Team bisher nur aus der Zeitung bekannt war, nahm man Kontakt auf. Mit der künstlerischen Leitung des zweisprachigen Tandems versprach die Regiearbeit interessant zu werden. Die Künstler nahmen die Aufgabe an und lernten sich kennen. "Beide haben sich gesehen und direkt gemocht. Da sind Blitze übergesprungen", erzählt Christina Wieth von der Gruppe, die hinter der Bühne die Fäden zusammenhält. Die Laienschauspieler unterschiedlicher Herkunft, zwischen neun und 49 Jahre alt, fand man über Aushänge in Schulen und über die sozialen Netzwerke. Becher und Daoud schrieben der Gruppe ein aktuelles Stück auf den syrisch-deutsch-türkischen Leib. Es galt, ein Thema zu finden, das nicht nur international berührt und verstanden wird, sondern auch alle Generationen gleichermaßen betrifft. Schams, ein Wort, das im Arabischen Sonne bedeutet, steht dabei als Symbol. Sie scheint überall und für jeden, jeden Tag geht sie wieder auf und bietet immer von Neuem eine neue Chance.

Die Theateraufführung gab einen Einblick in die Gefühlswelt der verschiedenen Kulturen unter dem Einfluss der Ereignisse der vergangenen Monate. Die Schauspieltruppe war nach den Standing Ovations "hochzufrieden und total geflasht", und eine Psychologin unter den Gästen sprach gar von einer Art Traumatherapie, die da auf der Bühne stattgefunden habe.