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Rap im Juz
Keine Reime mit Nutten, Koks und Ballerei

Berdan Basol, Marcel Jung, Mehmet Keklikci und Julian Hein rappen mit dem Berliner Drob Dynamic im Juz St. Ingbert. Der Kreuzberger ist für einen dreitägigen Workshop nach St. Ingbert gekommen.
Berdan Basol, Marcel Jung, Mehmet Keklikci und Julian Hein rappen mit dem Berliner Drob Dynamic im Juz St. Ingbert. Der Kreuzberger ist für einen dreitägigen Workshop nach St. Ingbert gekommen. FOTO: Nina Drokur
St. Ingbert. Der Berliner Rapper Drob Dynamic hat den Jugendlichen im St. Ingberter Juz gezeigt, wofür die Hip-Hop-Kultur wirklich steht. Von Nina Drokur

Olexesh, Capital Bra, Gzuz – Das sind keine Fantasiewörter, sondern die Namen der deutschen Rapper, die die Jugend heutzutage hört. Zumindest die zehn Jugendlichen, die zum Rapworkshop ins St. Ingberter Jugendzentrum gekommen sind. Die jungen Leute zwischen 13 und 20 Jahren sitzen im Kreis auf einer alten Leder-Couch in einem bunten Raum voll mit alten Konzert-Plakaten, Demo-Banner, aus Zeiten, als die Fortführung des Juz auf der Kippe stand, halb abgekratzte Sticker und bunte Graffiti. Der Berliner Rapper Drob Dynamic ist aus der Hauptstadt in die Mittelstadt gekommen, um dem St. Ingberter Nachwuchs die Hip-Hop-Kultur näher zu bringen.


Bekannt geworden ist der 28-Jährige mit Roma-Wurzeln durch Rap am Mittwoch (RaM), einer Veranstaltung, bei der sich mehrere Rapper frei Schnauze Textzeilen an den Kopf werfen. Übertragen wurde diese sogenannte Cypher auf Youtube. Magda Kannengießer aus Ottweiler war großer Fan von RaM, dessen Ende Initiator Ben Salomo erst vor Kurzem bekannt gab. „Ich hatte Krebs“, sagt die junge Frau, die sich lässig mit umgedrehter Basecap, Karo-Shorts und Hundemarke zwischen den Jugendlichen einreiht. Während der Chemotherapie hat sie viel Zeit im Bett verbracht, erzählt sie. Ablenkung bot das Videoportal Youtube, wo sie Rap am Mittwoch entdeckt und aufmerksam verfolgt hat. Ihr größter Wunsch: Gesund werden, um selbst hinfahren zu können. Den Wunsch konnte sich die heute 25-Jährige 2015 in Frankfurt erfüllen – und mehr. Sie machte Rap am Mittwoch ihr neues Zuhause, reiste eine Saison lang zu jeder Show. Hat sich so mit den Künstlern angefreundet und wurde Teil der Rap-am-Mittwoch-Familie. Und so hat Kannengießer den Rap ins Saarland gebracht. Nach einigen Workshops in Ottweiler mit dem Berliner Rapper Tierstar, der mit „Toptier Takeover“ das Format RaM übernehmen möchte, jetzt auch mit Drob Dynamic in St. Ingbert.

Viele sind zum ersten Mal im Juz. Wirken noch sehr schüchtern. Wollen erst mal nur zugucken. Nix da zugucken, sagt Drob Dynamic, der mit bürgerlichem Namen Robert Andjelkovic heißt. Entweder mitmachen oder gehen, stellt er sie vor die Wahl. Gibt ihnen aber die Möglichkeit einen Moment darüber nachzudenken, während der Sozialarbeiter, anfängt von den Ursprüngen des Hip-Hop zu erzählen. Eine echte Lehrstunde über das New York der 1970er Jahre beginnt. Mit DJs und MCs, B-Boys und B-Girls, viele englische Wörter, die der Kreuzberger aber geschickt zu übersetzen und erklären weiß. Dynamic steht keine 20 Sekunden auf einer Stelle, seine Finger reiten in der Luft auf Schallplatten, in Gedanken sprüht er Graffiti auf die zerfallenen Häuserwände der Bronx, wo Bandenkriege regieren und wo Rap-Battles schließlich für Frieden sorgen. Die Jugendlichen hören ihm gespannt zu und nach und nach hat sich dann doch jeder in die Teilnehmerliste des dreitägigen Workshops eingetragen. Seit 17 Jahren hat sich Dynamic dem Sprechgesang verschrieben, seit neun Jahren ist er Coach, frei nach dem Leitsatz der Hip-Hop-Kultur: „Each one teach one“ – jeder bringt jedem etwas bei. Denn schließlich lerne er auch viel von den Jugendlichen. „Das darf man nicht unterschätzen“, sagt Dynamic.



