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Wochen-Kolumne
Tierschutz fängt bei uns zuhause an

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Unsere Berichterstattung über die Löwen im Circus Carl Althoff und deren Gastspiel demnächst in Rohrbach hat natürlich Tierschützer auf den Plan gerufen. Man kann ihre Aufregung nachvollziehen, muss es aber nicht.

Tierschutz ist sicher eine unstrittige gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zu alarmierend sind die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien etwa über das von uns verursachte Artensterben bei Insekten und Vögeln selbst in unserem unmittelbaren Lebensumfeld oder über die negativen Begleiterscheinung­en der industriellen Massentierhaltung, um nur zwei Beispiele zu nennen. Nur noch wenige Unbelehrbare negieren diese Phänome oder spielen sie herunter. Das ist mit das Verdienst vieler engagierter haupt- und ehrenamtlicher Tierschützer. Bisweilen schießen die aber leicht über das Ziel hinaus. Die Löwen des Circus Althoff, die um die Oster-Feiertage auf dem Rohrbacher Festplatz durch die Manege laufen und springen werden, mögen ein Beispiel dafür sein. Es handelt sich um Tiere, die unter Umständen seit Generationen im Zirkus geboren wurden, die nach von Amtstierärzten kontrollierten Vorschriften gehalten werden, denen in ihren Boxen im kalten mitteleuropäischen Winterlager gar wärmende Infarotlampen zur Verfügung stehen, und denen im Gegensatz zu vielen Zoo-Tieren mit Training und Auftritten eine fast tägliche abwechslungsreiche Beschäftigung geboten wird.


Manche Tierschützer werden einwenden, dass es nicht um die Althoff-Löwen speziell geht, sondern um die Tatsache, dass Wildtiere in Zoos oder Zirkussen nie artgerecht gehalten werden können. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Aber: Wie wollen wir in Zukunft unseren Mitmenschen, insbesondere Kindern, Respekt vor der Kreatur und vielleicht sogar Engagement für ihre Erhaltung nahebringen, wenn sie Löwen oder Elefanten nur aus dem Fernsehen oder von Computerspielen kennen und noch nie leibhaftig gesehen und gerochen haben? Und: Gibt es im Blick auf artgerechte Haltung von Tieren nicht ganz andere Baustellen als die überschaubare Anzahl von in Zoos und Zirkussen lebenden Wildtieren? Allein in Deutschland leben Millionen von Hunden, Katzen, Vögeln und Fischen, von denen eine nicht geringe Zahl alles andere als artgerecht gehalten wird. Keine Mahnwache erinnert an das Schicksal eines 35-Kilogramm schweren Laufhundes, der in einer 60-Quadratmeter-Wohnung im vierten Stock eines Wohnhauses täglich auf einen oder zwei Kurztripps um den Block warten muss, oder den ungewollten Katzennachwuchs, der totgeschlagen in einer Mülltonne landet oder in einer lebensfeindlichen Umgebung ausgesetzt wird. Niemanden kümmert der Kleinpapagei, der nie außerhalb seines Käfiges fliegen darf, oder der Zierfisch, der im Mini-Aquarium sein kurzes ödes Dasein fristet. Da geht es den Löwen im Circus Althoff oder den Elefanten im Neunkircher Zoo sicher um einiges besser.