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Oscarreife Improvisationen

Die Orgel der Hildegardskirche in St. Ingbert hat die Musiker zu einer besonderen Improvisation angeregt. Foto: Hans Peter Mürz
Die Orgel der Hildegardskirche in St. Ingbert hat die Musiker zu einer besonderen Improvisation angeregt. Foto: Hans Peter Mürz FOTO: Hans Peter Mürz
St Ingbert. Wer kennt sie nicht, die alten Stummfilmklassiker. Immer untermalt mit Klaviermusik. Jetzt nahmen sich auch zwei Virtuosen an der Orgel dieser Themen an und gaben zur Orgelnacht in St. Hildegard Orgelbegleitung zu klassischen Filmwerken. red

. Bei der 20. Orgelnacht in St. Hildegard improvisierten Professor Jörg Abbing und Christian von Blohn zu zwei Stummfilmen. Filmkomponisten sind in unseren Tagen hoch geachtete Persönlichkeiten, arbeiten sie doch eng mit dem Regisseur zusammen und geben sie oft einem Film erst seine unverwechselbare Atmosphäre. Nicht umsonst wird auch für die beste Filmmusik regelmäßig ein "Oscar" verliehen. Dabei hat die Filmmusik eine ausgesprochen lange Tradition und reicht weit zurück in die Kindertage der Filmgeschichte, als Stummfilme noch von Pianisten begleitet wurden. Schon damals jedoch bedurfte es der Kunst des improvisierenden Musikers, der spontan auf die gesehenen Szenen reagieren und sie musikalisch angemessen untermalen sollte.


Die Kraft der Liebe

Bei dieser Kunst konnte man in der Orgelnacht zunächst Christian von Blohn belauschen, der vor allem die grundsätzlichen Gefühle erfasste und leitmotivisch prägte, die jede Szene erfasste. Der Stummfilm-Klassiker "Der müde Tod" handelt davon, wie eine junge Frau ihren Ehemann vom Tod zurückfordert. Die Kraft der Liebe und ihre Bedrohung übersetzte von Blohn in schwelgerische melodische Bögen, aber auch in nervöse Dissonanzen. Immer wieder war der Glockenschlag zu hören, um die verstreichende Lebenszeit zu symbolisieren. Im Film scheitert die junge Frau dreimal dabei, den Geliebten zu retten, bildlich eindrucksvoll dargestellt durch das verlöschende Lebenslicht von drei Kerzen bzw. durch die ersterbende Musik. Als sie am Schluss ihr Leben für das eines Kindes opfert, wird sie unerwartet doch wieder mit dem Geliebten vereint. Die Erlösung im Schlussbild drückte sich natürlich in hymnischen Klängen des vollen Orgelwerks aus.



In der Pause nach dem ersten Film ermöglichten die helfenden Hände des Fördervereins für Kirchenmusik den Besuchern einen kleinen Imbiss mit französischem Wein, gleichzeitig Gelegenheit zum Austausch.

Anschließend widmete sich Jörg Abbing, der die Kunst der Improvisation zu Stummfilmen an der Saarbrücker Musikhochschule auch lehrt, sich dem Klassiker des Horrorfilms "Nosferatu", in dem die Gefahr, die von einem reisenden Vampir ausgeht, parallelisiert wird mit der Pest, die eine Stadt ergreift. Auch hier ist es das Opfer einer jungen Frau, das schließlich die Erlösung von beiden Bedrohungen bedeutet. Beim Improvisieren kam es Abbing vor allem darauf an, jeden Stimmungswechsel mit einem neuen Motiv sofort in der Musik abzubilden.

Facettenreiches Spiel

Dabei scheute er sich nicht, die spröden Klänge der Musik des 20. Jahrhunderts einzusetzen, griff aber auch gerne auf die Tonsprache der Spätromantik zurück. Was beiden Organisten gemeinsam war: Sie schöpften aus dem großen Fundus der Späth-Orgel von St. Hildegard, um alle inhaltlichen Facetten des Filmes hörbar zu machen. Insbesondere machten die Zuhörer Bekanntschaft mit dem 16-Fuß-Register "Rankett", das sonst ausgesprochen selten erklingt, aber gerade zu wie geschaffen dazu war, um eine ernste oder sogar gruselige Stimmung zu erzeugen.