Es ist ihm wichtig klarzumachen, dass zum Hip-Hop mehr gehört als schneller rhythmischer Sprechgesang – nämlich eine ganze Kultur. „Hip-Hop macht man nicht, Hip-Hop lebt man. Das ist ein Lebensstil“, sagt er leidenschaftlich. Und zu diesem Lebensstil gehöre auch, dass man sich nicht rechtfertigen muss, wo man herkommt oder ob man arm ist oder reich.

Nach viel Theorie folgt die Praxis. Ein Thema muss her. Sie einigen sich auf Mercedes, genauer „AMG“. „Was reimt sich auf AMG?“, fragt Dynamic. „Schnee“ ist das erste was den jungen Leuten einfällt. „Was ist das erste was uns zu Schnee einfällt?“, geht es weiter. „Weiß“, ruft sofort jemand. Dynamic notiert sie untereinander auf einer Flipchart. Und als letztes, was reimt sich auf weiß? Ganz klar: „Scheiß“. Zu jedem dieser vier Worte lässt der Rapper, der selbst in einem Rap-Workshop angefangen hat, die Gruppe einen Satz bilden.

Am Ende schmeißt er „Still Dre“ einen eingängigen Hit des amerikanischen Rappers Dr. Dre auf die Lautsprecher und rappt ihnen die Zeilen ganz langsam vor. Klatscht im Takt „immer auf die zwei und die vier“. Danach sind die Jugendlichen gefragt. Maxim Baraga ist als erster dran. „Ich hör dich nicht, lauter!“, ermutigt Drob Dynamic den 14-Jährigen. Und beim zweiten Anlauf klappt das schon ganz gut. Der Schüler der Schmelzerwaldschule hat über Plakate am Rendezvous-Platz von dem Workshop erfahren und den RaM-Star gleich erkannt. Mit seinen Freunden ist er zwar zum ersten Mal im Juz, den Workshop findet er aber gut und ist mit Eifer dabei. Auch bei der zweiten Aufgabe, die Drob Dynamic stellt. Mit der Methode, die sie gerade gemeinsam erarbeitet haben, sollen die Neulinge ihre eigenen Zeilen schreiben. Es wird plötzlich ganz still im Raum. Konzentriert brüten sie über ihrem Papier, erklären sich noch einmal gegenseitig das Konzept.

Themen wie Geld, Gericht und teure Autos fallen ihnen ein. Warum gerade diese Themen für die Jugendlichen eine Rolle spielen? Es sind die Themen, über die ihre Vorbilder rappen. „Gangster-Rap hat einen schlechten Ruf, aber nichtsdestotrotz eine Daseinsberechtigung“, findet Dynamic. „Es ist besser, wenn sie darüber rappen, statt im wirklichen Leben jemandem in den Kopf zu ballern.“ Doch in dem Alter sei es noch schwer zu differenzieren. Dem stimmt auch Julian Hein zu. Der 25-Jährige übernimmt sonst die Hip-Hop-Abteilung im Juz. Jeden Dienstag baut er seinen Laptop mit entsprechender Software auf und wer möchte, kann dort seine Ideen aufnehmen. Es sei gut, dass Rapper wie Drob Dynamic erklären, worum es beim Hip-Hop eigentlich geht. Wie beim Workshop gelernt: Um Respekt, Friede und Akzeptanz.

Drob Dynamic ermutigt Maxim Baraga seinen Text vorzutragen.
Drob Dynamic ermutigt Maxim Baraga seinen Text vorzutragen. FOTO: Nina Drokur