| 20:50 Uhr

Integrama
Klischee-Denken mit humorvoller Note

Das Thema Flucht und die Suche der Geflüchteten nach einer neuen Heimat spielen auch im zweiten Schams-Stück „Integrama“ eine Rolle.
Das Thema Flucht und die Suche der Geflüchteten nach einer neuen Heimat spielen auch im zweiten Schams-Stück „Integrama“ eine Rolle. FOTO: Cornelia Jung
St. Ingbert. Das integrative Theaterprojekt Schams hatte am Freitag zur Premiere von „Integrama“ in die St. Ingberter Stadthalle eingeladen.

Neun Monate dauerten die intensiven Proben für das neue Stück „Integrama“ des integrativen Theaterprojektes Schams, das am Freitagabend in der Stadthalle seine Premiere feierte. In ihrem ersten Stück „Nie wieder Hass“ hatten die Laienschauspieler die Ankunft der Flüchtlinge thematisiert und mit welchen Anfangsschwierigkeiten sie zu kämpfen hatten. Nun wollte man den Zuschauern auf amüsante und nachdenkliche Weise näherbringen, wie die Integration mit allen Vorurteilen, Schwierigkeiten und Klischees, die man von „Fremden“ haben kann, funktioniert.


Vor allem war man aber stolz darauf, eine so tolle spielfreudige Gruppe über Alters- und Herkunftsgrenzen hinweg „am Laufen“ gehalten zu haben. „Wir hätten vor eineinhalb Jahren nicht gedacht, dass wir heute wieder hier stehen“, sagte Christina Wieth vom Schams-Orga-Team, „und dann noch als Nominierte für den Integrationspreis.“ Klaus Kunz, Abteilungsleiter der Stabsstelle Integration im Sozialministerium, zeigte sich bereits vor der Aufführung beeindruckt: „Ich war schon gerührt wegen der guten Stimmung beim Einstiegsapplaus.“ Man habe in den vergangenen Jahren mit der Aufnahme der Geflüchteten etwas erlebt, was Deutschland verändert habe. Man habe ohne große Vorbereitung gestrandeten Menschen ein Zuhause geben müssen. Viele hätten als Helfende von Bund, Land, Kommunen und Kirche mitgewirkt, doch ohne die vielen Ehrenamtler wäre das nicht gelungen.

„Die Willkommensgesellschaft im Saarland war das Bett, in dem die Betreuung und die Fürsorglichkeit stattgefunden hat“, sagte Kunz. In der ersten Phase sei die Nothife vorrangig gewesen, in einer zweiten die Integration, die auch Thema des neuen Stückes sei. Innerhalb der Schauspielgruppe wird Integration gelebt. Nicht zuletzt zeigt sich das in den beiden Regisseuren, dem St. Ingberter Johannes Becher und dem Syrer Mwoloud Daoud, die das Drehbuch um eigene Erfahrungen der Schauspieler ergänzen.



Der Einstieg ins Stück beginnt mit syrischer „Folklore“, die von Hiesigen als „Gejammer“ abgetan wird. Der Versuch der Deutschen, den Neubürgern ihre Art von Kultur mit Rockmusik und Biertrinken näherzubringen, bedient das Bild vom „typisch Deutschen“. Amüsant ein Blick in die Sprachschule, die jeder Neuankömmling durchlaufen muss. Hier wird pünktlich (typisch deutsch) angefangen und nicht ganz ernst eine schwierige Sprache gelernt. Ein Saunagang zweier Männer wird thematisiert. Der eine will vorher nackt in die Dusche, der andere ist ein Syrer...

Und dann die Sache mit den Frauen. Während man in fernen Landen schon mal vier Frauen gleichzeitig hat, hat man sie in Deutschland eher „hintereinander“. Wie stressig es mit Zweit-, Dritt- und Viertfrauen sein kann, wird im Stück amüsant auf die Spitze getrieben. Auch das Thema Homosexualität spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle, für uns ein normales Bild, für die Geflüchteten gewöhnungsbedürftig. Die Angst und die Unwissenheit vor Unbekanntem durchzieht das Stück, aber auch die mittlerweile gut integrierten Menschen mit zum Teil erstaunlichem Deutschrepertoire müssen sich noch manches Mal wundern. An einer Haltestelle kommen sie mit Dialekt sprechenden Frauen in Kontakt. Die berechtigte Frage lautete: Sprechen Sie Deutsch?

Eine andere Botschaft: Alle Sorgen und Probleme relativieren sich, denn was ist schon eine verhauene Aufnahmeprüfung gegen „die Klageschreie aus den Häusern in meiner Heimat“. In einer Szene dann der Abschied der Syrer – man will zurück, weil die sozialen Kontakte im Herkunftsland besser seien. Doch egal, wo man lebt, der Kampf gegen den Terrorismus und das Schlechte in der Welt gelingt nur gemeinsam, so die Deutung einer Sequenz, in der ein einzelner Lebensmüder von allen vom Äußersten abgehalten wird. Der Applaus zum Schluss war nicht nur höflich, er war ehrlich, stürmisch und entließ begeisterte Besucher in den Abend. „Vieles war zum Lachen, aber manchmal musste ich richtig schlucken“, sagte eine Zuschauerin. Auf der Bühne stand auch ein St. Ingberter mit Behinderung, der für seine Rolle ohne Text gefeiert wurde. Auch dies ist gelebte Integration.

Einen Tanzpart übernahm Tanzlehrer und Choreograf Mohammed Ali Deeb kurzerhand selbst, denn einer der Hauptakteure, Mounir Saidi, hatte sich in den Proben verletzt. Aber auch dieser stand trotz Verband auf der Bühne. Immer mehr finden Gefallen am Miteinander bei „Schams“. So wie eine Zweibrückerin, die für eine Abiturarbeit eigentlich nur mal kurz hospitieren wollte und als Schauspielerin dabei blieb. Innerhalb der Truppe, wo das Prinzip „Einer für alle, alle für Einen“ gilt, scheint die Integration schon fast gelungen.