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Freiwasserschwimmen
Schwimmend um die Welt

Sarah Bosslet (vorne) bereitet sich bei den Weltmeisterschaften im ungarischen Balatonfüred auf den Start vor.
Sarah Bosslet (vorne) bereitet sich bei den Weltmeisterschaften im ungarischen Balatonfüred auf den Start vor. FOTO: dpa / Axel Heimken
St. Ingbert. Im März nimmt die 24-jährige Sarah Bosslet Kapstadt, Südafrika in Angriff. Das Abenteuer Freiwasserschwimmen führte die St. Ingberterin schon um die halbe Welt. Von Lucas Jost

Hamburg, London, Plattensee, Ungarn, Lac Saint-Jean, Kanada, Hong Kong, Chun’An China, Patagones, Argentinien. Was sich anhört wie der Traum eines jeden Fernweh-Leidenden, ist nur ein kleiner Auszug aus dem Reise-Portfolio der 24-jährigen St. Ingberterin Sarah Bosslet. Eine der besten Freiwasserschwimmerinnen Deutschlands. Ihre sportliche Karriere führte sie aus ihrer Heimatstadt im Saarland schon gefühlt in jedes entlegene Fleckchen unseres Planeten. Ihr kommendes Abenteuer führt sie einmal mehr halb um die Welt, knapp 10 000 Kilometer in den Süden nach Kapstadt, Südafrika.


Doch bevor sie als Weltenbummlerin unseren Planeten erkundete und dabei sportlich abräumte, begann sie ganz klassisch im kleinen, lokalen Becken. „Ich habe Schwimmen gelernt, dann war ich im Verein, bei den Schwimmfreunden St. Ingbert. Es gab kein besonderes Ereignis. Meine Eltern sind sportlich, aber sind keine Leistungsschwimmer, sie machen hobbymäßig Triathlon. Ich habe das einfach gemacht, weil es mir Spaß gemacht hat. Dann hat sich das wettkampfmäßig so entwickelt“, erzählt Bosslet. Mit sechs Jahren an der Landessportschule, im Jahr 2006 die ersten deutschen Jahrgangs-Meisterschaften im Becken, 2007 die ersten im Freiwasser. Die ersten Medaillen gab es ein Jahr später. Bosslet sahnte zwei Mal Bronze ab, über 2,5 und fünf Kilometer. Die erste Berufung in die Nationalmannschaft folgte. „Ich war sowieso eher auf die langen Strecken ausgelegt. Früher sind wir alle im Freiwasser gestartet, um das auszutesten. Ich habe dann Gefallen daran gefunden, weil es was ganz anderes ist als im Becken zu schwimmen. Man schwimmt in der Gruppe, es kommt viel auf Taktik an. Da spielen viele Dinge zusammen, die es im Becken nicht gibt.“

Eine Schulterverletzung im Jahr 2010 warf sie lange zurück. Eine schwierige Zeit. Die eigenen Leistungen waren unbefriedigend, die Ergebnisse wenig zufriedenstellend. Den nötigen Rückhalt erfuhr Bosslet von ihren Eltern. „Sie haben mich auch in all meinen Entscheidungen unterstützt, haben immer hinter mir gestanden, mich aber nie zu irgendwas gedrängt.“ Endgültigen Anschluss an die Spitze schaffte sie bei der EM 2016 in Hoorn. Dort landete sie über 25 Kilometer auf Platz acht, über fünf Kilometer auf Platz elf. Es folgten Weltcup-Teilnahmen rund um die Welt. Bestes Ergebnis: Platz vier in Patagones-Viedma in Argentinien über zehn Kilometer.



„Ich bin sehr dankbar, dass ich schon so viel in der Welt rumreisen durfte. Meine Persönlichkeit ist ganz stark daran gewachsen. Ich denke, ich bin viel offener geworden, sehr kontaktfreudig, gehe auf Leute zu“ erzählt Bosslet. Doch wer finanziert diesen immensen Aufwand? „Das ist schon sehr kostenintensiv. Die letzten Jahre wurde ich eigentlich gar nicht gefördert. Letztes Jahr hat sie Sportstiftung Saar teilweise ein bisschen übernommen. Die Jahre davor waren meine Eltern meine Hauptsponsoren.“ Dennoch: die Reise zu Wettkämpfen sei unersetzlich, sonst ist man schnell abgehängt: „Man braucht Wettkampf-Erfahrung. Da bringt noch so viel Training nichts, wenn man nicht an Wettkämpfen teilnimmt.“

Bei denen verbringt die Saarländerin bis zu fünfeinhalb Stunden im Wasser. Eine massive Belastungsprobe für Körper und Geist. „Man kann sich nicht erlauben, dass die Gedanken abschweifen, weil man immer aufmerksam sein muss. Es kann jemand anziehen, kann jemand versuchen, die Gruppe zu sprengen. Die Gedanken abschweifen zu lassen, ist nicht möglich. Ich kann nicht so genau sagen, an was man so denkt. Aber es ist noch so ganz abwegig“, sagt sie und scherzt: „Die Frauen an sich sind eher grober als die Männer, da geht es manchmal nicht so fair zu. Man muss schon ein paar Schläge und Tritte einstecken können.“

Die Grundlage für diese wahnsinnigen Anstrengungen wird im Training gelegt. Als Beispiel: In ihrer vergangenen 52-Wochen-Saison spulte Bosslet wahnsinnige 4100 Trainingskilometer ab. Aktuell trainiert sie zu Hause. Anfang März geht es weiter nach Südafrika. „Meine Entscheidung war unabhängig vom Trainerwechsel von Hannes Vitense. Er hat mich zu der Sportlerin geformt, die ich heute bin“, sagt sie. Die 24-Jährige folgt stattdessen einer Einladung in eine internationale Trainingsgruppe, in der unter anderem der brasilianischen Schwimm-Star Ana Marcela Cunha und Fernando Possenti, Trainer von Cunha und als solcher in der Kategorie FINA Best Female Open Water Swimmer 2017 ausgezeichnet, vertreten sind. „Da musste ich nicht lange überlegen. Das ist eine einmalige Chance.“ Denn zwei Ziele hat Sarah Bosslet fest vor Augen. „Dieses Jahr die EM, langfristig Tokio.“ 2020 – wenn dort die olympischen Spiele sind.