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St. Ingbert mitten im Pott

Die St.-Ingbert-Höhe am Essener Stadtrand. Foto: Oliver Bergmann
Die St.-Ingbert-Höhe am Essener Stadtrand. Foto: Oliver Bergmann
St. Ingbert/Essen. Die Vorgärten sind gepflegt, ebenso die Fassaden der Eigentums- und Mehrfamilienhäuser. Keine Frage, hier im Nordosten der Stadt Essen, im Stadtteil Leithe, ließe es sich gut leben. Okay, im Fünf-Minuten-Takt rauschen Züge über den Bahndamm, der die Südgrenze dieser typischen Ruhrgebietssiedlung bildet Von SZ-Mitarbeiter Oliver Bergmann

St. Ingbert/Essen. Die Vorgärten sind gepflegt, ebenso die Fassaden der Eigentums- und Mehrfamilienhäuser. Keine Frage, hier im Nordosten der Stadt Essen, im Stadtteil Leithe, ließe es sich gut leben. Okay, im Fünf-Minuten-Takt rauschen Züge über den Bahndamm, der die Südgrenze dieser typischen Ruhrgebietssiedlung bildet. Und aus nördlicher Richtung schwappt leise die Geräuschkulisse der nahen Autobahn herüber. Doch weil es sich dabei um die A40 handelt, würde sie der Ruhrgebietler niemals als Lärm bezeichnen. Zu ihr pflegt er eine überaus innige Beziehung.



Die Straßen, die die hier lebenden Menschen als ihre Heimat bezeichnen, tragen vertraute Namen wie "Merziger Aue", "Homburger Weg", "Dudweilerstraße" oder: "St.-Ingbert-Höhe". Eine geballte Portion Saarland mitten im Revier. Das kann ja kein Zufall sein. "Ist es auch nicht", sagt der Leiter des Essener Hauses der Geschichte, Klaus Wisotzky. "Die Straßen haben ihre Namen im November 1935 anlässlich der Rückkehr des Saargebietes ins Deutsche Reich erhalten." Rund um dieses Ereignis entstand im Ruhrgebiet eine, wenn auch zum Teil angeordnete, Saar-Euphorie. In der Essener Nachbarstadt Hattingen stellte der örtliche Saar-Pfalz-Verein am 1. März 1936 sogar ein Saarland-Denkmal auf, es war das Erste im ganzen Reich und trug die Inschrift: "Schwört und sprecht: Recht bleibt Recht, Wahr bleibt Wahr, Deutsch die Saar!"

In Essen wählten die Stadtväter passenderweise eine vom Bergbau geprägte Siedlung für die neuen Straßennamen aus. Viele Zechen im Ruhrgebiet trugen durchaus klangvolle Namen, etwa "Hermanns Gesegnete Schiffahrt" "Verlohrner Sohn" oder "Vollmond". Die für "Klein-Saarland" bedeutende Zeche hieß schlicht "Centrum". Sie war von 1858 bis 1963 in Betrieb.

Eine interessante Rolle nimmt in diesem Gebiet der Volksgartenweg ein. Ihn gibt es nämlich erst seit 1946. Er trat die Folge der nach Hermann Röchling benannten Röchlingstraße an, die im Zuge der Entnazifizierung der Straßennamen verschwand. Heute spaltet Hermann Röchling wegen seiner Rolle im Dritten Reich die Stadt Völklingen.

Was man in Leithe auf den ersten Blick durchaus vermissen darf, ist die Saarbrücker Straße. Lange dauert die Suche aber nicht. Folgt man der A40 in Richtung Westen, erreicht man über die Anschlussstelle Essen-Huttrop das Essener Südostviertel. Hier ist die Saarbrücker Straße ein wahrer Platzhirsch - sie existiert schon seit 1898. Damals galt Essen dank Krupp als aufstrebendes Stahlzentrum, erst zwei Jahre zuvor knackte die Bevölkerungszahl die 100 000-Marke. "Mit der Saarbrücker Straße sollte die Erinnerung an Besetzung Alt-Saarbrückens während des Deutsch-Französischen Krieges am 2. August 1870 erhalten bleiben", sagt Klaus Wistotzky. Drei Tage später war der Spuk in Saarbrücken schon wieder vorbei und die Stadt befreit.

Hintergrund

Leithe ist ein außergewöhnlicher Ort. Denn durch ihn verläuft die Grenze zwischen dem Rheinland und Westfalen. So kommt es, dass der rheinische Teil zu Essen gehört, der westfälische hingegen auf dem Hoheitsgebiet des Bochumer Stadtteils Wattenscheid liegt. Überregionale Bedeutung erlangte Leithe (Westfalen) durch die Kornbrennerei Schulte-Kemna, und die Kornspezialität "Weizenjunge". obe