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In Gemeinschaft gegen Depression

Die Teilnehmer der Mut-Tour fahren in mehreren Teams mit dem Rad durch Deutschland, um das Thema „Depression“ in die Öffentlichkeit zu tragen und über diese Krankheit zu informieren. Eine Radler-Gruppe machte auch in St. Ingbert Station und kam schnell mit Passanten (rechts) ins Gespräch. Foto: Cornelia Jung
Die Teilnehmer der Mut-Tour fahren in mehreren Teams mit dem Rad durch Deutschland, um das Thema „Depression“ in die Öffentlichkeit zu tragen und über diese Krankheit zu informieren. Eine Radler-Gruppe machte auch in St. Ingbert Station und kam schnell mit Passanten (rechts) ins Gespräch. Foto: Cornelia Jung FOTO: Cornelia Jung
St Ingbert. Gemeinsam das Thema Depression als Krankheit und als Thema vieler Betroffener in die Öffentlichkeit rücken: das ist das Ziel der so genannten „Mut-Tour“. Eine Radfahrergemeinschaft aus vielen Teilen Deutschlands, gemeinsam unterwegs durchs Land. Cornelia Jung

Wie schnell sagt man daher, dass etwas "deprimierend" ist, doch wie es sich wirklich anfühlt, wenn man an einer Depression leidet, können nur die Betroffenen sagen. Vielfach trauen sie sich damit aber nicht in die Öffentlichkeit , halten ihre Stimmungsschwankungen, die eben mehr sind als nur wechselnde Gemütslagen, vor Freunden, Verwandten und dem Chef geheim. Diese Krankheit, die jedes Jahr mehr Tote fordert als der Straßenverkehr und häufiger für eine vorzeitige Berentung sorgt als Rückenleiden, wird auch heute noch oft als Stigma gesehen. Statt sich zu verkriechen, solle man der Krankheit die Stirn bieten, die Gemeinschaft pflegen und versuchen, etwas aktiv dagegen zu tun. Das war zumindest die Vorstellung von Sebastian Burger, der 2012 die Mut-Tour, das erste Aktionsprogramm auf Rädern, initiierte. Er merkte damals, wie gut ihm die Bewegung an der frischen Luft tat, als er wegen der dunklen Jahreszeit in eine Art "Winterblues" verfallen war. Radfahren lag für ihn nahe, er ist Mitglied im Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC). Ziel der Tour ist es, Menschen mit und ohne Depressionserfahrungen beim Radeln, beim Kajakfahren oder bei einer Eseltour zusammenzubringen, ihnen Mut zu machen, über Depressionen zu sprechen und andere Menschen mit ähnlichen Problemen zu motivieren, sich Hilfe zu suchen. Rund 7300 Kilometer werden bei der "Mut-Tour 2016", einer Art Staffel-Stern-Fahrt zusammenkommen, die in vier Teams mit insgesamt 52 Teilnehmern absolviert wird, am 4. Juni in Heidelberg startete und Anfang September in Bremen, Burgers Heimatstadt, endet. In verschiedenen Städten können sich Mitfahrer anschließen, Toleranz gegenüber Depressionserfahrenen zeigen und sich mit ihnen austauschen. Eine Gruppe machte jetzt mit ihren Fahrrädern, darunter ein Tandem, die mit auffälligen Gepäcktaschen bestückt sind und zum Teil von Sponsoren stammen, auch in St. Ingbert Station. Sie fuhren bereits von Köln kommend an Rhein und Mosel entlang und wollten noch über Landau und Kempten bis nach Regensburg. Übernachtet wird im Zelt oder auf Einladung von Interessierten, die sich im Gespräch spontan ergibt. Sie haben Kocher, Schlafsack und Campingdusche dabei, stehen morgens zeitig auf und bereiten das Essen gemeinsam zu. Die vier, die vor kurzem gegenüber der Alten Kirche in einem Eiscafé Rast machten, sahen alles andere als depressiv und traurig aus. Doch die Depressions-Erfahrungen, die sie schildern, hören sich im Rückblick anders an. Peter konnte seinen Beruf mit Mitte 40 nicht mehr ausüben, ein Hamburger Mitradler ist berufsunfähig. Katharina aus Freiburg schildert, wie sich die Depression bei ihr äußerte. "Ich war mit Freunden in Kuba im Urlaub. Eigentlich toll, aber ich konnte mich an nichts erfreuen. Das war mir zuviel. Alles verlangte mir enorme Kraft ab", so die junge Frau, die sich mit Selbstmordabsichten trug, bevor sie sich Hilfe holte. Erfahrungen mit Gesprächstherapien, Kliniken oder Medikamenten verbindet sie alle. Und der Mut, ihr Schicksal anzunehmen, dagegen anzugehen. Auf ihren Fahrten kommen sie schnell ins Gespräch, so auch in St. Ingbert . Ein Saarbrücker ADFC-Mitglied wusste von der Tour und brachte spontan Kräuter fürs Abendessen vorbei, ein Junge fragt nach den Fahrrädern und Passanten erkundigen sich, was es mit der Mut-Tour auf sich hat, deren Name auf einem Wimpel steht. Volker Wieland aus Saarbrücken begleitet die Tour bis Zweibrücken. Er trägt das Thema mit seinem Projekt "1fach bewegen" weiter und stellte Kontakte zum Stadtbauernhof in Saarbrücken her, wo alle übernachtet haben. Von St. Ingbert ging es weiter nach Zweibrücken. Derzeit fühlen sich alle in der Gruppe gut, Katharina dazu: "Ich lebe jetzt, ich funktioniere nicht mehr."